Alle reden vom Wetter, besonders die Bahn

Alle Redeten vom Wetter, nicht die Bahn - oerks.de
Alle Redeten vom Wetter, nicht die Bahn - oerks.de
Noch nie waren Pünktlichkeit, Sicherheit und Service ein so großes Thema bei der Bahn, die Zustände so chaotisch.

Der Bürger zahlt Steuern, damit von diesen eine Infrastruktur geschaffen und erhalten wird, die das Leben und Wirtschaften in der Gesellschaft ermöglicht. Dazu gehört neben der Kommunikation, der Ver- und Entsorgung auch der Verkehr. Seit diese Aufgaben fast alle in private Hände gegeben wurden, kann der Bürger sich auf nichts mehr verlassen.

Wetterunabhängigkeit und Zuverlässigkeit waren einmal die Prädikate der Bundesbahn

Die fortschreitende Abhängigkeit von hoch komplizierter Technik macht die Bahn insgesamt anfällig für kleinste Störungen. „Die Züge waren früher einfach robuster“, kommentiert ein Sprecher der Bahn das Problem. Dazu kam bis vor kurzem ein Heer von Weichen-, Gleis- und Schrankenwärtern, Wartungs- und Servicebeamten, Schaffnern und Zugbegleitern sowie Personal an allen Bahnhöfen, die dafür sorgten, dass der Verkehr bei jeder Wetterlage reibungslos funktionierte. Der Versuch, all diese Menschen und ihre Leistungen durch Automaten und komplizierte Steuerungsprogramme zu ersetzen, muss als vollständig gescheitert erklärt werden. Fünfzig Grad im Zug im Sommer und minus Zwanzig Grad im Winter sind selbst in Afrika oder in Sibirien undenkbar, in Deutschland schon. Eingefrorene Weichen gibt es bei der Bahn erst seit dem massiven Personalabbau oder der fehlenden Wartung beheizter Weichen, ebenso wie schwere Unfälle mit ICE-Schnellzügen an unbeschrankten Bahnübergängen. Totalausfälle von Zügen wegen fehlender Ersatzwaggons und Lokomotiven hat die Deutsche Bahn sich früher nie geleistet.

Die Probleme der Bahn sind nur ein sichtbares Zeichen eines grundlegenden Fehlers

Die Privatisierung der Aufgaben des Staates, des Vertreters der Bürger hat diesen nur Nachteile gebracht. Seit die Deutsche Bahn zerschlagen und für einen Börsengang vorbereitet wird, ist nichts mehr, wie es war. Ein öffentlicher (also für jeden Bürger nutz- und bezahlbarer) Nahverkehr existiert nur noch in Ballungsgebieten, und auch hier, wie kürzlich bei der S-Bahn in Berlin, nicht immer verlässlich. Obwohl alle Welt seit Jahrzehnten verfolgen konnte, wie ein privat geführtes Bahnsystem in den USA und England all das verliert, was zuvor an Verlässlichkeit und Qualität vorhanden war, ließ die Bundesdeutsche Regierung sich einreden, dass nur eine privatwirtschaftlich geführte Bahngesellschaft den Passagieren das bieten könne, was im 21. Jahrhundert Stand der Technik sei und dazu noch Gewinne abwirft. Gewinne für wen, hätte die erst Frage sein müssen. Denn längst ist allen Bürgern bewusst, dass Konzerne nur große Gewinne abwerfen können, wenn der Faktor Mensch auf ein Minimum reduziert wird. Und natürlich weiß jeder wirtschaftlich denkende Mensch, dass eine Reduktion auf ein Kerngeschäft erforderlich ist und alle Faktoren, die unrentabel laufen abzustoßen sind. Die immer wieder beschworene Verschlankung des Staates, also die Abgabe seiner eigentlichen und garantierten Funktionen, kann für den Bürger nur Nachteile bringen.

Der Staat ist dumm, die freie Wirtschaft klug?

