Amalie Dietrich

Botanikerin, Feldforscherin, Sammlerin

Australische Landschaft - Julia Gebhardt
Australische Landschaft - Julia Gebhardt
Mit ihrem bemerkenswerten Forschungsdrang sammelte und katalogisierte Amalie Dietrich Mitte des 19. Jahrhunderts unbekannte Pflanzen- und Tiermaterialien Australiens.

Im 19. Jahrhundert verändert sich die Zielsetzung der Forschungsreisen: Es lockt das Neue, das Unbekannte und die Fremde unter wissenschaftlichen Fragestellungen. Das 1760 von Carl von Linné entwickelte System zur Pflanzenkategorisierung und Charles Darwins 1958 veröffentlichte Evolutionstheorie eröffnen neue Sichtweisen auf die Welt und neue Möglichkeiten der Einordnung weltlicher Flora. Botanische Gärten sprießen in Europa förmlich aus dem Boden und bieten die Möglichkeit neue Pflanzenmaterialien artgerecht zu kultivieren und zu erforschen.

Mit diesem neuerwachten wissenschaftlichen Interesse und dem Wunsch die Welt verstehen zu lernen, zog es Forschungsreisende in weit entfernte Gefilde – es waren meist die Männer, die als wagemutige Wissenschaftler mit der Aura des Helden von langen Reisen in die Heimat zurückkehrten. Beladen mit exotischem Pflanzenmaterial, kuriosen Geschichten und neuen Erkenntnissen

Frauen in der Wissenschaft

Auch Frauen wurden von den wissenschaftlichen Innovationen mitgerissen; jedoch setzten sich nur einige wenige über die Anforderungen ihrer Zeit hinweg und wagten es aufzubrechen, um die Welt zu erkunden und das Wissen über Pflanzen, Menschen, Medizin und Tiere zu erweitern. Forscherinnen waren im 19. Jahrhundert eine Seltenheit. Sie brachen mit der ihnen zugeschriebenen Frauenrolle und überschritten die Grenzlinie in ein den Männern zugeschriebenes Tätigkeitsfeld: Das des Geistes, der Abenteuer und der Gefahr.

Amalie Dietrich: Ihr Weg zur Botanik

Eine dieser wenigen mutigen Grenzgängerinnen ist die Botanikerin Amalie Dietrich (1821-1891). Schon als Kind lernte die geborene Concordia Amalie Nelle von ihrer kräuterkundigen Mutter über Wirkung und Kräfte heimischer Pflanzen. Ihr früh erwecktes botanisches Interesse erweiterte sich zum Beruf, sogar zur Berufung, als die gut ausgebildete 24jährige gemeinsam mit ihrem Mann dem Apotheker Wilhelm Dietrich beschloss, ihr Wissen als Pflanzensammlerin praktisch anzuwenden: Im Dienste der Botanik erkundete sie zunächst die Pflanzenwelt Europas und verkaufte selbst zusammengestellte Herbarien an wohlhabende Pflanzenkenner. In ihrem regen Austausch mit Fachgelehrten erwarb sie sich die Anrede „Frau Naturforscherin“.

Forschungsreise nach Australien

Im Privatleben hatte „Frau Naturforscherin“ Dietrich weniger Glück: Nach der Trennung von ihrem Mann wandte sie sich mittellos aber voller Tatendrang an den reichen Kaufmann Cesar Godeffroy, der sie nach einigem Zögern für eine Expedition nach Australien anheuerte. Amalie Dietrich verließ 1863 mit 42 Jahren auf dem Aussiedlerschiff „La Rochelle“ zum ersten Mal europäischen Boden. Sie erhielt zum ersten Mal ein festes Gehalt – wenn auch männliche Forscher mehr als das Doppelte verdienten – und sammelte, präparierte und konservierte als erste deutsche Naturforscherin exotische Materialien aus Australiens Flora und Fauna.

Vermutlich sammelte Amalie Dietrich nicht nur Pflanzen und Tiere sondern auch Menschenskelette von Aborigines, die sie zur Untermauerung der sich aus sozialdarwinistischen Thesen entwickelten Behauptung, männliche Weiße seien die Spitze der Evolution, nach Hamburg senden ließ.

Rückkehr nach Deutschland

Nach zehn Jahren kehrte die Pflanzen- und Tierkundlerin in ihre Heimat zurück. Im Gepäck die Erfahrungen eines bewegten Forschungslebens in unbekannten Teilen Australiens, eine umfangreiche Sammlung der botanischen und zoologischen Vielfalt des Kontinentes und ein enormer, hart erarbeiteter Fundus an neuem Wissen. Trotz Anerkennung von Seiten anderer Wissenschaftler ereilte Amalie Dietrich sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Hamburg ein Schlag: Godeffroy verlor all sein Geld und mit seinem finanziellen Untergang ging auch sein Museum unter. Amalie Dietrich verlor ihr Einkommen und verbrachte die letzten Lebensjahre mittellos und weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit in einem Hamburger Altersheim für Frauen.

Amalie Dietrichs Vermächtnis

Ein großer Teil Amalie Dietrichs’ Forschungsnotizen und einige der wichtigsten von ihr gesammelten Ausstellungsexemplare fielen der Bombardierung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Mehrere Tiere und eine Pflanze (Acacia dietrichiana) wurden zu Ehren der Forscherin nach ihr benannt.

Über die privaten Gedanken der Forscherin ist nur wenig bekannt. Die 1977 von ihrer Tochter Charitas Bischoff herausgegebene Biographie "Amalie Dietrich. Ein Leben" gibt durch Briefabdrucke und persönliche Erinnerungen zwar tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der Botanikerin. Jedoch besteht die berechtigte Vermutung, dass die Briefe Fälschungen und die Darstellung des Lebenslaufes zum großen Teil einer spannenden, romantischen Geschichte geschuldet ist.

Über die "Frau Naturforscherin" und ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle kann spekuliert werden - ihr Anteil an wichtigen Prozessen innerhalb der Botanik jedoch ist unumstritten.