Amanda Michalopoulou: Oktopusgarten

Die Autorin erzählt eine moderne griechische Familiengeschichte

Michalopoulou: Oktopusgarten - ullsteinbuchverlag
Michalopoulou: Oktopusgarten - ullsteinbuchverlag
Eine griechische Wirtsfamilie steht im Zentrum des Debütromans der griechischen Schriftstellerin Amanda Michalopoulou, in dem viel gekocht und gegessen wird.

Der Roman "Oktopusgarten" von Amanda Michalopoulou erzählt eine Familiengeschichte aus drei Perspektiven: der der Haupterzählerin, einer jungen Athenerin, die erst als Übersetzerin, dann als Köchin arbeitet. Der ihres homosexuellen Bruders, der in London lebt. Und der der Nahrungsmittel, Kochgeräte und -zutaten, die der Ernährung der Familie dienen sollen und die ihren eigenen kritischen Blick auf die Geschehnisse werfen.

Er spielt in den Metropolen London und Athen und auf der ägäischen Insel Astypalea und vermittelt viel an griechischer Lebensart bis hinein in kulinarische Details. Deshalb ist er auch besonders geeignet für Griechenlandreisende, die eine Einstimmung auf das Land, spannende Urlaubslektüre oder Erinnerungen weckenden Lesestoff suchen.

Oktopus, der auf der Zunge zergeht und Bände spricht

Neben traditionellen griechischen Gerichten wie gefüllten Tomaten und Paprika, Zucchinipita und Huhn mit Oliven geht es immer wieder um Oktopus, diesen Kopffüßer, der wohl nirgendwo sonst so mundet wie an griechischen Küsten. Lang auf Stein geschlagen muss der frische Fang werden, dann ein wenig an der Sonne getrocknet, bevor er mit der richtigen Mischung von Kräutern und Gewürzen gegrillt, geschmort oder gekocht wird, damit Geschmack, Biss und Aroma stimmen. In der Familientaverne auf der Insel Astylpalea, der die Hauptakteure entstammen, dreht sich alles um ihn. Oma Kali wusste ihn zu bereiten, wie keiner sonst und hielt den Nachwuchs mit der scherzhaften Drohung "Sonst schlag' ich dich wie 'nen Oktopus" in Schach. Ihre Nachkommen und Verwandten führten die Tradition fort, die einen in dem Athener Spezialitätenrestaurant "Oktopusgarten", andere in Form von "Food Art" oder kulinarischer Sammlerleidenschaft. Doch dem "kulinarischen Gen" entkam keiner von ihnen.

Der Roman "Oktopusgarten" ist spannend und bitterkomisch

Bitterböse Analysen unterschiedlicher Charaktere und moderner Lebenssituationen, eingebettet in spannende Handlungsstränge, die Liebes- und Dreiecksgeschichten, Intrigen und Mordverdacht umspannen, machen die Lektüre unterhaltsam und spannend. Zu Beginn steht der Tod des Vaters des erzählenden Geschwisterpaars. Er hatte nicht zu dem sinnlichen, kochenden mütterlichen Zweig der Familie gehört, sondern war ein trockener, saft- und kraftloser Akademiker, der sich zunehmend in sich selbst zurückzog. Zumindest erschien er seiner Frau und seinen Kindern als solcher, bis seine Tochter begann, in seiner Hinterlassenschaft zu stöbern und ungeahnte Entdeckungen zu machen. Im weiteren Verlauf stehen die jungen Leute und ihre Freunde im Zentrum der Handlung. Sie richten den Blick mal nach innen, mal und auf ihre Umgebung und spüren ihren Wurzeln familiärer wie kultureller Art nach.

Michalopoulou findet treffende Worte über die Liebe

Mühsame und schmerzliche Versuche der Selbstfindung wechseln sich mit Entzücken und Erstaunen über das Gefühl ersten Verliebtseins ab:

"Die Liebe, das was man Leidenschaft nennt, öffnete und verschloß uns die Augen. Sie öffnete uns die Augen, so daß wir uns selbst als Reflex der Welt sahen; eines riesenhaften, unheilbaren Herzens. Und gleichzeitig verschloß sie uns die Augen, so daß wir die Realität – Menschen, Autos, Gehsteige – nur noch als Ausdehnung dieses Herzens wahrnahmen", sagt die Ich-Erzählerin und beobachtet, dass schließlich nicht einmal die Kochkunst gegen die Liebe anzutreten vermag:

"Die Liebe nimmt den Appetit. Wenn Sie geliebt haben, wissen Sie, was es bedeutet, wenn der Magen nach oben steigt, bis zum Mund. Als Folge davon hebt sich der Bauch an die Stelle des Magens, die Beine verlieren die Bodenhaftung, und das gesamte System wird in die Höhe verlegt. Verliebte kommen dem Himmel näher. Wenn die Menschen wieder anfangen, auf ihren Teller zu sehen und den Fisch sorgfältig zu entgräten, wenn sie es wagen, sich voreinander die Finger zu lecken und ihre Eckzähne mit dem Nagel des kleinen Fingers zu reinigen, dann können Sie sicher sein: Sie haben aufgehört, sich von Wolken und Sternen zu nähren. Sie sind dabei, wieder in ihren Körper herunterzukommen."

Kochen als Schule des Lebens

Höhen und Tiefen, Scheitern und Erfolg wechseln sich ab, bis schließlich alles im Manuskript festgehalten ist und das Buch ein Ende findet. Noch wird ein wenig darüber sinniert, wie es sich erweitern und fortsetzen ließe, wie man die Talente der ganzen Familie einbeziehen und ein riesiges, nichts auslassendes Werk schaffen könnte, doch nein, das wird nichts: Schluss ist Schluss. Dem Leser tut es leid. Er hatte den Aufenthalt im Oktopusgarten genossen. Doch vielleicht juckt es ihm inzwischen ja auch in den Fingern, nach dem Kochlöffel zu greifen und sich selbst in dieser befriedigenden Kunst des Kochens zu üben, die die Autorin zur Schule des Lebens erhoben hat.

Amanda Michalopoulou: Oktopusgarten. List 2001. Taschenbuch, 428 Seiten. Euro 8,95.

Heidi, HeidiJovanovic

Heidi Jovanovic - Heidi Jovanovic arbeitet als Autorin, Übersetzerin und freie Journalistin für Printmedien wie die Augsburger Allgemeine Zeitung ...

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