Eigentlich sollte der Krieg nur wenige Monate dauern, bis Weihnachten 1914 längstens. Daher machten sich selbst die Verantwortlichen in Wirtschaft und Verwaltung trotz der unmittelbar einsetzenden alliierten Kontinentalblockade bei Kriegsausbruch im August keine Sorgen über die Versorgung der Bevölkerung. Verständlich also, dass sich in den ersten Kriegsmonaten keine erkennbare Veränderung in den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der städtischen Bevölkerung zeigten, obwohl doch eigentlich allen klar war, dass das Deutsche Reich auf Lebensmittelimporte angewiesen war. Das Warenangebot in den Lebensmittelhandlungen, in Cafés, Bäckereien und Restaurants blieb zunächst reichlich und das hergebrachte Konsumverhalten weitgehend vom Kriege unberührt. Doch mit dem Übergang vom Bewegungs- in den Stellungskrieg und der langsam erkennbar werdenden Verknappung auf dem Getreidemarkt, wurde Sparsamkeit im Nahrungsverbrauch zum Gebot der Stunde. Doch über eines waren die Deutschen, die noch lange an einen raschen Sieg glaubten, einig: „Ausgehungert kann Deutschland nicht werden“. (August Skalweit, S. 7)
Erste Appelle zur Sparsamkeit
Zum Jahresende 1914 wurde allerdings deutlich, dass der ersehnte „Siegfrieden“ noch einige Zeit auf sich warten lassen würde. Leicht ließ sich nun ausrechnen, dass zumindest Nahrungsmittel knapp werden müssten. Auf die im November 1914 erschienene Flugschrift „Deutschland steht gegen eine Welt von Feinden“, die insbesondere zur Einschränkung im Brotverbrauch riet, folgte bald eine wahre Flut von Sparsamkeitsappellen, die durchweg auf die Vereitelung des englischen „Aushungerungsplans“ abzielten. Aufgefordert, den "Hausstand" in den "Kriegszustand" zu versetzen, sollte gerade die städtische Bevölkerung ihre Lebensführung kriegsmäßig umstellen (Anne Roerkohl, S. 181). Die grundsätzliche Forderung lautete: „Wir müssen die Nahrungsmittel wählen, die uns das Land reichlich liefert, und wir müssen die Vergeudung vermeiden, die nur zu sehr bei uns eingerissen ist. Beides bedeutet eine Rückkehr zur einfachen Väter Sitte“ (Ernährungsmerkblatt 1914).
Plädoyers für pflanzliche Kost
Neben Sparsamkeit im Brotverbrauch stand der vergleichsweise hohe Fleischkonsum der städtischen Bevölkerung im Zentrum der Aufmerksamkeit der einsetzenden Ernährungspropaganda. Für tierische Nahrungsmittel wie Fleisch, Fett, Butter, Eier und Milch verbrauchten städtische Haushalte in den letzten Friedensjahren etwa 50 % ihrer Ernährungsausgaben (von Tyszka, S. 849). Fraglich schien, „ob wir nicht in Deutschland, in den letzten Jahren des Wohllebens in unseren Ansprüchen an die tägliche Ernährung über das Maß dessen hinausgegangen sind, was für die Erhaltung der Körperkraft und unser Wohlbefinden erforderlich ist“ (Kriegskochbuch, S. 5). Physiologisch betrachtet sei der übermäßige Fleischgenuss doch eher schädlich als nützlich und dabei in der Produktion drei bis fünfmal so teuer wie pflanzliche Nahrung. Durch die Reduzierung des Fleischkonsums werde die Ernährung abwechslungsreicher und gesünder und schließlich zu einer „Quelle körperlicher und sittlicher Kraft“, versprachen die zeitgenössischen Autoren (Merkblatt „Volksernährung").
Wandel in den Ernährungsgewohnheiten
Im weiteren Kriegsverlauf sollten sich die die tradierten Ernährungsgewohnheiten gezwungener Maßen wesentlich verändern. Kriegsteuerung, zunehmende Nahrungsmittelknappheit, Rationierung und erhebliche Verteilungsprobleme wirkten zusammen und lösten hergebrachte Ernährungskonzepte auf, allerdings ohne realistische Alternativen an ihre Stelle zu setzen. Im Zuge der nach Kriegsausbruch rasch um sich greifenden Teuerung, erschwerten sich die Wirtschaftsbedingungen im Haushalt erheblich. Bald mussten die Hausfrauen deutlich höhere Anteile ihres Ausgabenbudgets für die Nahrungsmittelversorgung reservieren. Natürlich waren davon geringer bemittelte Familien stärker betroffen als besser gestellte.
Rationierung und Verteilungsmängel
Zudem erschwerten sich durch die mit der Rationierung verbundenen Beschaffungsprobleme auch die Arbeitsbedingungen in den privaten Haushaltungen. Im Frühjahr 1915 wurden die ersten Lebensmittelkarten ausgegeben, und nur ein Jahr später war kaum noch ein Ge- oder Verbrauchsgut frei erhältlich. Jedoch sollte eine Reihe systemimmanenter Schwachstellen für erhebliche Verbitterung unter den Verbrauchern sorgen, die oftmals über Stunden von Geschäft zu Geschäft hetzen mussten, um ihre Rationen auch tatsächlich zu erhalten. Hiervon waren insbesondere all jene Hausfrauen betroffen, die zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit etwa in der Industrie gezwungen waren und ihren Haushalt quasi „nebenher“ erledigen mussten.
Der Hunger zog ein
Die sich verschärfende Mangellage auf dem Nahrungsmittelmarkt erzwang schließlich den lange schon geforderten radikalen Bruch mit den hergebrachten Ernährungsgewohnheiten. Doch konnte der bedeutende Konsumrückgang bei tierischen Lebensmitteln mangels Alternativen auch mit pflanzlichen Lebensmitteln nicht ausgeglichen werden. Verzweifelte Versuche, den Mangel mit Ersatzmitteln und Surrogaten auszugleichen scheiterten kläglich, und spätestens im so genannten "Steckrübenwinter" 1916/1917 zog der Hunger ein in die deutschen Städte.
Literatur und Quellen
Goetz Briefs, Die Hauswirtschaft im Kriege, (Beiträge zur Kriegswirtschaft, H. 25), Berlin 1917
Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkriegs, (Studien zur Geschichte des Alltags, Bd. 10), Stuttgart 1991
August Skalweit, Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft, Stuttgart 1927
Carl v. Tyszka, Die Veränderungen in der Lebenshaltung städtischer Familien im Kriege, in: AfSS., hg. v. Edgar Jaffé, Bd. 43, Tübingen 1916/17
Ernährungsmerkblatt. Ratschläge für die Kriegszeit, hg. v. d. Zentralstelle für Volkswohlfahrt, o. O. 1914,. Das Ernährungsmerkblatt erschien auch unter dem Titel: Volksernährung in der Kriegszeit. Ein Merkblatt, in: Hedwig Heyl, Kleines Kriegskochbuch, Berlin 1915
Kriegskochbuch. Anweisungen zur einfachen und billigen Ernährung, Hamburg 1914
