Er ist ein Griesgram, der als Einsiedler im Wald lebt. Dieser mürrische Kerl heißt Envälitä, was finnisch ist und „Ichmagnicht“ bedeutet. Was er nicht mag, sind Menschen und Tiere. Er schreibt gerade ein Buch, in dem stehen soll, warum das so ist. Schon fünfhundert Seiten hat er gefüllt. Eines Tages wird er aber aus seiner menschenfeindlichen Stille herausgerissen, als eine junge Katze auf seiner Schreibmaschine liegt und miaut. Eine Katze im Haus? Die muss raus! Also packt Envälitä sie und wirft sie im hohen Bogen aus seiner Einsiedelei. Doch das Tier findet immer wieder einen Weg zurück ins Haus des bärtigen Kerls, der wohl auch deshalb im tiefen finnischen Wald haust, weil Marjaleena Lembcke aus Finnland stammt. Wenn er am Schreibtisch sitzt, hört er auf jedes Geräusch, das die Anwesenheit der Katze signalisiert. Dann kann er sich nicht mehr auf sein Schreiben konzentrieren. Das macht ihn so wütend, dass er sie wieder und wieder vor die Tür setzt. Einmal sitzt Envälitä nichts ahnend in der Wanne, da kommt das Kätzchen, setzt sich auf einen Hocker und schaut dem menschen- und tierscheuen Waldschrat beim Baden zu. Diese Illustration ist Julia Neuhaus besonders gelungen: Envälitä, eine Duschhaube auf dem Kopf und ein Handtuch vor sich, beugt sich weit aus der Wanne, reckt den Unterkiefer weit nach vorn und blickt drohend auf die Miez, die zusammen mit einer Quietsche-Ente brav auf ihrem Schemel hockt und Envälitä anlächelt.
Irgendwann hat aber auch diese gutmütige Katze die Nase voll und verschwindet. Envälitä ist erst froh, dann traurig. Er kann nicht schreiben, weil es so still ist. Ihm fehlt die Samtpfote so sehr, dass er in der Hoffnung ein Bad nimmt, sie möge wieder auf dem Hocker Platz nehmen. Doch Fehlanzeige. Er sucht die Katze im Wald und er sucht sie sogar in der Stadt; er sucht Tage, er sucht Wochen. Aber nirgends ist das Tier zu entdecken. Schon hat er alle Hoffnung fahren lassen, da sitzt sie wieder auf seinem Küchentisch. Und jetzt, da sie endlich wieder da ist, kann Envälitä auch wieder schreiben. Was, das weiß aber auch Marjaleena Lembcke nicht.
„Ichmagnicht“ ist eine allerliebste Kurzgeschichte über einen Menschen mit harter Schale und weichem Kern, die von Julia Neuhaus‘ ganzseitigen Collagen wundervoll illustriert wird.
Alles im Eimer: „Von dem Fischer und seiner Frau“
Das plattdeutsche Märchen hat der romantische Maler Philipp Otto Runge aufgeschrieben, Uwe Johnson hochdeutsch nacherzählt und Einar Schleef in den 1970er Jahren für Kinder dramatisiert. Die Hamburger Künstlerin Katja Gehrmann hat nun „Von dem Fischer und seiner Frau“ neu illustriert. Grundlage für ihr großformatiges Bilderbuch war Uwe Johnsons hochdeutsche Version. Das niederdeutsche Original von Runge wird aber – nicht allein weil das Buch im Rostocker Hinstorff-Verlag erschien – im Anhang in Gänze wiedergegeben.
