
- Roman "Alles inklusive", Doris Dörrie - Diogenes Verlag
Bunt gemixt und doch kein Sommercocktail ist der neue Roman von Doris Dörrie. Eher entspricht er einem gehaltvollen Sortiment an Whiskysorten - unterschiedlich gereift und sein Aroma erst nach Jahrzehnten preisgebend. Immerhin erstreckt sich über ein halbes Menschenleben.
Mit Sommer, Sonne und reichlich Familiendrama besitzt "Alles inklusive" alles, was eine amüsante Urlaubslektüre braucht. Trotzdem ist der Roman mehr als eine schlichte Urlaubsgeschichte.
Seichter Einstieg in tiefe Gewässer
Auch wenn es auf den ersten Seiten den Anschein nimmt, wird der Leser nicht in eine seichte Sommergeschichte am Meer eingeladen. Doch als müsse sich die Autorin erst in die Geschichte hinein schreiben, gibt sie dem Leser auf den ersten 20 Seiten tatsächlich den Vorgeschmack auf einen schlichten Sommerroman.
Der Doris-Dörrie-Fan aber erkennt schnell, dass der erste Schein ein trügerischer sein muss. Herrlich genau formulierte Details werden von der Spezialistin exakter Beobachtung in die Sätze gedichtet und versprechen eine lebendige, sinnliche Geschichte.
Unangekündigter Perspektivwechsel
Mit dem zweiten Kapitel wird dem Leser klar, welche Struktur die Autorin ihrer Geschichte gegeben hat. "Tim" erhält das Wort und löst die bisherige Erzählerin "Apple" ab.
Erwachsen geworden reflektiert er für den Leser die Zusammenhänge aus längst vergangenen Tagen. 30 Jahre ist es her, dass er Teil der Sommergeschichte gewesen ist. Und schwer zu belügender, kindlicher Pragmatismus enttarnt erste Lebenslügen.
Spanien anders
Ein abgeklärter Blick auf das touristische Spanien wird dem Leser während der folgenden Kapitel gewährt. Auch werden weitere Verflechtungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit der Figuren gewebt und der Kontext des gesamten Romans heraus gearbeitet.
Erinnerungen aus dem Blickwinkel der inzwischen erwachsenen Protagonistin "Apple" speisen sich aus den Kinderjahren im konturarmen Spanien der Hippies und haben mehr als Spuren hinterlassen. Sie ist es, die mit ihrer Biographie skurrile Tragikomödie ins Geschehen bringt. Bis sich der Kreis langsam zu schließen beginnt.
Perlenkette aus Kurzgeschichten
Im Grunde sind es einzelne Kurzgeschichten, die Doris Dörrie wie an einer literarischen Perlenkette aufreiht. Wie man es von ihr gewohnt ist, legt sie intime Einblicke in die Gedanken- und Erlebenswelt der einzelnen Figuren frei.
Im Zusammenhang erschließt sich so eine Fülle von Exzentrik und Lebenstragik - von den gemischten Gefühlen der Familienbande und Beziehungsnähe und -ferne. Im echten Leben sicher nicht als solche geballte Ladung wie im Roman denkbar, finden sich doch allerlei geliebte und gehasste Inhalte der eigenen Lebensachterbahn wieder.
Doris Dörrie: Alles inklusive, Diogenes Verlag August 2011, Roman, Hardcover Leinen, ISBN 978 3 257 86208 9. 256 Seiten. Euro 21,90 (D), 22,60 (A), CHF 36,90
