
- Prof Santiago Niño - los libros del lince
Santiago Niño Becerra (58) ist Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsstrukturen an der Universität Ramon Llull in Barcelona. Er schrieb über 1.400 Fachartikel und wurde jetzt zum Bestsellerautor mit seinem Buch: „El crash del 2010“ Darin stellt er die faszinierenden Thesen auf, dass es 18 große Wirtschaftskrisen in den letzten 2.000 Jahren gab; einige davon wuchsen sich zugleich zu Systemkrisen aus und das circa alle 250 Jahre. Beispiel: 27 vor bis ins 3. Jahrhundert nach Christus herrschte das Römische Reich mit einem als Gott angesehenen Kaiser nach dem Prinzip: „Divide et impera“, erobere, aber ersetze dann in den Provinzen lokale und loyale, in Rom meist als Geiseln erzogene Führer ein, die das System verinnerlicht hatten. Das waren so stillschweigende gesellschaftliche Übereinkünfte.
Beginnt aber einer, etwas an diesem funktionierenden System zu ändern, dann zieht das einen Rattenschwanz weiterer Verschiebungen nach sich, bis das ganze Gesellschaftssystem zusammenstürzt. So begann Kaiser Diokletian (284-305) zu zentralisieren, den einzelnen Provinzen die Selbständigkeit zu beschneiden, was eine ausufernde Bürokratie schuf. Anschließend ließ Kaiser Konstantin den christlichen Glauben als offizielle Religion zu, schaffte so die Gottgleichheit des Kaisers ab. Damit ging der große Zusammenhalt des römischen Reiches verloren – die Folgen sind bekannt.
Die Philosophie des Egoismus
So eine gravierende Änderung geschah auch 1815-20 nach dem Wiener Kongress, nachdem das alte System des Absolutismus durch die Französische Revolution gestürzt war, und als Folge der Napoleonischen Kriege Europa beim Wiener Kongress neu eingeteilt, aber auch die Monarchien wieder restauriert wurden. Dies führte zu einer Bourgoisie, die Arbeit ausbeutete, um Kapital anzuhäufen. Die Geburtsstunde des liberalen Individualismus und damit des Finanzkapitalismus setzt Niño zwischen 1850 – 1870 an.
Das ungebremste Wachstumsprinzip funktioniert nicht mehr
Die große Depression, die auf den schwarzen Freitag 1929 in den USA folgt, sieht der Wirtschafts-Professor noch nicht als Systemkrise an, sondern nur als Auswirkung des Kapitalismus und so schwerwiegend, weil es noch nicht die funktionierenden Sozialsysteme wie heute gab in Form von Arbeitslosen-,Kranken-Versicherung etcetera. Das konnte durch Einführung sozialer Netze noch aufgefangen werden (was Deutschland durch die Bismarckschen Sozialgesetze längst hatte). Doch unsere Wirtschaftskrise von 2009 läutet seiner Meinung nach das Ende des Kapitalismus ein, der Betonung des egoistischen Individuums und der ungebremsten Wachstumshörigkeit.
Systemkrisen sind immer brutal
Sein Buch heißt deshalb auch „Der Crash von 2010“, weil er erst in diesem Jahr den großen Zusammenbruch sieht, besonders für Spanien. Kleine Aufschwünge gegen Ende 2009 sind für ihn nur ein letztes Aufbäumen vor der großen Katastrophe. Eine Systemkrise, die mit Wirtschaftskrisen einhergeht, beschreibt Niño als immer „brutal, rigide, unumkehrbar (wie die Globalisierung )“ nachdem vorher Realitäten nicht gesehen wurden (die künstliche Immobilienluftblase im amerikanischen und spanischen Fall etwa).
Dass unsere Wirtschaftskrise bald wieder vorbei sein wird, glaubt inzwischen sogar nicht mal mehr der größte Optimist. Schon vor mehr als einem Jahr sah der Arbeitsrechtler Juan Miguel Fernandez den Tiefpunkt erst 2011, ein leichtes Aufatmen 2012 und eine Besserung vielleicht erst 2013. Damals wurde er noch heftig angegriffen.
Den Erfolg des Kapitalismus in der Vergangenheit macht Niño an den harten Faktoren fest wie billige Rohstoffe und Energie und billiges Geld. Nun aber gehen die traditionellen Energievorräte zu Ende, billiges Geld, das viele in den Ruin trieb, gibt es nicht mehr, er erwartet eine Inflation. Einig sind sich aber inzwischen sogar weitere Ökonomen, dass die ungebremste Wachstumshörigkeit an ihrem Ende angekommen ist. Schon gibt es Firmen, zum Beispiel im IT-Bereich, die nicht mehr wachsen, aber ihren Qualitätsstandard und ihren Mitarbeiter-Zusammenhalt bewahren wollen.
Santiago Niño Becerra : El crash del 2010, 232 Seiten, 21 Euro, Verlag: Los libros del lince, bereits in der 12. (!) Auflage, und das wird nicht die letzte sein, denn es ist spannend und gut verständlich auch für Laien und für Ausländer geschrieben, in einem mittelschweren Spanisch. Er analysiert vor allem Spanien, England und Irland, die er gründlich kennt, glaubt, dass England sich am schnellsten aus der Krise ziehen wird.
