
- Sommerer: Selmas Zeichen - www.milena-verlag.at
Als einzige Österreicherin ist die Wiener Krimiautorin Amaryllis Sommerer für den Friedrich-Glauser-Preis 2009 (Sparte Debüt) nominiert worden. Aus 78 eingereichten Titeln in deutscher Sprache wurde "Selmas Zeichen" von der Jury ausgewählt. Es sei "ein spannender, ungewöhnlicher Psychothriller, ein atmosphärisch dichtes Stalker-Szenario, erzählt im Bewusstseinsstrom von Täter und Opfer. Diese Konstruktion erfordert Mut und literarisches Talent. Die Autorin besitzt beides", lautete die Begründung.
Der Psychothriller "Selmas Zeichen" der Wiener Krimiautorin Amaryllis Sommerer beginnt mit der ernüchternden Erkenntnis: "Bevor nicht etwas ganz Böses passiert, passiert nichts." Der Kriminalroman handelt von der 38-jährigen Ärztin Selma Seiler, die in einem Cafe am Stadtrand auf ihren Gegner wartet. Auf ihren freundlichen Nachbarn Franz Harrlich, der sie zu dem gemacht hatte, was sie immer für unmöglich hielt, nämlich zu einem mordbereiten Monster, das nur einen Ausweg kennt: ER oder ICH. Wie konnte ihr, einer selbstständigen, selbstbewussten Frau, die vor zwei Jahren ihre eigene Praxis gegründet hatte, das passieren?
"Selmas Zeichen" erzählt aus der Perspektive des Opfers als auch des Täters
Der Psychothriller ist eine Rückblende und erzählt sowohl aus der Perspektive des Opfers als auch des Täters, einem Mann mittleren Alters, der in einem frauenlosen Haushalt mit seinem Großvater lebt, der ihm schon vor langer Zeit erklärt hat, dass wenn eine Frau "nein" sagt, sie in Wirklichkeit "ja" meint. Harrlich verfolgt Selma nicht nur mit Blumen, Geschenken, Telefonaten und heimlichen Fahrten mit ihrem Auto, sondern er dringt auch in ihre Wohnung, ihr Leben und ihre Psyche ein. Der Psychothriller mündet schließlich in ein Duell mit überraschenden Wendungen und einem unvorhersehbarem Ende.
Fiktion und Realität: Ein Großteil der Taten hat real stattgefunden
Wer sich einen Ratgeber zum Thema Stalking erwartet, liest das falsche Buch. Die Wienerin Amaryllis Sommerer wurde nie gestalkt und hat auch selbst nie jemanden verfolgt. "Selmas Zeichen" ist Fiktion. Ein Thriller, dessen Story dramaturgisch aufbereitet ist, mit einem Spannungsbogen, der das Genre auch bedient. Doch ein Großteil der Taten und Handlungen hat real stattgefunden, wie Sommerers intensive Recherchen belegen.
Anti-Stalking-Gesetz
Schon vor ein paar Jahren, als das Thema unter dem Begriff "Stalking" neu formuliert und medial aufgegriffen wurde, las die Autorin einen Zeitungsartikel, der sie unangenehm berührte. "Das Ungelöste, das Unbefriedigende an dieser Macht- und Ohnmacht-Konstellation hat mir keine Ruhe gelassen. Zeitgleich wurde mehr und mehr zum Thema berichtet, 2006 wurde schließlich das Anti-Stalking-Gesetz in Österreich verabschiedet." Ihre literarische Stalker-Odyssee war damals schon voll in Fahrt.
"Selmas Zeichen": Lesen auf eigene Gefahr
"Selmas Zeichen" entwickelt einen Sog, der in seelische Abgründe führt. Das Thema konfrontiert den Leser in einem Bereich, den man nicht unbedingt vorgeführt bekommen möchte, denn in fast jedem steckt gewissermaßen ein Stalker, wenn auch nicht im pathologischen Sinn. Doch es gibt kein Entrinnen: Wer einmal mit der Lektüre begonnen hat, den zieht es von Seite zu Seite weiter. Bei Lesungen signiert Amaryllis Sommerer daher mit dem Vorwort "Lesen auf eigene Gefahr".
Nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2009 (Sparte Debüt)
In der Jurybegründung ist von Mut und literarischem Talent der Autorin die Rede. Amaryllis Sommerer, die als einzige Österreicherin für den internationalen Glauser nominiert wurde, glaubt im Nachhinein auch, dass es mutig war, sich auf dieses Thema einzulassen: "Beim Schreiben war mir das gar nicht so bewusst. Noch einmal würde ich es nicht machen. Es war schon starker Tobak." Dafür bleibt ihr aber ohnehin keine Zeit, denn derzeit arbeitet sie an einem Drehbuch für die Serie SOKO Donau, an einem Wien-Krimi und einem Thriller im Drehbuchautoren-Milieu.
Was Amaryllis Sommerer am Schreiben von Thrillern fasziniert
Der Thriller gibt ihr einerseits formalen Halt, da sie sich an einen Spannungsbogen halten muss, andrerseits fordert er zu einer extrem forcierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema heraus, da ein oder mehrere Verbrechen in seinem Mittelpunkt stehen. "Es ist eine Art Grenzüberschreitung, die ich als Privatperson zwar nicht kenne, weil Autoren in der Regel keine Mörder sind, der ich mich aber fiktional so weit als möglich annähern muss. So werde ich – ganz straffrei – zur Täterin."
Amaryllis Sommerer: Selmas Zeichen. Milena 2008. Broschur, 191 Seiten. Euro 14,90.
