
- Alice Munro, Man Booker Prize International 2009 - Derek Shapton
Der mit 60.000 britischen Pfund dotierte Man-Booker-Preis für internationale Literatur wurde erst zum dritten Mal verliehen. Der albanische Autor Ismail Kadaré und der Nigerianer Chinua Achebe waren die ersten Preisträger dieses kleinen Bruders des bedeutendsten britischen Literaturpreises "Man Booker Prize for Fiction". Dieser wird seit 1969 alljährlich mit einer Dotierung von 50.000 Pfund Sterling für ein hervorragendes Buch verliehen.
Kanadische Kollegin Margaret Atwood war auch nominiert
Für Autoren der angelsächsischen Welt ist es bereits eine große Ehre, auf der Nominierungsliste des Fiction-Preises zu stehen. Dies gelang beispielsweise mehrfach der neben Alice Munro zweiten bedeutenden kanadischen Autorin, Margaret Atwood, die mit Munro eng befreundet ist. Die heute knapp 70-Jährige erhielt den Booker-Preis im Jahr 2000 für den Roman „Der blinde Mörder“ und wurde dreimal für andere Bücher nominiert.
Joyce Carol Oates konkurrierte
Eine amerikanische Schriftstellerin derselben Generation wie Atwood und Munro stand 2009 auf der 14-köpfigen Auswahlliste für den Man Booker International Prize: Joyce Carol Oates. Sie konkurrierte mit der bengalischen Autorin Mahasveta Deli, der kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugresic und der Russin Ludmila Ulitskaya sowie neun männlichen Autoren, darunter Größen wie Mario Vargas Llosa, V. S. Naipaul und Antonio Tabucchi. And the winner is: Alice Munro. Als Voraussetzung gilt, dass das Lebenswerk der Kandidaten in englischer Sprache geschrieben oder ins Englische übersetzt wurde und auch lieferbar ist.
Giller Prize zweimal und andere Ehren
Alice Munro wurde 1931 in Ontario geboren, wo auch ihre Geschichten und Kurzromane spielen. Sie veröffentlichte elf erzählerische Anthologien und einen Roman. Vor diesem Preis erhielt sie mit zahlreiche andere Auszeichnungen, darunter der Canada-Australia Literary Prize (1977), der Commonwealth Writer’s Prize (1991) und zweimal der Giller Prize for Fiction (1998 und 2004). Seit Jahren schon wird die Kanadierin im Oktober in der Entscheidungsphase für den Literatur-Nobelpreis in den Medien als aussichtsreiche Anwärterin genannt.
Deutsche Autorin Judith Hermann bewundert Alice Munro
Nicht nur für englischsprachige Nachwuchsautoren, auch für deutsche Autorinnen wie etwa Judith Hermann ist sie Ikone und Vorbild für das eigene literarische Schaffen. Dabei hatte Munro, die sich bis heute in ihren raren Interviews in geradezu extremem Understatement als schreibende Hausfrau darstellt, die als junge Ehefrau in ihrem kinderbezogenen Haushalt ohne eigenen Arbeitsraum zwischendurch Geschichten aufschrieb, ursprünglich wenig Kredit bei den Kritikern.
Genre Short Story nicht ernst genommen
Sie wurde als Autorin des Genres der Short Story in einer bestimmten literarischen Schublade abgelegt. Nach eigenen Aussagen litt sie darunter lange, weil sie sich für unfähig hielt, einen Roman zu Stande zu bringen. „Ich hatte als Hausfrau mit kleinen Kindern keine Zeit für große Würfe“, sagt sie. Bis heute folge sie der Gewohnheit, in kurzen Konzentrationsphasen zu schreiben und zwischendurch irgendetwas anderes zu erledigen. Dieser Schaffensstil ähnelt einem journalistischen Arbeitsrhythmus und fördert möglicherweise eher das Entstehen der „Kleinen Formen“. Dies wäre jedoch, bezogen auf Alice Munro, ein gravierender Trugschluss.
New York Times attestiert „literarische Wunder“
Ihre Erzählungen sind nämlich „literarische Wunder“, wie die New York Times begeistert attestierte. Bei vielen Geschichten handelt es sich in Wirklichkeit um Kurzromane, 50, 80, auch mal 140 Seiten lang. Jede dieser Geschichten ist so dichtmaschig gestrickt, so voller spannender Handlung, psychologischer Tiefe und sprachlicher Virtuosität, dass man sich am Ende der Lektüre ganz schwindlig fühlen kann – vor Leseglück, am besten man fängt dann gleich wieder vorne an. Dies soll nicht heißen, dass ihre Storys schwer zu lesen sind, im Gegenteil, sie gleiten wie ein breiter, ruhiger Fluss gemächlich dahin, wobei zuweilen eine scharfe Kurve kommt, die kurz zuvor noch nicht in Sicht war.
Tricks und Leidenschaften der Alice Munro
Die Knappheit und Dichte ihrer Texte zeigt sich schon in den Headlines, meist Einworttitel: Erbstücke, Trost, Nesseln, Jakarta, Daheim, Väter, Aushilfe, Illinois, Stinkreich, Bald, Schweigen, Verfehlungen, Tricks, Leidenschaft, Ausreißer, Entscheidung … Letztere beantworten gleich auch die Frage, worum es eigentlich geht in Alice Munros kurzen „Romanen“ und Storys: Um Entscheidungen, Ausreißer, Leidenschaft, Tricks und Verfehlungen!
Alice Munros neuer Erzählband „Too much happiness“ erscheint in den USA im Herbst 2009. Die deutsche Übersetzung kommt laut Ankündigung des S. Fischer Verlages im Herbst 2010 oder Frühjahr 2011 heraus. Von Alice Munro sind in deutscher Sprache, meist in Übersetzungen von Heidi Zernig, lieferbar:
- Wozu wollen Sie das wissen? Elf Erzählungen. S. Fischer Verlag 2008. Gebunden, 381 Seiten. Euro 19,90.
- Tricks. Acht Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag 2008. Taschenbuch, 384 Seiten. Euro 9,95.
- Der Bär kletterte über den Berg. Drei Dreiecksgeschichten. Wagenbachs Taschenbücherei 2008. Kartoniert, 138 Seiten. Euro 9,90.
- Himmel und Hölle. Neun Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag 2007. Gebundenes Lesebändchen, 536 Seiten. Euro 10,00.
- Glaubst du, es war Liebe? Übers. von Karin Nölle-Fischer. bvt 2005. Kartoniert, 379 Seiten. Euro 10,50.
- Der Traum meiner Mutter. Fischer Taschenbuch Verlag 2005. Kartoniert, 220 Seiten. Euro 8,95.
- Die Liebe einer Frau. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag 2004. Kartoniert, 223 Seiten. Euro 8,95.
- Offene Geheimnisse. Erzählungen. bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2003. Kartoniert, 376 Seiten. Euro 9,90.
