Alternativlos und einzig notwendig – wie die Politik schwindelt

Wie man den Kuchen verteilen soll? - Dieter Schütz / pixelio.de
Wie man den Kuchen verteilen soll? - Dieter Schütz / pixelio.de
Wenn etwas alternativlos ist, lohnt es sich nicht nach anderen Lösungen zu suchen. Politiker verstecken sich gerne hinter Alternativlosigkeit.

Mit Vorliebe verstecken sich Politiker hinter den Ereignissen oder Verhältnissen, die angeblich nicht zu ändern sind. So stellen nicht wenige Entscheidungsträger die finanzielle Krise als eine Naturgewalt dar, die überraschend auftrete und somit nicht zu verhindern sei. Wäre sie vermeidbar, hätten sich die Politiker dafür einsetzen müssen, die Regeln zu ändern. Sie hätten agieren, statt lediglich reagieren müssen. Stattdessen zeigen sie sich überrascht und preisen eigenes Tun als einzig notwendig und alternativlos. Hinter dieser mystischen Auslegung scheint sich der Glaube an abstrakte unsichtbare Kräfte und Mechanismen, die die Wirtschaft und Gesellschaft steuern, zu verbergen.

Von Menschen gemacht

Hinter den Kulissen befinden sich jedoch immer noch Menschen und keine Geister. Menschen schaffen die Verhältnisse, die sie später als Ursachen des Übels beklagen. So kann man die letzte Krise der zyklischen Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft zurechnen, aber diese Entwicklung wurde durch politische Entscheidungen verschärft. Die Senkung der Löhne hat unter anderem wesentlich dazu beigetragen. Der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen ist in Deutschland zwischen 2000 und 2007 „förmlich abgestürzt, von 72,2 auf 64,6 Prozent“ (S. 29), bei gleichzeitig steigenden Preisen. Eine Erhöhung der Löhne hätte dagegen die Binnennachfrage gestärkt und sich mildernd auf die Krise ausgewirkt. Der Staat hätte zusätzlich mit Investitionsprogrammen einspringen können. Dass eine partielle Senkung, die nur die Machtlosen in der gesellschaftlichen Hierarchie betrifft, kein Erfolgsrezept ist, hätte man eigentlich wissen müssen. Diesen Weg gingen schon – trotz ganz anders verkündeten Offenbarungen – die Herrscher in den Ländern des kommunistischen Blocks. Mit bekanntem Ergebnis.

Globalisierung & Co. – die Schuldigen?

Politiker dämonisieren gerne die Ursachen außerhalb ihrer Wirkung. Darunter spielt die Globalisierung eine große Rolle. Sie solle für Malheur jeder Art schuldig sein und man fühle sich ihr ausgeliefert. Die Globalisierung sei demnach für das ganze Übel verantwortlich: die Erhöhung der Preise, die Senkung der Löhne und den Abbau der Arbeitsplätze. In solch einem einfältigen Bild der Wirklichkeit gibt es keinen Platz für die Alternativen. Die Möglichkeiten einer anderen Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden ausgeblendet oder verschwiegen.

Verteilung von Lasten und Nutzen

Die Behauptung, dass die gegebene Verteilung von Lasten und Nutzen notwendig sei, wie sie ist, gehöre auch zu den Überzeugungen über eine höhere Gewalt, die das irgendwie regelt. Das Fazit lautet dann: Man kann nichts ändern. Wieso eigentlich? Hätten die Vorfahren gleiche Grundsätze an den Tag gelegt, würden Menschen noch immer auf den Bäumen hocken. Aus welchem Grund sollen „die Früchte der Arbeit in immer größerem Ausmaß immer weniger Menschen“ (S. 28) zugute kommen? Diese Ungleichheit ist keineswegs vom Gott festgesetzt. Die Frage der gerechten Verteilung von Lasten und Nutzen bleibt weiter ungelöst, genauso wie die Ausschließung von großen Teilen der Gesellschaft. Infolge der gesteigerten Produktivität benötigt man zwar weniger Arbeitskräfte. Zum Problem wird diese Tatsache erst dann, wenn man daraus „Arbeitslosigkeit“ für die arbeitsfähige Bevölkerung macht. Statt politischer Entscheidungen bleibt dann nur das Verwalten der Arbeitslosen in den Ämtern, die im seltensten Falle eine Arbeit (was man dem Namen nach vermuten könnte) oder eine sinnvolle Umschulung anbieten. Soll also eine Gesellschaft, in der alle vom Wohlstand profitieren, nur eine Utopie bleiben?

Zitate und Quelle: Klaus-Jürgen Bruder/Friedrich Vosskühler, Lüge und Selbsttäuschung. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2009. 138 Seiten.

Bildnachweis: Dieter Schütz / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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