Dass der Märchenfilm auch in Deutschland eines der ältesten Filmgenres ist, lässt sich noch heute an den Entstehungsjahren vieler Filmtitel ablesen: So produziert die Dresdner Heinrich Ernemann AG bereits um 1908 die Streifen "Schneewittchen", "Rapunzel" oder "Hänsel und Gretel", in denen menschliche Darsteller die Märchenfiguren spielen. Obgleich die meisten dieser stummen Märchenrealfilme billig hergestellte Fließband-Produktionen sind, werden sie begeistert vom Kinopublikum aufgenommen. Dass es auch anders geht, beweisen in den 1910er-Jahren die erfolgreichen Stummfilme Paul Wegeners, der sagen- und märchenhafte Stoffe für die Leinwand adaptiert und in kongeniale Filmbilder übersetzt, beispielsweise "Rübezahls Hochzeit" (1916).

Orientieren sich Wegeners Filme und auch Paul Lenis "Dornröschen" (1917) vor allem an erwachsene Zuschauer, so setzt Wilhelm Prager mit "Der kleine Muck" (1921) erstmals einen abendfüllenden Märchenfilm in Szene, der sich an ein jugendliches Publikum richtet. Doch schon zwei Jahre später, als "Der verlorene Schuh" (Regie: Ludwig Berger) uraufgeführt wird, ist der Zenit der Märchenfilmproduktion bereits überschritten. Aschenputtel, Schneewittchen & Co. locken jetzt keine Erwachsenen mehr in die Kinos. Der Publikumsgeschmack gilt jetzt anderen Filmen. Doch die Leinwand-Märchen erleben ein Comeback: Ab 1928 werden Adaptionen hergestellt, die sich erstmals an ein Kinderpublikum richten.

Vom Astronomie-Lehrfilm "Wunder der Schöpfung" zu "Frau Holle"

Obwohl Produzent und Regisseur Hanns Walter Kornblum heutigen Cineasten vor allem mit seinem Astronomie-Lehrfilm "Wunder der Schöpfung" (1925) ein Begriff ist, zählt er gleichzeitig zu den wegweisenden Märchenfilmproduzenten in der Stummfilmära. Anfang der 1920er-Jahre verfilmt er beispielsweise "Hänsel und Gretel", "Elfenzauber" oder "Kalif Storch". 1928 adaptiert er das Grimmsche Märchen "Frau Holle“. Im Gegensatz zu den Erwachsenen-Märchenfilmen stimmt Kornblum die Handlung auf Kinder in Grundschulklassen ab. "Frau Holle" wird wegen seiner schlichten, aber doch eindrucksvollen Inszenierung von der Film-Prüfstelle gelobt und als "Lehrfilm" anerkannt.

Zeitgleich beginnt der frühere Regisseur des Kasseler Residenz-Theaters Alf Zengerling, Märchenrealfilme für Kinder zu produzieren. An Weihnachten 1928 werden "Rotkäppchen“, "Hans im Glück“ und "Schneewittchen“ uraufgeführt. Seine Stummfilme finden allerdings ein geteiltes Echo. Einerseits geißeln Kritiker seine Adaptionen als naive Billigproduktionen. Andererseits bemängelt die Film-Prüfstelle, dass seine Filme zu wenig "naiv“ sind, um ein Prädikat zu erhalten. Zengerling versucht in seinen Filmen, Landschaft und märchenhafte Architektur einzubeziehen. So dreht er Szenen für "Schneewittchen“, in denen die sieben Zwerge nach Erz suchen, im Bergwerk Rüdersdorf bei Berlin.

Kein Interesse an Märchenfilmen für Kinder

Als sich ab 1929 der Tonfilm in Deutschland durchsetzt, wird Zengerling in einem Interview mit der Filmzeitschrift "Bildwart“ gefragt, ob "sich Märchenfilme auch als Ton- und Sprechfilme verwenden“ lassen. Seine Antwort: "Nein, vorläufig werden Schneewittchen, Rotkäppchen, der Wolf nicht sprechen.“ Auch der Redakteur des "Bildwart“ findet, dass der Tonfilm alles Märchenhafte zerstören würde und es doch besser wäre, weiterhin stumme Märchenfilme zu produzieren. Das stellt sich als Irrtum heraus. Zwei Jahre später beginnt Zengerling enthusiastisch seine Stummfilme zu synchronisieren. Mit mäßigem Erfolg: Eine lippensynchrone Nachvertonung gelingt ihm aus technischen Gründen in den wenigsten Adaptionen.

