
- Roman von Alina Bronsky - Kiepenheuer & Witsch
Wenn die Tage kürzer, die kuscheligen Sofaabende häufiger werden, kurz: im Winterhalbjahr – dann schlägt die Stunde der Leseratten und Bücherfreunde. Endlich Zeit für gute Literatur! Unabhängig von den großartigen Juryentscheidungen und Literaturpreisvergaben fragen wir uns vielleicht ganz schlicht, welches neue Buch so witzig, unterhaltsam, klug und lesenswert ist, dass wir es keinesfalls verpassen sollten?
Die besten sechs Autoren des deutschsprachigen Bücher-Jahrgangs 2010
Die unter diesen Aspekten besten Bücher aus der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 wurden von folgenden sechs Autoren geschrieben: Doron Rabinovici, Michael Köhlmeier, Mariana Leky, Kristof Magnusson, Olga Martynova – und Alina Bronsky.
Alina Bronsky über eine gute russische Großmutter
Was kennzeichnet eine gute Großmutter? Sie denken an Qualitäten wie Warmherzigkeit, Geduld, Weisheit, Großzügigkeit? Die selbstbewusste und kämpferische, um nicht zu sagen rabiate Russin tatarischer Herkunft Rosalinda Kalganow passt überhaupt nicht in dieses idyllische Bild, obwohl sie selbst sich durchaus mit ähnlichen Merkmalen beschreiben würde. Der fulminant geschriebene Roman "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" von Alina Bronsky beginnt erst einmal mit einem Abtreibungsversuch, denn die fesche, jugendliche Rosalinda möchte noch nicht Großmutter werden, schon gar nicht, wenn ihre Aschenputtel-Tochter Sulfia keinen Kindsvater vorzuweisen hat. Allerdings scheitert dieses Experiment kläglich, und ein süßes kleines Mädchen wird geboren, dessen Versorgung und Erziehung mit teils martialischen Methoden Rosalinda gegen den aussichtslosen Willen der Tochter selbst übernimmt. Ihre Maxime lautet: "Das Beste, was eine Frau für ihre Familie tun konnte, war klare und harte Führung. Nachgiebigkeit brachte nichts."
Tatarische oder sowjetische Namen?
Passenderweise ist Rosalinda mit einem strammen sowjetischen Gewerkschaftsvorsitzenden verheiratet, zuhause ein Pantoffelheld, ebenfalls tatarischer Herkunft, aber überzeugt davon, dass das Gelingen des Kommunismus es erfordert, jede Volksidentität aus dem riesigen Vielvölkerstaat abzulegen, zu vergessen zugunsten einer gemeinsamen Sprache und Identität aller Sowjetbürger. Rosalinda nennt die Enkelin zwar Aminat nach ihrer eigenen tatarischen Großmutter, dieser Name gilt jedoch als unrussisch und wird offiziell flugs in Anja umgewandelt. Auch Aminats Mutter Sulfia heißt offiziell Sonja und wird auch von ihrem Vater so genannt.
Der Preis der Tüchtigkeit
Die ersten 80 Seiten des Romans von Alina Bronskys lesen sich urkomisch, nach und nach schleicht sich jedoch das Gefühl ein, dass da etwas nicht stimmt: Es ist die Erzählperspektive des selbstvewussten Ich-Berichts der Großmutter, die immer für alle Familienmitglieder die Kastanien aus dem Feuer holen muss. Rosalinda ist fürsorglich bis zur Gewalttätigkeit, tüchtig bis zum Übergriff, willensstark bis zur Brutalität und vollkommen rücksichtslos. Die Persönlichkeitsrechte und die Gefühle ihrer weniger tüchtigen Mitmenschen tritt sie mit Füßen, Missachtung lautet ihr Programm. Niemand kann ihr widerstehen, was sie erreichen möchte, bekommt sie immer – nur, um welchen Preis?
Heimliches Matriarchat in Russland?Wer schon mal im deutschen Gesundheitssystem mit russischen Krankenschwestern oder Ärztinnen zu tun hatte, deren Haupteigenschaften Härte, Strenge und Konsequenz zu sein scheinen, versteht nach Lektüre dieses Romans besser, wie diese Frauen so wurden, wie sie sind. Vielleicht herrscht in Russland wirklich ein "heimliches Matriarchat", wie der Klappentext des Romans suggeriert. Ganz nebenbei lernen wir auch, wie es sich anfühlt, wenn eine in Russland ausgebildete Pädagogin mit schlechten Deutschkenntnissen plötzlich im gelobten Wirtschaftswunderland als Putzfrau arbeiten soll.
Tatarenkind wird deutscher TV-Superstar
Erst gegen Ende des grandiosen Romans, der uns die ganze Wucht und Schwere eines Lebens in einer kommunistischen Mangelwirtschaft mit knappem Wohnraum, in der Bestechung für die alltäglichsten Bedürfnisse und Rechte an der Tagesordnung sind, eindringlich mit Mitteln der Ironie und des schwarzen Humors nahebringt, fasst die mittlerweile aus den großmütterlichen Greifvogelfängen geflüchtete Aminat ihre Kindheit schockartig zusammen. Immerhin gelang es ihr, im gelobten Land Deutschland eine sängerische Karriere als Starlet-Superstar zu machen, nun liest die Großmutter den Lebenslauf der Enkelin in der Zeitung:
Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland
"Ich las, wie Aminat in einem Sowjetghetto aufwuchs, ohne Vater, diewechselnden Männer ihrer Mutter miterlebend. Wie sie hungerte, wie sie geschlagen wurde, weil sie ein ungehorsames Kind war. Wie sie schließlich von ihrer Großmutter an einen deutschen Pädophilen verkauft wurde, der im Gegenzug Aminats Mutter heiratete, und auf diese Art und Weise nach Deutschland kam." Dass diese Schilderung mit dem Selbstbild der Großmutter nicht übereinstimmt, hat der Leser zu diesem Zeitpunkt bereits verstanden.
Tatarisch, baschkirisch, kasachisch, usbekisch, aserbaidschanisch oder jakutisch?
Der eigenartige Titel des Romans bezieht sich auf das gescheiterte Projekt eines Deutschen, der "mit deutscher Genauigkeit" ein Kochbuch über die Nationalküchen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu schreiben. Eine Abgrenzung der tatarischen Küche "von baschkirischen, kasachischen, usbekischen, aserbaidschanischen, jakutischen Einflüssen" ist schier unmöglich.
Die Schriftstellerin Alina Bronsky
Alina Bronsky wurde 1978 in Jekaterinburg (bis 1991 Swerdlowsk) geboren, sie wuchs auf der asiatischen Seite des Uralgebirtges – und in Südhessen auf. Heute lebt sie in der Nähe von Frankfurt am Main. Bereits ihr Bebütroman "Der Scherbenpark" war ein Bestseller. Auf ihre nächsten Bücher darf man sich schon freuen.
Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Roman. Kiepenheuer & Witsch 2010. Gebunden. 317 Seiten. 18,95 Euro
