Reibungslos war der zweite Akt im Countdown zur Kür des SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine über die Bühne gegangen. Am 27. März 1990 nominierte der sozialdemokratische Parteirat in Hannover den saarländischen Ministerpräsidenten, der gedämpft Siegeszuversicht verbreitete: „Wir haben noch nicht gewonnen; wir können es schaffen“. Am 27. und 28. September 1990 sollte dann ein Wahlparteitag in Bonn endgültig das Plazet geben. In Hannover votierten die Parteiratsmitglieder in offener Abstimmung für den Kandidaten.

SPD-Chef Hans-Jochen Vogel streichelte ihm den Kopf, der stellvertretende Vorsitzende Markus Meckel übte eine herzliche Umarmung. Das waren augenfällige Beispiele dafür, dass „die Partei lieb zu ihm ist“, wie es sich Lafontaine zuvor schon im SPD-Vorstand erbeten hatte.

Für „europäische“ Deutschlandpolitik

In einer etwa einstündigen Rede formulierte Lafontaine an jenem Tage eine Art Regierungsprogramm, das er in der Bevölkerung der Bundesrepublik und auch in der DDR für mehrheitsfähig hielt: „Wir wollen eine europäische Deutschlandpolitik, wir wollen soziale Gerechtigkeit, wir wollen die ökologische Erneuerung der Industriegesellschaft, wir wollen eine europäische Friedensordnung, die ein erfolgreicher Abschluß der von Willy Brandt eingeleiteten Friedenspolitik ist“.

Bedenken gegen nationalstaatliche Einheit

In Abwesenheit von Brandt, der sich einem zweitägigen Gesundheitscheck nach den Strapazen des vorausgegangenen Wahlkampfes in der DDR unterzog, sagte Lafontaine, es sei ihm und der SPD nie um die Frage gegangen, „Einheit Ja – oder Nein“, sondern allein um das Wie. Der Kanzlerkandidat meinte damit nicht allein, den Einigungsprozess „innenpolitisch vernünftig zu gestalten“, sondern auch: „Wenn wir von der Einheit sprechen, dann geht es uns nicht in erster Linie um eine nationalstaatliche Einheit“. Es gehe in erster Linie „um die Einheit der Gesellschaft“.

Ein Kollektiv aus NATO und Warschauer Pakt?

Lafontaine blieb dabei, vor raschen Schritten in Richtung auf eine Währungsunion mit der DDR zu warnen: „Um bruchartige Umwälzungen zu vermeiden, muss sie sorgfältig vorbereitet und durchgeführt sowie in die Wirtschafts- und Sozialpolitik wirksam eingebettet werden“. Sein Schlüsselsatz hieß erneut, soziale Gerechtigkeit werde für die Bevölkerung der Bundesrepublik und der DDR zu definieren sein. Das alles will er in einen europäischen Einigungsprozess eingebettet sehen. Dabei wandte er sich gegen den sicherheitspolitischen Sonderweg deutscher Neutralität, gegen eine Ausdehnung der NATO nach Osten; und er plädierte auf längere Sicht für „eine Weiterentwicklung von NATO und Warschauer Pakt zu einem kollektiven Verteidigungssystem“.

Hans-Jochen Vogel deutete Widersprüche an

Dass der Kandidat, sollte er Kanzler werden, weiter in innerparteilichen Auseinandersetzungen stehen würde, hatte Parteichef Vogel schon anfangs deutlich gemacht. Eine Partei, die Willy Brandt und Helmut Schmidt im konkreten Fall widersprochen habe, werde „auch einem Bundeskanzler Lafontaine in kritischer Solidarität widersprechen, wenn sie es für nötig hält“. Die Partei wisse, wie sie mit Lafontaine dran sei. „und er weiß es umgekehrt auch“. Oskar Lafontaine blieb die Replik nicht schuldig. Er dränge sich nicht in die Rolle des Kandidaten, er werde auch künftig die angenehmen Seiten des Lebens schätzen wollen. Und im Übrigen: Wenn er Kanzler sei, dürfe ihm die Partei auch Widerspruch geben.