Alissa Walser - Roman über Franz Anton Mesmer

Am Anfang war die Nacht Musik, zwei Menschen suchen ihren Weg

Cover Am Anfang war die Nacht Musik - Piper Verlag
Cover Am Anfang war die Nacht Musik - Piper Verlag
Alissa Walser erzählt in ihrem Roman Am Anfang war die Nacht Musik die Geschichte des Arztes Franz Anton Mesmer und seiner blinden Patientin Maria Theresia Paradis

Zwei Menschen begegnen sich. Ein charismatischer Arzt und Heiler und eine zutiefst verunsicherte, blinde Pianistin. Franz Anton Mesmer, der berühmte Magnetiseur und Maria Theresia Paradis, die im 18. Jahrhundert kaum weniger berühmte blinde „Klavieristin“. Das kleine Stück gemeinsamen Weges, das sie von Januar bis Mai 1777 gemeinsam zurücklegen, beschreibt Alissa Walser in ihrem ersten Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“.

Seit einem traumatischen Erlebnis im dritten Lebensjahr ist Maria blind. Unzählige damals moderne Therapien hat sie durchlitten, ohne dass irgendein Ergebnis erzielt worden wäre. Währenddessen hat sie sich in die Welt der Musik geflüchtet. Hat blind das Klavierspiel erlernt und zu einer Perfektion gebracht, die zu einem Vorspiel vor der Kaiserin Maria Theresia geführt hat und den ehrgeizigen Vater von einer großen uns lukrativen Karriere träumen lässt.

Der Vater – Maria tritt ihm mit pflichtschuldiger Liebe und großer Angst gegenüber. Die Mutter stellt in dieser Phase von Marias Leben einzig und allein einen Resonanzkörper des väterlichen Willens dar. Maria ist ein willfähriges Objekt elterlicher Liebe und elterlicher Ambitionen. Sie ist 17 Jahre alt, als der kaiserliche Hofsekretär, ihr Vater, entscheidet, Mesmer mit der Behandlung seiner Tochter zu betrauen.

Franz Anton Mesmer – der Arzt des animalischen Magnetismus

Mesmer betreibt im Haus seiner Frau Anna ein Hospital in dem er nach seiner Heilmethode psychosomatisch erkrankte Menschen behandelt. Er kann Heilerfolge vorweisen, findet aber in den entscheidenden Medizinerkreisen keine Anerkennung. Der Fall Maria Theresia Paradis ist die große Chance für Mesmer. Kann er die blinde Pianistin heilen, würde das den Vorstoß ins Umfeld der Kaiserin Maria Theresia bedeuten.

Mesmer schafft es, auch zu der verschreckten Maria Zugang zu finden und tatsächlich klingt die Anomalie ihrer vorstehenden Augen ab und sie beginnt zu sehen. Oder ist Mesmer doch ein Scharlatan, der ein junges Mädchen unter seinen Willen zwingt und mit ihrer Hilfe die Öffentlichkeit und Marias Eltern betrügt? Das zumindest wird behauptet und Maria kehrt unter die Fittiche ihrer Eltern zurück.

Mesmers Problem und Lebensdrama ist, dass er sich als empirischen Wissenschaftler begreift, der sein Leben lang versucht, seine Heilerfolge durch physikalische Wirkungen zu erklären. Deshalb postuliert er den „animalischen Magnetismus“, ein dem Lebendigen innewohnendes Fluidum, das sich durch physikalischen Magnetismus oder magnetisierte Gegenstände beeinflussen lasse. Nie gelingt es ihm, diese Kraft nachzuweisen, zu messen oder auch nur so nachvollziehbar zu erklären, dass sich seine Heilungen dadurch einordnen ließen. Walser beschreibt Mesmer als einfühlsamen Psychologen, der seinen Patienten eher durch sein instinktives Verständnis für ihre Situation hilft, als durch seine magnetischen Behandlungen. Inwieweit er der Paradis tatsächlich ihr Augenlicht wiedergeben konnte, lässt Walser in ihrem Roman offen. Klar macht sie aber, dass Maria zum ersten Mal in ihrem Leben als Person ernst genommen wird. Mesmer ermöglicht ihr, sich von den Fesseln ihres Traumas ebenso zu lösen, wie von den elterlichen Ansprüchen. Unter Mesmers Einfluss entwickelt sie sich zu einer neugierigen jungen Frau.

