Alkoholkonsum in der DDR

Alkohol in der DDR: Jenseits von maßvoll - Holger Gräbner
Alkohol in der DDR: Jenseits von maßvoll - Holger Gräbner
Das Klischee über den DDR Bürger sagt vor allem eins: Nirgendwo wurde mehr Alkohol konsumiert als in der ehemaligen DDR.

Die gängige Annahme, dass Menschen, die in einer objektiv unwürdigen Gesellschaftsform leben, ihre Frustration darüber in der Betäubung suchten, ist nach Kochan nicht richtig. Die Verbindung, dass aufgrund grauer Alltags-Tristesse automatisch Kompensationsmechanismen greifen, stimmt nicht zwangsläufig. Fakt aber ist: Die DDR-Zeit war eine Zeit des gesteigerten Konsums. Kochan spricht von einer „alkoholkonzentrierten Gesellschaft“, nicht aber von einer „alkoholisierten“, wie es so oft heißt. Ein flüchtiger Blick auf die Zahlen reicht aber aus, um die konsumierte Menge als bedenklich einzustufen. Der pro Kopf Verbrauch von Hochprozentigem lag 1988 bei 16, 1 Liter pro Kopf. Das entsprach 23 Flaschen und die DDR überholte in dieser Zeit Ungarn und Polen.

Naiver Umgang mit Alkohol

Auch wenn sich Kochan von den gängigen Klischees distanziert, räumt er den naiven Umgang mit Alkohol ein. Der freie Zugang und hohe Konsum stand im distinktiven Widerspruch, zu der sonst überall greifenden Staatsraison. Tatsächlich waren Konsum und Kauf von Alkohol einer der wenigen nicht restriktierten Dinge im maroden Soziallistenstaat. Wie unbedenklich und offen mit Alkohol umgegangen wurde, zeigten auch Momente, in denen die Politspitze zugegen war. Als Beispiel führt Kochan das Jahr 1979 an: Bei einer Eröffnung des Nationalen Jugendfestivals wurde ein Loblied auf den Alkohol geschmettert. Die Motive für die Duldung sind laut Kochan differenziert zu betrachten. Offenbar ahnte die Staatsspitze, dass der Wegfall beziehungsweise die harte Restriktion von Alkohol zu einem Aufbegehren führen könnte, zudem ist es vielleicht einfach der mangelnden Aufklärung geschuldet, dass der Umgang mit Alkohol derart offen praktiziert worden ist. Die Staatsführung hat durchaus Versuche unternommen, eine Sanktionierung des nonchalanten Konsums zu erzielen. Gerade Abstinenzler Walter Ulbricht („Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“) setze umtriebige Hebel in Bewegung und sagte vor allem der finsteren Bierkneipe den Kampf an. Die Kaschemme war ihm zuwider, sollte doch das Bild eines kulturell intakten Staates vermittelt werden. Ausschließlich das „kulturvolle“ Glas Wein - so hätte es Ulbricht wohl gerne gesehen.

Trinken als Eskapismus

Der Rückzug ins Private ist für den DDR Bürger nur konsequenter Eskapismus gewesen, wenn es sonst, neben den staatlich verordneten Feierlichkeiten und Gruppierungen, doch nur die Geselligkeit im kleinen Kreis ein kritisches Momentum erlaubte. Alkohol als Kummerkasten sei allerdings eine überspitzte Darstellung, so Kochan. Es lassen sich schlichtweg keine Beweise finden, dass der erhöhte Konsum den schwierigen Umständen geschuldet war. Dennoch war von einem eminenten Alkoholproblem zu sprechen. Nachdem die Versuche, ein Abebben des Konsums zu fingieren, scheiterten, unternahm das Politbüro in der Endphase der DDR letzte Versuche, Ergebnisse zu erzielen. "Richtlinie über Aufgaben des Gesundheits- und Sozialwesens zur Verhütung und Bekämpfung der Alkoholkrankheit" , so der Wortlaut des 1989 erlassenen Gesetzes. Ob diese Methode gefruchtet hätte, bleibt hypothetisches Mutmaßen. Wenig später ist der DDR-Staat Geschichte.

Quellen:

Spiegel Online Artikel, Jungs macht die Kehle frei, 10.4.2011

spiegel.de

Süddeutsche, Blauer Würger und Co. - Trinkkultur in der DDR, 11.4. 2011

newsticker.sueddeutsche.de

Kai Wichelmann, Kai Wichelmann

Kai Wichelmann - Ich bin Wirtschaftspsychologe aus Köln Meine journalistischen Interessensgebiete sind breit gefächert, doch interessieren ...

rss