Noch 1933 – vier Jahre nach Einführung des Tonfilms – produziert Zengerling zwei weitere Märchen-Stummfilme: "Hänsel und Gretel“ sowie "Frau Holle“ und vertont beide bis 1935. Er ist zu diesem Zeitpunkt der einzige Produzent in Deutschland, der Märchenrealfilme für Kinder herstellt. Auch die Mitte der 1930er-Jahre vier größten deutschen Filmstudios – Ufa, Bavaria, Terra und Tobis – halten sich mit ihrem Engagement zurück, weil Märchenfilme ein Minusgeschäft sind. Im Juni 1935 wendet sich Zengerling in einem Brief an die Filmabteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Darin klagt er, dass auch für seine kleine Produktionsfirma die Herstellung von Märchenfilmen zunehmend unrentabel wird.

"Der gestiefelte Kater" – die erste deutsche Tonfilm-Neuproduktion eines Märchens

Nur vier Wochen später beginnt Zengerling die aufwändigen Dreharbeiten zur ersten deutschen Tonfilm-Neuproduktion einer Märchenvorlage. Die sperrige Bezeichnung ist notwendig, um die Adaptionen von nachsynchronisierten Märchenfilmen abzugrenzen, die damals (und heute) auch als Tonfilme bezeichnet werden. Zengerling verfilmt das Märchen vom "Gestiefelten Kater“, in dem ein sprechendes Tier aus einem armen Müllerssohn einen wohlhabenden Mann macht, der am Ende die Königstochter zur Frau erhält. Der clevere Kater wird von dem kleinwüchsigen Schauspieler Paul Walker gespielt. Außenaufnahmen für den Film werden in und um Dresden hergestellt. Zengerling dreht beispielsweise in den Anlagen der sächsischen Albrechtsschlösser.

Am 12. Oktober 1935 wird "Der gestiefelte Kater“ im Berliner Universum-Theater uraufgeführt. Die Filmtageszeitungen "Licht-Bild-Bühne“ und "Film-Kurier“ widmen der Premiere jeweils einen einspaltigen Artikel – wohl auch um die Wahrnehmung und Bedeutung von deutschen Märchenfilmen in der Öffentlichkeit zu stärken. Der Leser erfährt allerdings nicht, dass es sich dabei um die erste deutsche Tonfilm-Neuproduktion handelt – sechs Jahre (sic!) nach Einführung des Tonfilms wird das lieber verschwiegen. Kritisch wird aber auf Unzulänglichkeiten in der technischen Umsetzung hingewiesen: So sei beispielsweise "das wenig schöne, gelbe Kopiermaterial“ verwendet worden, "das immer den Eindruck erweckt, als handele es sich um einen Filmstreifen aus der Anfangszeit.“ ("Licht-Bild-Bühne“, 14.10.1935)

Zwischentitel und Propaganda im ersten Märchen-Tonfilm

Das zeigt, dass "Der gestiefelte Kater“ eine Low-Budget-Produktion ist – und Zengerling oft den Rotstift ansetzen musste. Die Ästhetik des 73-minütigen Films verrät zudem, dass er als Produzent und Regisseur vor allem in der Stummfilmära aktiv war: So werden Zwischentitel in Sütterlinschrift eingeblendet, die in Tonfilmen der 1930er-Jahre aber nicht mehr zu finden sind. Dass die Adaption trotzdem ein Spiegel ihrer Entstehungszeit ist, zeigen Dialoge der Märchenfiguren. So wird der gestiefelte Kater mit den Worten gelobt: "Heil dem Kater Murr! Er ist unser Erretter! Wir leben wieder!“ Lässt der heutige Zuschauer diese Anbiederungen an das NS-Regime außer Acht, so gibt "Der gestiefelte Kater“ den Startschuss zu einer kontinuierlichen Kinderfilm-Produktion in Deutschland, die sich intensiv den Märchen und Sagen als Sujet widmen wird.

"Der gestiefelte Kater“ kann im Bundesarchiv-Filmarchiv (Berlin) und in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Berlin) zu Forschungszwecken gesichtet werden. Die Rechte für Kino- und TV-Aufführungen hält Schongerfilm (Inning a. Ammersee).