Alissa Walser schreibt so distanziert wie engagiert

Für die Beschreibung einer solch intimen Beziehung, wählt Walser eine außerordentlich distanzierte Sprache. Nahezu alle Dialoge sind im Konjunktiv wiedergegeben. Mit jedem Satz bringt Walser so zum Ausdruck, dass sie die Möglichkeiten einer Beziehung beschreibt, die Möglichkeiten einer Heilung, die Möglichkeiten einer Biographie. Walser hält sich nahe an die Mesmersche Biographie. Bei der Beschreibung der inneren Zustände aber ist sie auf ihre Imaginationskraft angewiesen und das gelingt ihr sowohl bei Mesmer, wie auch bei Maria in den erstaunlichsten Bildern.

Ein wichtiges Bindeglied, das weit über die Arzt – Patient Beziehung hinaus geht, ist die Musik, die Mesmer und Maria als Menschen verbindet. Mesmer spielt die Glasharmonika, ein Instrument, das bestens zu seiner Heilmethode passt, füllt es doch den Raum mit geheimnisvoll, sphärischen Klängen, die das nicht Fassbare in der Mesmerschen Methode im musikalischen Raum abbilden.

Maria hat sich in ihre musikalische Welt geflüchtet, so sehr, dass sie die Sicherheit in dieser Welt zu verlieren droht, als sich die Sehkraft einstellt. Als ihr Vater ihre Therapie bei Mesmer abbricht, steht sie vor der Entscheidung, für ihr neues Leben zu kämpfen oder in die Sicherheit und Dunkelheit ihrer musikalischen Welt zurückzukehren. An dieser Stelle lässt Walser die Grenzen zwischen erlebter Realität und Phantasie ihrer Figuren verschwimmen. Treffen sich Maria und Mesmer noch einmal oder wünschen es sich beide nur?

Alissa Walser liest aus „Am Anfang war die Nacht Musik“

Zur Eröffnung ihrer Lesung aus „Am Anfang war die Nacht Musik“ in Lindau liest Alissa Walser ihren Text „Was genommen wurde“. Sie beschreibt darin ihre langsame Annäherung an das Thema Mesmer – Paradis, das schon viele Jahre auf einem der Zettel in ihrem Zettelkasten auf Bearbeitung wartet. Das Wort „mesmerizing“ im Englischen für faszinierend, bezaubernd mit dem sie während ihrer Studien in New York wieder zu dem Thema zurück geführt wird, zieht viele Gespräche nach sich, die ihr erstaunliche Einblicke in die Mesmer Rezeption geben. Über vier Jahre zieht sich die Arbeit an ihrem ersten Roman hin. Vier Jahre in denen sie das Innenleben ihrer beiden Protagonisten auslotet und ihre Beziehung zueinander, vielleicht nicht historisch korrekt aber immer nachvollziehbar, in die Bilder ihrer inneren Monologe und unpersönlichen Gespräche packt.

Walser gelingt ein moderner Blick auf dieses unzeitgemäße Paar. Sie bemüht sich nicht um unnötiges Zeitkolorit, denn was sie zeigen will ist nicht an die historische Lebenszeit ihrer Protagonisten gebunden: Der Kampf zweier Individuen um Eigenständigkeit in einer Welt, die in ihrem verkrusteten, obrigkeitlichen Denken keinen Raum lässt für das Andere, das Unangepasste, das Unerklärliche. Für einen kurzen Zeitraum finden sich diese beiden und eröffnen sich gegenseitig Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben. Die beharrenden Kräfte der Gesellschaft aber sind stärker. Sie lassen weder ein selbstbestimmtes Leben für Maria zu, noch den gesellschaftlichen Erfolg für den Arzt, der seine Methode nicht erklären kann. Eine Problematik, die heute so aktuell ist wie vor 250 Jahren. Alissa Walser hat sie in eine sprachgewaltig erzählte Geschichte verpackt, der sie bei ihrer Lesung mit sanfter Stimme eine beeindruckende Intensität verlieh.

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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