Es waren also einmal ein Fischer und seine Frau. Die lebten bescheiden und in einem Eimer. (Die Behausung wurde erst bei Johnson dazu, bei Runge ist das Domizil noch ein Pisspott. Das Wort wurde aber insofern entschärft, weil im Original nur „P...pott“ zu lesen ist.) Dann fängt der Fischer einen dicken Butt, der, da er sprechen kann, um seine Freiheit bittet. Dieser Wunsch wird ihm gewährt. Als die Fischersfrau von dem Wundertier erfährt, keift sie, dass der Fischer sich im Gegenzug auch etwas hätte wünschen sollen. Und so verlangt sie von ihrem Mann, er solle das nachträglich tun. Sie trägt ihm auf, er möge sich eine Hütte wünschen. Der Butt erfüllt den Wunsch umgehend. Und wenn sie nicht gestorben sind, hätten beide bis auf den heutigen Tag in ihrem Häuschen leben können. Doch die Fischerin will mehr und mehr. Aus der Hütte soll ein Palast werden, aus ihr ein König, ein Kaiser und der Papst. Alle Wünsche erfüllt der Butt, der, sichtlich entrüstet über die Zügellosigkeit, nicht nur seine Farbe ändert, von grün bis feuerrot, sondern aus Wut auch immer mehr an Größe zulegt.
Der Geduldsfaden reißt dem Plattfisch, als der Fischer im Namen seiner Frau bittet, er möge sie zu Gott machen. So viel Frevel führt dazu, dass beide wieder dort landen, wo sie waren: in ihrem armseligen Eimer. Wenn die Redensart, dass alles im Eimer sei, Geltung hat, dann hier.
Farbenfrohe, ganzseitige Illustrationen hat Katja Gehrmann für das Märchen geschaffen, das eine zeitlos aktuelle Parabel auf Habsucht und Besitzgier ist. Noch absurder als sie ohnehin schon ist wird die Unersättlichkeit der Fischersfrau, weil das Paar hier auf einer kleinen Insel lebt, wo sie mit ihrem Reichtum und ihren Würden allenfalls die Fische beeindrucken könnte.
Katzensprache und Besenreiten: „Hexlein“
Eine Hexe kann man nicht werden, man wird dazu gemacht. Aber nur alle sieben Jahre, so ist in dem Bilderbuch „Hexlein“ von Helga Bansch zu erfahren, fliegen die Hexen auf ihren Besen los, um ein einziges Kind auszuwählen, das in Hexomanien zur Hexe ausgebildet wird. In diesem Jahr ist es ein kleines Mädchen, das ein weißes Nachthemd mit rotem Stern trägt.
Die Lehre hat es in sich. Bevor das Training beginnt, werden morgens Ringelblumenmüsli und Schlangeneiomlett aufgetischt. Die Katzensprache ist ebenso zu lernen wie das Zaubern und das Reiten auf einem Besen; auf Hexenart zu kochen gehört auch zum Programm, ferner müssen Kniffe und Tricks gelernt werden, um sich gegen Zauberer und Ungeheuer zu wehren.
Die Hexen wissen auch, was zu tun ist, wenn die kleine Hexenschülerin traurig ist, weil sie Heimweh hat. Diese doppelseitige Illustration ist besonders gelungen: Hier sieht man das Mädchen an eine Hexe geschmiegt, derweil auf der orangefarbenen Bettdecke mit Hexenhut-Muster eine kleine Katzenkapelle vermutlich schauerlich-schöne Katzenmusik erklingen lässt.
Am Ende der Ausbildung steht eine Abschlussprüfung, die das Kind besteht. Jetzt ist sie ein Hexlein, und das wird natürlich zünftig gefeiert. Die letzte Seite lässt offen, ob das Kind das alles so erlebt oder einfach nur geträumt hat, heißt es doch: „Wacht das Kind früh auf, denkt es sich: ,Was für ein Traum!‘, und kichert. Genauso wie kleine Hexlein eben kichern.“ Die kurze Geschichte wird von tollen Bildern illustriert, deren Perspektiven unkonventionell sind. So sieht man die Hexen von oben auf ihren Besen fliegen und das Hexlein wegen der vielen Hexenhüte, die in die Luft geworfen werden, kaum, als es sein Zeugnis erhält, ehe es auf der nächsten Doppelseite zusammen mit den Hexen ausgelassen tanzt als wäre Walpurgis.
