
- Cafe aus ALIVE! - Sabine Panossian
Alive!, im albanischen Original Gjallë!, erzählt eine für westliche Gedankenwelt fast unbegreifliche Geschichte. Es geht um Blutrache und Familienehre. Am Ende bleibt der Zuschauer jedoch sprachlos von der wahren Tragödie, der schlichten Grausamkeit des Schicksals.
Der Film handelt vom Überleben
Schon der Titel und seine Schreibweise deuten auf einen Film hin, in dem es um das Überleben geht – mit Ausrufezeichen. Koli studiert schon seit mehreren Jahren in der albanischen Hauptstadt Tirana. Der plötzliche Tod seines Vaters bringt ihn aus dem modernen Leben zurück in seine ländliche Heimat und setzt gleichzeitig die alten Gesetze der Blutrache wieder frei, nach denen Koli zum Freiwild eines verfeindeten Klans wird. Fassungslos über die veralteten Ansichten bemüht sich der Student um eine Aussprache, diese bringt ihm jedoch einzig eine Frist von drei Tagen; dann solle er sich vorsehen. Koli bleibt nichts anderes übrig als sich bei einem Verwandten zu verstecken. Es beginnt ein Alltagsleben, wie es nicht unterschiedlicher von seiner Studienzeit in der Stadt hätte sein können. Schließlich muss er jedoch einsehen, dass seine bloße Gegenwart eine stete Gefahr für seine Umgebung darstellt. So kehrt er im Bewusstsein der unmittelbaren Bedrohung nach Tirana zurück. Ein Mordversuch scheitert, weil Koli durch Zufall bei seiner Verteidigung der glücklichere Schütze ist. Schwer verletzt will er aus Albanien flüchten und begibt sich gemeinsam mit anderen illegalen Immigranten an Bord eines Frachtschiffes. Auf der Fahrt erleidet das Schiff einen Unfall und sinkt.
Basierend auf einer wahren Geschichte
Von Artan Minarolli, dem Regisseur des Films, stammt auch das Drehbuch. Die ganze Geschichte basiert auf einem tragischen Ereignis aus 1998, wo mitten in der Adria ein Schmuggler-Frachtschiff unterging, auf dem hunderte illegale Immigranten aus Albanien nach Italien flüchten wollten. So auch ein junger Student, der einer Blutfehde zu entkommen suchte. Minarolli lässt offen, ob seine Hauptfigur mit viel Glück vielleicht doch überlebt.
Zum Glück kein Hollywood-Streifen
Eine Geschichte, um die sich Hollywood reißen würde, wird in diesem Werk vollkommen frei von übertriebener Spannung, Action oder einem betäubenden Show-Down erzählt. Im Gegenteil, die pure Andersartigkeit der exotischen Welt, in der noch Gesetze der Blutrache gelten, macht dort selbst Alltagshandlungen befremdlich. Einzig der an manchen Stellen leicht übertriebene Einsatz dramatischer Musik bringt ein wenig unnötigen Kitsch in den sonst treffsicher komponierten Film.
Der Tod, den man nicht kommen sah
Für einen westlichen Zuschauer mutet die gesamte Handlung von Alive! sehr fremd an, wie aus einer anderen Welt, in der sie ja letztlich auch stattfindet. Der Film erzählt eine schon auf den ersten Blick ungewöhnliche Geschichte. Wie ungewöhnlich sie tatsächlich ist, wird jedoch erst in der allerletzten Minute des Streifens klar. Nichts deutet auf das große Unglück am Ende hin. Der Zuschauer hegt durchgehend die - wenn auch vage -Hoffnung, dass sich für Koli durch ein kleines Wunder doch noch alles zum Guten wenden möge. Selbst wenn man in einigen Momenten gar nicht mehr mit einem Happy-End rechnet, so sieht man die Schiffskatastrophe auf keinen Fall kommen. Es wirkt unfair, wie da mit einem Menschenleben umgegangen wird. Allen Gefahren scheint der junge Mann entkommen zu sein, nur mit dem banalen Zufall hat er nicht rechnen können. Man möchte ob der sinnlosen Willkür des Schicksals protestieren, und genau das macht diese Geschichte in all ihrer Absurdität so realistisch.
