Sie können nicht lesen und nicht schreiben. Dieses Manko haben sie über viele Jahre hinweg gut vor ihren Mitmenschen versteckt. Wenn sie sich entscheiden, an einem Alphabetisierungskursus teilzunehmen, haben sie die größten Hürde bereits übersprungen: das Eingeständnis, die gängigsten Kulturtechniken der ziviliserten Welt nicht zu beherrschen. Sie haben den Mut aufgebracht, sich für einen Kursus anzumelden.

Alphabetisierungskurse: Dozenten sollten Empathie besitzen

Jeder Lehrer, Trainer, Dozent sollte diesen Mut zu würdigen wissen und den verunsicherten Teilnehmern mit Respekt und Achtung begegnen. Wer ihre Scham und Unsicherheit nicht spürt, und nur ein Unterrichtsprogramm abspult, wird nicht den schönen, manchmal anrührenden Erfolg erleben, der in jeder Unterrichtsstunde zu Tage tritt: Schreiben lernen, endlich! Eine freundschaftliche, warmherzige Atmosphäre ist bei aller gebotenen professionellen Distanz in Alpha-Kursen von besonderer Bedeutung.

Die Ursachen für das Defizit der Teilnehmer können unterschiedlicher Herkunft sein:

  • Sie haben das Schreiben und das Lesen nicht gelernt.
  • Sie haben es gelernt, aber vergessen.
  • Sie kommen aus einem sozialen Umfeld, das diese Fähigkeiten nie begünstigt hat.
  • Sie können es ein wenig, aber die Anforderungen ihrer gesellschaftlichen Umgebung sind weit höher.
  • Sie leiden unter neurologischen oder physiologischen Einschränkungen.

Alphabetisierungskurs: Motivieren und Wir-Gefühl stärken

Am Anfang des Unterrichts stehen die Motivation und eine bildreiche Beschreibung des Kursziels. Wobei hier der Weg, der Lernprozess, das Ziel ist. Wiederholt eingesetzte Botschaften wie „Wir können das!“ und „Wir schaffen das!“ markieren in aufrüttelnd positiver Weise die Grundhaltung zum Lernen. Der Plural „wir“ soll den Zusammenhalt der Lerngruppe betonen. Werden Sie als Alpha-Dozent nicht müde, den Teilnehmern die vielen Dinge vor Augen zu führen, die sie als lesende und schreibende Menschen tun können.

Grober Fehler: Nur das Wort Leistung nicht benutzen

Vorsicht ist geboten bei der Verwendung des Wortes „Leistung“. Der Bedeutungskontext dieses Begriffs kann wie eine Bremse auf die Motivation der Kursteilnehmer wirken. Also: Aufrufe, mehr Leistung zu zeigen, sollten verpönt sein. Der Grund: Die Alpha-Teilnehmer konnten dem Leistungsanspruch der Gesellschaft über Jahrzehnte nicht gerecht werden. Daher werden sie negative Empfindungen bei der Nennung des Begriffs verspüren. Selbst wenn die Dozentin den Begriff als Lob verpackt („Das war eine sehr gute Leistung!“) kann allein der Bedeutungsinhalt des verwendeten Schlüsselbegriffs „Leistung“ statt Ermutigung möglicherweise Mindergefühle wecken. Das ist die andere Seite der Medaille.

Lernerfolg gefährdet: Analphabeten sind im Kursus unsicher

Locker oder verkrampft: Jeder Teilnehmer ringt in der Gruppe mit Gefühlen der Unsicherheit, welche Rolle ihm oder ihr in der Gemeinschaft zugedacht ist. Diese Unsicherheit wirkt sich auf ihre Selbstdarstellung aus und bindet Energie, die womöglich für das Lernen nicht zur Verfügung steht. Das kann sie je nach Kursintensität und Stimmung möglicherweise Tage oder Wochen beeinträchtigen. Kursleiter stehen deshalb ständig unter Beweisnot. Sie sollten kontinuierlich - und wie zu Kursbeginn zugesichert - auf jeden Teilnehmer und seinen individuellen Lernfortschritt eingehen. Das schafft Vertrauen. Die schlimme Erfahrung der als erfolglos erinnerten Situation in der Regelschule ist immer noch präsent. Es hat sich als hilfreich erwiesen, wenn der Lehrende im Seminarraum möglichst von vorn an den Schreibtisch des Teilnehmers herantritt. Das Hinter-dem-Rücken-Heranschleichen und Über-die-Schulter-Schauen weckt Unbehagen und ist dem Lernerfolg abträglich.

Tipps für Lehrkräfte: Ablauf eines Alphabetisierungskurses

Peter Hubertus, Geschäftsführer beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V., hat sich zur Hauptaufgabe erklärt, den Analphabetismus in Deutschland einzudämmen. Hubertus empfiehlt Dozenten in der praktischen Unterrichtssituation weitere Punkte und Zielsetzungen zu beachten:

  • Alpha-Teilnehmer setzen sich erneut mit einem Lerngegenstand auseinander, an dem sie in der Schule gescheitert sind.
  • Teilnehmer von Alpha-Kursen müssen in die Lage versetzt werden, Texte zu schreiben, die sie selbst verfasst haben.
  • Lesen und Schreibenlernen ist ein Prozess. Man lernt es sukzessive, Stufe für Stufe.
  • Was beim Schreibenlernen geschrieben wird, ist zwangsläufig noch nicht korrekt. Fehler gehören zum Schreiblernprozess dazu.
  • Ein Unterricht, der auf Seiten von Dozenten und Lernenden auf Fehlervermeidung ausgerichtet ist, ist unsinnig.
  • Fehler markieren das erreichte Niveau der Schriftsprachaneignung. An der Art des Fehlers lässt sich erkennen, was der Lernende kann. Durch qualifizierte Betrachtung der Fehler kann der Lehrende den Lernzuwachs des Teilnehmers beurteilen.
  • Nach dem Schreiben markiert der Kursleiter solche Fehler im Text, von denen er annimmt, dass der Teilnehmer sie erkennt und ein Stück weit selbst korrigieren kann. Das Markieren fokussiert den Blick des Lernenden auf die Unzulänglichkeiten, die bisher als solche noch gar nicht erkannt worden sind.
  • Am wahrscheinlichsten kann der Lernende jene Fehler verbessern, die auf einer Stufe des Schriftspracherwerbs liegen, die er bereits überschritten hat.
  • Fehlschreibungen, die dem lautlichen Bereich zuzuordnen sind, können leichter korrigiert werden als Regelfehler.
  • Konkrete Unterrichtsbeispiele und Methoden aus der Praxis von Alphabetisierungskursen finden sich hier.