Der Wermutstropfen, der zurückbleibt: Leider, leider wird dem Leser nicht verraten, wie das kleine Mädchen heißt, das ein Hexlein wird – oder davon träumt, eine echte Hexe zu werden.
Aussprechen statt ausreißen: „Emmi will ausziehen“
Und dann packt Emmi ihren Koffer und zieht einfach aus. Das ist ungewöhnlich, denn sie ist noch ein kleines Mädchen. Ihre Eltern, so glaubt Emmi, mögen sie nur, wenn sie ein braves Kind ist. Dem Entschluss, mit der Wohnung auch ihr bisheriges Leben zu verlassen, ging ein Besuch bei Tante Bea voraus. Für diesen sollte sich Emmi schön machen. Aber Emmi will weder ein rosa Röckchen noch einen rosa Pulli anziehen. Emmi mag allein ihre Jeans zum Rausgehen und das alte T-Shirt, das ebenso schön müffelt wie die geliebten Stinke-Socken.
Auch sonst hat das Mädchen seinen eigenen Kopf. Denn es sagt, was denkt. Und so muss ihre Tante Bea sich anhören, dass ihr Kuchen wie alter Kaugummi schmecke. Kaum ist Emmi das herausgerutscht, flutscht auch noch ihr Zeigefinger ins linke Nasenloch. „Sie benimmt sich wie ein kleines Schwein“, befindet Tante Bea. Der Besuch bei der Tante endet desaströs. Auf dem Heimweg sind sich Vater und Mutter einig: Emmi ist wirklich ein unmögliches Kind. Emmi wiederum will alles sein, nur nicht eine hübsche und stets brave Rosi Rosenrot.
Und deshalb packt ihren Koffer und zieht aus. Doch wohin? Weiter als bis zur Gartenbank kommt sie nicht. Dafür kommt ihr Vater, bald auch ihre Mutter. Es beginnt ein Rollenspiel, in dessen Verlauf sich Emmi und ihre Eltern aussprechen. Die Drei söhnen sich bei einem Picknick in der Gartenhütte aus, geloben Besserung und kehren zufrieden nach Hause zurück.
Die doppelseitigen und in dezenten Farben gehaltenen Illustrationen zeigen Emmi als stupsnasiges und strubbelhaariges, alles in allem sympathisches Kind. Immer an ihrer Seite ist, darauf sollte geachtet werden, ihr kleiner Stoffhase mit den riesengroßen Knopfaugen.
Die Geschichte will eines zeigen: Um Missverständnisse zu bereinigen und Konflikte nicht eskalieren zu lassen, gibt es nichts Besseres, als miteinander zu sprechen. Diese abstrakte Ebene könnten kleine Leser vielleicht nicht sofort verstehen. Deshalb sollte das Buch von Eltern und Kindern zusammen gelesen und betrachtet werden. Denn auch die gemeinsame Lektüre von Bilderbüchern wie diesem kann die innerfamiliäre Kommunikation fördern.
Marjaleena Lembcke / Julia Neuhaus: Ichmagnicht ... oder wie der Mann Envälitä auf die Katze kam. Hinstorff Verlag, Rostock 2011. 14,95 €.
Von dem Fischer und seiner Frau. Ein Märchen von Philipp Otto Runge, nacherzählt von Uwe Johnson, illustriert von Katja Gehrmann. Hinstorff Verlag, Rostock 2011. 14,95 €.
Helga Bansch: Hexlein. Jungbrunnen-Verlag, Wien 2011. 13,90 Euro.
Elisabeth Vera Rathenböck/Anna Anastasova: Emmi will ausziehen. Jungbrunnen-Verlag, Wien 2011. 13,90 Euro.
