
- Keine Wunde, nichts - Milena Verlag
„Keine Wunde, nichts“ ist wie ein Kammerspiel aufgebaut, Amaryllis Sommerer beschäftigt sich darin nur mit wenigen Personen, mit denen aber um so intensiver. Der Psychothriller handelt von der Fernsehredakteurin Mara, die das Hauptabendprogramm auf Gewaltbilder zensiert. Sie ist ausgebrannt, will keine Gewalt mehr sehen, will nur noch verreisen. Doch dann findet sie eines Tages ein totes Mädchen im Hausflur.
Was soll sie tun? Wegschauen oder sich auf fremdes Elend einlassen? Im Schongang, mit minimalstem Aufwand, versucht sie anfänglich, ihre "Bürgerpflicht" zu tun, doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, rücken ganz nahe an Mara heran, zwingen sie zum Handeln. Die Beobachterin wird zur Täterin. Eine Situation, in die jeder einmal kommen könnte.
Amaryllis Sommerer spricht im Interview über Zivilcourage und die Entstehung ihrer Romane.
In „Selmas Zeichen“, dem Debütroman, der 2009 für den Glauser nominiert wurde, war Stalking das zentrale Thema. Was steht im Mittelpunkt von „Keine Wunde, nichts“?
Amaryllis Sommerer: Zivilcourage! Der Begriff wird gerne und schnell in den Mund genommen, und jeder würde sich dazu bekennen, ein moralisch integrer Bürger zu sein, der sich im Falle eines Übergriffs, im Falle einer Notlage eines Anderen, auf die Seite des Schwächeren schlagen würde, sich zu Wort melden würde, im Falle des Falles auch handeln würde. Theoretisch wären wir da wohl alle einer Meinung.
Mara, die Hauptfigur in "Keine Wunde, nichts" wird eines Morgens in einem Wiener Hinterhof tatsächlich mit einem fremden, leblos wirkenden Menschen konfrontiert. Mara ist auf sich allein gestellt. Und nicht genug, es ist nur der Anfang einer dunklen Geschichte, mit der sie nichts zu tun hat und mit der sie auch nichts zu tun haben will. Denn sie hat – wie die meisten von uns – genug mit ihrem "eigenen Kram" zu tun. Dennoch: Das schlechte Gewissen lässt sie nicht mehr los.
Was war der zündende Funke für diesen Psychothriller?
Amaryllis Sommerer: Ich fahre fast täglich mit der U-Bahn, und es ist unmöglich, die Drogenszene in bestimmten U-Bahn-Stationen zu ignorieren. Hier wird einem das Elend von sehr jungen Menschen vorgeführt, dessen Anblick nur schwer zu verkraften ist. Dennoch können wir nicht alle Sozialarbeiter werden. Was also tun? Die Augen verschließen? Dann las ich den Zeitungsbericht über ein junges Mädchen, das tot in einem Hausflur in der Nähe der U-Bahn gefunden wurde. Zuerst ging man von einer Drogentoten aus, dann stellte man fest, das Mädchen sei durch "zu heftiges Umarmen" zu Tode gekommen. Welch seltsame Beschreibung eines Tötungsdeliktes! Hier kamen zwei Spannungsfelder zusammen: Das Umfeld und ein Einzelfall. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.
Kann es sein, dass in der heutigen Zeit die Zivilcourage abhanden gekommen ist?
Amaryllis Sommerer: Ich glaube, dass wir heute vor allem mit Überforderung zu kämpfen haben. Das beginnt bei der Wahl der Nudelsorte im Supermarkt und geht bis zur Wahl unserer Lebensentwürfe samt Berufsperspektiven. Wir werden von zu vielem überschwemmt. Vor allem von medialen Einflüssen. Der Zugang zu Inhalten ist einerseits eine große Freiheit, andrerseits eine große Herausforderung. Wir müssen permanent selektieren, sonst würden wir wahnsinnig werden.
Wir müssen permanent entscheiden: Wo schauen wir hin? Wo schauen wir weg? Zivilcourage erfordert erst mal Hinschauen. Was ich gesehen habe, stellt mich dann vor die nächsten Fragen: Was soll ich tun? Was kann ich tun? In diesen Strudel an Fragen gerät auch Mara. Sie ist abgefüllt mit Bildern von Gewalt. Sie ist ausgebrannt und urlaubsreif. Sie hat erst mal null Energie für Zivilcourage, in welcher Form auch immer.
Es ist auffallend, dass immer nur relativ wenige Figuren in den Romanen vorkommen.
Amaryllis Sommerer: Ich beschäftige mich lieber mit weniger Personen, dafür aber mit den wenigen sehr intensiv. Ich schaue den Protagonisten tief ins Innere, um ihnen nahe zu kommen, um etwas zu erfahren, das nur im Tiefenbereich zum Vorschein kommen kann, das ja letztendlich wiederum vom Äußeren – der Gesellschaft – abhängig ist.
Ist es nicht bedrückend, sich so intensiv mit so aufwühlenden Themen zu befassen?
Amaryllis Sommerer: Bedrückend sind nur nebulose Dinge, die man nicht kennt, die einen überschatten, und die man passiv über sich ergehen lässt (lassen muss). Die Beschäftigung mit einem Thema ist ein aktiver Vorgang. Das ist prinzipiell was Positives. Ich denke, dass auch der Leser dieses Bedürfnis hat, sich mit einem Thema zu konfrontieren und es damit zu ordnen. Ein Thriller befriedigt noch dazu Angst- und Leselust! Und vor allem: Es gibt auch noch ein wunderbares Leben jenseits aller Krimis!
Danke für das Interview.
Amaryllis Sommerer lebt und arbeitet als Drehbuchautorin und Filmdramaturgin in Wien. Neben mehreren Kinderbüchern und zahlreichen Kurzkrimis, die u.a. für den Agatha-Christie-Krimipreis und für den Glauser-Preis nominiert wurden, veröffentlichte sie 2008 ihren Debütroman: „Selmas Zeichen“ – ein Psychothriller, der 2009 für den Glauser in der Sparte Debüt nominiert wurde.
Amaryllis Sommerer: Keine Wunde, nichts. Milena Verlag 2010. Broschiert, 192 Seiten. Euro 14,90 (Schweiz CHF 27,30).
