Alkohol im Seniorenalter

Wie Wein, Bier und Hochprozentiges bei Menschen ab 65 wirken.

Die Gefahr alkoholabhängig zu werden, steigt mit dem Alter. Körperliche Veränderungen, aber auch seelische Probleme führen manchmal fast unbemerkt in die Sucht.

Wer heute im Rentenalter ist, der hat über 40 Jahre Erfahrung im Umgang mit alkoholischen Getränken. Denn sie gehören zu unserem Alltag wie selbstverständlich dazu: Kein festlicher Anlass, keine Feier unter Freunden wird alkoholfrei zelebriert. Und auch das abendliche Glas Bier oder Wein ist für die meisten Menschen eine liebgewordene Gewohnheit.

Keinen Tropfen mehr ab 65? Schluss mit Lustig?

Ebenso lange wie die deutsche Trink-Kultur kennen wir die Forderung nach einem „verantwortungsvollen Umgang mit alkoholischen Getränken“. Dieser Dauer-Appell an den gesunden Menschenverstand wendet sich an alle Altersklassen – manchmal ungehört. In die Schlagzeilen ist jüngst die Enkelgeneration geraten - mit Flatrate-Saufen bis zu Alkoholvergiftung und Koma.

Weniger spektakulär wird der Alkoholkonsum von Menschen thematisiert, die 65 Jahre und älter sind. Ein Grund dafür könnte sein: Mögliche Auswirkungen zeigen sich kaum im öffentlichen Bereich, sondern bleiben in den eigenen vier Wänden. Auf diese Weise sind die Folgen des Missbrauchs und typische Anzeichen von Suchtverhalten auch viel schwerer erkennbar.

Anpassung an körperliche Veränderungen

Um sich davor zu schützen, unbemerkt in die Alkohol-Abhängigkeit abzugleiten, sollte man wissen, wie sich der Körper im Alter verändert. Die Wirkung alkoholischer Getränke verstärkt sich durch folgende Faktoren:

  • Mit dem Alter nimmt der Wasseranteil im Körper ab. Bleibt man also bei seinen Trinkgewohnheiten und ändert die Menge nicht, dann führt das zu einem messbar höheren Alkoholpegel, weil die Menge des Alkohols sich auf weniger Körperflüssigkeit verteilt.
  • Die Fähigkeit der Leber, Schadstoffe abzubauen, nimmt ab. Sie braucht nicht nur länger, sie nimmt auch schneller Schaden bei „Überforderung“.
  • Die Körperzellen können im Alter nicht mehr die Menge, Sauerstoff aufnehmen wie in jüngeren Jahren. Deshalb nimmt unsere geistige und körperliche Leistungsfähigkeit allmählich ab. Um Alkohol abzubauen, brauchen Nervenzellen rund 80% des vorhandenen Zellsauerstoffs. Das kann den geistigen und körperlichen Abbauprozess beschleunigen.

Altersbedingte Beschwerden, chronische Krankheiten und Schmerzen lassen außerdem den Medikamentenkonsum bei Senioren ansteigen. In Verbindung mit Alkohol verändern die meisten Präparate aber ihre Wirkung und erzeugen möglicherweise schädliche Nebenwirkungen.

Ursachen für eine Abhängigkeit

Viele Wege können in die Alkohol-Abhängigkeit führen. Ihren letzten Lebensabschnitt erleben manche Menschen als besonders belastend:

  • Den Eintritt ins Rentenalter, das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, verkraftet nicht jeder gleichermaßen gut.
  • Tod und Krankheit im Freundeskreis, in der Familie, der Verlust des Lebenspartners sind Schicksalsschläge, die seelische Schmerzen und tief greifende Veränderungen im Alltag zur Folge haben.
  • Einsamkeit, Trauer, Langeweile, Angst, chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit, Depressionen können auch bislang seelisch stabile Menschen überwältigen und hilflos machen.

Wege aus der Sucht

Anzeichen für Suchtverhalten zu erkennen, ist vor allem im Alter nicht immer leicht. Denn die typischen Hinweise auf eine Abhängigkeit wie beispielsweise der rapide Abbau von Körperfunktionen, geistiger Verfall bis zur Apathie sind fatalerweise ebenso Symptome des Alterungsprozesses.

Zu oft verharmlost die Umwelt außerdem das Trinkverhalten von Oma oder Opa. Denn „es hat ihm/ihr bisher ja auch nicht geschadet“ oder „ er/sie hat nicht mehr so viel im Leben, gönnen wir ihm/ihr doch wenigstens noch diesen Genuss“. Selbstverständlich soll niemand plötzlich auf alle Freuden des Lebens verzichten, nur weil er älter wird. Jeder sollte aber ehrlich und kritisch den eigenen Alkoholkonsum beurteilen und wenn nötig reduzieren. Als Tageshöchstmenge gibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Männer 20 Gramm Alkohol an, für Frauen 10 Gramm weniger. Senioren sollten unter diesen Werten bleiben. Ein Glas Wein mit 0,1 Liter entspricht etwa der Menge von 10 Gramm Alkohol.

Wer glaubt, dass er alkoholabhängig ist und nach Wegen sucht, die aus dem Teufelskreis der Sucht führen, kann sich Hilfe und Auskunft holen bei

  • Hausärzten
  • Telefonseelsorge oder örtliches Sorgentelefon
  • Sozialstationen und Beratungsstellen
  • Selbsthilfegruppen

Und wer glaubt, dass es sich in seinem Fall und in seinem Alter nicht mehr lohnt, eine Therapie zu machen, sollte sich unbedingt von diesem Gedanken freimachen und mit Menschen sprechen, die den Weg aus der Alkoholsucht gefunden haben: Sie haben dabei erfahren, dass es sich tatsächlich lohnt, in jedem Lebensalter das Leben zu genießen - und dass man dies auch im Alter tatsächlich noch einmal lernen kann.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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