Soziologen beobachten seit langem ein psychologisches Phänomen. Viele Menschen behaupten, dass Fortschritt nur möglich sei, wenn Menschen frei und eigenverantwortlich entscheiden und gestalten können. Nur in einer freien Wirtschaft, mit den dort gegebenen Chancen und Risiken könne Kreativität entstehen und sich entfalten. Beweis sei der Fortschritt in den westlichen Ländern, gegenüber dem Stillstand und der Mangelwirtschaft in den einstigen sozialistischen Staaten, mit einer Planwirtschaft. Dass dieser Beweis ein Irrtum war, ist jedem in den zwanzig Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhanges klar geworden. Der so genannte Fortschritt hat sich längst als eine Fehlentwicklung, als ein grandioser Irrweg herausgestellt. Besonders krass wird dieser Irrweg nun den zahlenden Bürgern vor Augen geführt, wenn sie Stunden lang in dunklen, eiskalten Zügen auf freier Strecke ausharren müssen, bis die fortschrittlichste Bahn aller Zeiten sie aus der misslichen Lage befreit – so auf der Strecke Hamburg-Lübeck im Winter 2010, bei marginalem Schnee. Wenn er dann am nächsten Tag noch in den Medien hört, dass die Bahn empfiehlt, bei schlechtem Wetter doch lieber zu Hause zu bleiben, oder andere Verkehrsmittel zu nutzen, ist ihm endgültig klar, dass etwas faul ist, in diesem Staat. Vielleicht wohnt er dann noch in einer der Regionen, die wochenlang ohne Telefonverbindung, ohne TV-Empfang oder gerade ohne Wasserversorgung sind, wo zudem noch der Strom ausfiel, weil eine Fernleitung unterbrochen oder ein Softwarefehler in der Netzwarte auftrat. Spätestens dann muss er die Frage stellen dürfen, was denn mit Fortschritt gemeint war und ob dieser nicht ein vollständiger Rückschritt ist.

Die Deutsche Bahn galt weltweit als Muster an Pünktlichkeit und Qualität

Die Umwandlung ureigener staatlicher Aufgaben in private Gesellschaften hatte in allen Bereichen einen absoluten Qualitätsverlust zur Folge. Die Wahnvorstellung, dass Privatwirtschaftlich geführte Betriebe besser funktionieren und mehr Service, also am Ende einen Nutzen für den Bürger brächten, ist einer bitteren Ernüchterung gewichen. Der unsinnige Wettstreit mit den Fluggesellschaften um einige wenige Businesspassagiere erinnert an den Wettlauf des Hasen mit dem Igel. Da dabei das eigentlich Geschäft, der Sinn dieses Verkehrmittels, nämlich eine umfassende Versorgung des Landes mit einem funktionierenden Verkehr für Personen und Güter völlig vernachlässigt wird, ist es höchste Zeit, das Rad wieder in die Hand zu nehmen und zurück zu drehen. Staatliche Aufgaben, aus Steuermitteln finanziert gehören in staatliche Hand. Eine funktionierende Infrastruktur ist das Kapital einer hoch entwickelten Gesellschaft und eines wettbewerbsfähigen Wirtschaftssystems. Fehlende Gleisanschlüsse in Gewerbegebieten erschweren die Ansiedlung von Betrieben, eine nicht oder nur schlecht funktionierende Nahverkehrsversorgung erfordert zusätzliche, teure Parkflächen für alle Angestellten und besonders ausgelegte Straßennetze. All das geht immer mehr verloren, schwächt damit auch den Wirtschaftsstandort. Den nur saisonal erforderlichen Urlaubertransport bewältigte die Bahn einst mit besonderen Urlauberzügen, natürlich besonders in die damals noch nahe liegenden Urlaubsziele. Eine Konkurrenz zu den Fliegern nach Mallorca, Gran Canaria oder anderen Massenzielen kann die Bahn ohnehin nicht bieten. Den Wettbewerb mit Kurzstreckenflügen von Stadtzentrum zu Stadtzentrum kann die Bahn jedoch gegen die außerhalb liegenden, noch oft schlecht angebundenen Flughäfen leicht gewinnen, wenn sie denn fährt.

Back to the roots, liebe Bahn, das ist der Weg

Genau wie alle Infrastruktursysteme, wie Post, Telekommunikation, Versorgung mit Wasser und Energie gehört der öffentliche Verkehr in die Hände der Bürger, also des Staates. Da dann die Fäden der Entscheidungen wieder in der Hand vom Bürger gewählter Vertreter liegen, ohne Zwang Renditen zu erzielen, sondern um eine für alle Belange gebotene Qualität zu erstellen, ist wirklicher Fortschritt, nämlich an Lebens- und Arbeitsqualität möglich. Der Stolz eines Beamten der Deutschen Bahn ist in den letzten Jahren eher einer Furcht gewichen, mit dem Frust der Reisenden über die chaotischen Zustände konfrontiert zu werden. Ein Renommee ging verloren, ohne einen Ersatz, ohne eine Perspektive zu liefern.

Volker Marx, Volker Marx

Volker Marx - Nach dem Abitur (1973) Studium der Germanistik, Philosophie und Musik in Göttingen (1974 bis 1976). Dann gehörte ich bis 1981 ...

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