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Altern Arme schneller?

Armut hinterlässt ihre Spuren im Gencode des Menschen

Im Osten Glasgow haben Männer die geringste Lebenserwartung Europas: Sie werden im Schnitt nur 57 Jahre alt. Gerade hier leben viele sozial schwache Familien. Ein Zufall?

Anscheinend gibt es ein „Armutsgen“, das Menschen aus sozial schwachen Familien schneller altern lässt. Der schottische Forscher Chris Packard untersucht die geringe Lebenserwartung im Osten Glasgows, wo Männer seit fünfzig Jahren unverändert eine Lebenserwartung von 57 Jahren haben. Zum Vergleich: deutsche Männer werden im Schnitt 76 Jahre alt, Frauen sogar 82 Jahre. Der europäische Durchschnitt liegt bei beiden Geschlechtern noch höher.

Japan, Italien und Kalifornien beherrbergen die meisten Geronten

Trotz verschiedenster Diäten und Studien gibt es kein Patentrezept für ein hohes Alter. Die ältesten Menschen der Welt leben in Japan, Süditalien und Kalifornien. Während sich die Japaner beim Essen zurückhalten und vor allem kaum Fett und Alkohol zu sich nehmen, schwören die Italiener auf große Familienfeste mit viel Essen und Wein und die Kalifornier glauben, dass Sport am wichtigsten ist, um ein hohes Alter zu erreichen. So überrascht es kaum, dass sich wissenschaftliche Studien widersprechen: eine Gruppe von Wissenschaftlern glaubt, dass bereits kurze Hungerkuren die Lebenserwartung erhöhen, eine andere Gruppe will herausgefunden haben, dass leichtes Übergewicht im Alter lebensverlängernd wirken könnte.

Überaktives Immunsystem kurbelt den Alterungsprozess an

Chris Packard glaubt jedoch, eindeutige Gründe für eine kurze Lebensspanne identifiziert zu haben. Ein überaktives Immunsystem scheint schuld zu sein an der kurzen Lebenserwartung in Glasgows East End: Dieses verbraucht innerhalb kürzester Zeit alle „übrigen“ Zellen des Körpers, die normalerweise den Alterungsprozess verlangsamen. Deswegen haben die Vierzigjährigen in Glasgow oft ein biologisches Alter von 70.

Beengte Lebensverhältnisse schaffen Krankheitsherde und überaktive Immunsysteme

Der Taxifahrer Graham Jackson ist einer der Patienten von Packard. Im Alter von 47 Jahren suchen ihn in einer einzigen Nacht drei Herzattacken heim. Seine Frau Moira glaubt, sie würde ihn verlieren, aber erstaunlicherweise überlebt ihr Mann. Aber Moira, die in der gleichen Gegend aufgewachsen ist, geht es kaum besser: Im Alter von nur 51 Jahren kann sie kaum noch gerade stehen.

Während einer Taxifahrt in den noch immer armen Osten der Stadt erinnert sich Graham an seine Kindheit: Als kleiner Junge teilte er sein Bett mit vier Geschwistern, was damals nicht unüblich war. In seiner Familie lebten bis zu zehn Menschen in einem einzigen Raum, zwischen den verschiedenen Wohnungen und Gebäuden gab es kaum Luft. In diesen Vierteln breiteten sich Krankheiten wie Masern schnell aus. Nur die, die ein sehr aktives Immunsystem hatten, überlebten diese Krankheiten im viktorianischen England. Ihre Nachfahren haben dieses Immunsystem geerbt, das in ständiger Alarmbereitschaft ist und im Alter anscheinend den Körper selbst attackiert.

Gehen Armut und Lustlosigkeit Hand in Hand?

Biochemiker Packard, der noch immer als Ehrenprofessor an der Universität in Glasgow lehrt, erklärt, dass der Körper dieser „armen“ Patienten ständig entzündet scheint, d. h. das Immunsystem ist tagein tagaus in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft: „Das Protein Zytokin, das das Immunsystem auf die Invasion von Bakterien vorbereitet, kommt im Körper armer Leute vermehrt vor. Diese ständige Alarmbereitschaft lässt den Körper über das biologische Alter hinaus altern.“ Der Wissenschaftler nimmt an, dass sich dieses überaktive Immunsystem, das für die letzte Generation noch einen Vorteil darstellte, von Generation zu Generation weitervererbt hat. Packard glaubt auch, dass dieses Immunsystem chemische Botenstoffe produziert, die möglicherweise das natürliche Bedürfnis sich selbst zu verbessern aufhalten. Diese hypothetische Verknüpfung von Armut und Lustlosigkeit will der Wissenschaftler als nächstes untersuchen.