Amedeo Modigliani in der Kunsthalle Bonn

Christoph Vitali zeigt letzten Bohèmien der Klassischen Moderne

Mit zwei Skulpturen und über hundert Gemälden und Zeichnungen zeigt die Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn noch bis Ende August 2009 eine eindrucksvolle Retrospektive

Ausstellungsleiter Christoph Vitali empfängt den Gast mit einer raumhohen Fotocollage aus dem Leben Amedeo Modiglianis.Sie zwingt zum genauen Betrachten, denn schon hier werden zwei Gesichter des Künstlers erkennbar; zum einen das des sensiblen Malers, der seinen Modellen hinter die Stirn direkt ins Herz schaut , zum anderen das eines vom Leben gezeichneten Mannes, an dem die Spuren von Krankheit, Alkohol- und Drogenkonsum nicht spurlos vorübergegangen sind. Man sieht auch Menschen, die Modiglianis Leben kreuzten und Bedeutung für ihn erlangten, doch es gibt keine Kommentare und so rätselt der Besucher zunächst noch: Ist die hübsche Dame in der Mitte Beatrice Hastings oder seine spätere Partnerin Jeanne Hébuterne? Ist das kleine Mädchen am Bildrand seine Tochter? Und der junge Mann mit den riesigen, weltoffenen Augen, den kennt man doch irgendwoher?

Das Frühwerk: Kariatyden und Skulpturen

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und zeigt in Wort und Bild einen repräsentativen Überblick über das Leben und Werk des Künstlers. Amedeo Modigliani wird am 12.Juli 1884 im italienischen Livorno in eine großbürgerliche Familie hineingeboren. „Dedo“ ist das Hätschelkind seiner Mutter. Während seiner Kindheit erkrankt er an Typhus, was ihn zeitlebens schwächlich und anfällig für Krankheiten macht.

Zunächst studiert der junge Modigliani in Italien die Kunst der Antike und Renaissance. Das Frühwerk beginnt mit der Hinwendung zu alten Kulturen, afrikanische Masken und griechische Figuren haben Pate gestanden für die edlen, länglichen Gesichter. In Bonn zu sehen ist eine Auswahl von Karyatiden, das weibliche Pendant zum Lasten haltenden Atlanten.

Anhand zweier Skulpturen lässt sich schon früh erahnen, was später zu seinem Markenzeichen wird: langgezogene, edle Gesichter mit vornehmer griechischer Nase sowie ein Hang zu mandelförmigen Augen.

Die Suche nach dem eigenen Stil

1906 zieht es iden jungen Künstler nach Paris, dem Mekka der Bohémiens der Klassischen Moderne. Tief taucht er ein in die damalige Künstlerszene zwischen Montmartre und Montparnasse, viel zu tief. Seine Alkohol- und Drogenexzesse schädigen seine ohnehin schwächliche Gesundheit permanent. Sein gutes Aussehen zieht Frauen an wie Motten das Licht. Ebenso exzessiv widmet er sich der Kunst. Wenn er malt, malt er. In Szenecafés wie dem La Rotonde begegnet er anderen Malern. Er lernt bedeutende Künstler wie Pablo Picasso, Paul Cézanne und Constantin Brancusi kennen. Er orientiert sich zunächst an Cézanne, bemüht sich aber früh um seinen eigenen Stil.

Das Frauenportrait und der Akt

Das überwiegende Thema seiner Kunst sind Porträts. Meist sind es Frauen, immer grazil verwandelt mit länglichem Gesicht, mandelförmigen Augen und schwanenhaften Hälsen. Obwohl sich die Grundformen gleichen und die Augen ausgemalt und damit unergründlich sind, behält jede Figur ihren eigenen Charakter.

Die Farben sind warm und leuchtend, wie bei Cézanne lassen sich geometrische Elemente erkennen, die Bilder wirken bewusst flächig statt plastisch, Körper und Gesichter sind von Konturen umrandet.

Seine Akte, wunderbar grazil und von pfirsichfarbener Sanftheit, waren Anlass zu einem Skandal – sie waren der Grund dafür, dass seine erste und einzige Einzelausstellung ad hoc geschlossen wurde und eine Riege Polizisten die Bilder Stück für Stück aus der Galerie schleppte.

Einige dieser Frauen haben in Modiglianis ausschweifendem Leben die Rolle der Geliebten ausgefüllt.

Eine von ihnen ist die selbstbewusste, von Zeitgenossen oft als boshaft betitelte englische Journalistin Beatrice Hastings., die über ihren Liebhaber mit dem italienischen Charme einmal sagte:" Er war ein Schwein und eine Perle". Auf dem Porträt "Beatrice Hastings vor einer Tür" (1915.) erkennt man eine selbstbewusst wirkende Frau, die Lippen angriffslustig gespitzt, die Schreibfeder am eleganten Hut zum Zücken bereit. Manche seiner Zeitgenossen behaupten, dass diese Beziehung deutlich zu Modiglianis Drogen- und Alkoholsucht und damit zu seinem Ruin beigetragen habe.

Ganz anders hingegen seine letzte große Liebe und Lebensgefährtin, die 14 Jahre jüngere Kunsthistorik-Studentin Jeanne Hébuterne, deren sanfte Augen den Betrachter in den Bann ziehen.

Seine schönste und auch malerisch produktivste Zeit verbringt Modigliani mit seiner Lebensgefährtin im warmen Nizza, während in Paris der erste Weltkrieg tobt. Jeanne nimmt den Künstler, wie er ist, gleicht sein unstetes Wesen mit Sanftheit aus. Mit ihr zeugt er zwei Kinder, sehr zum Unwillen ihrer Familie, die entsetzt ist, dass sich ihre wohlbehütete Tochter mit dem exzessiven und wesentlich älteren Künstler liiert. Die beiden verloben sich, doch sie werden weder die Hochzeit noch die Geburt des zweiten Kindes erleben.

Modigliani stirbt am 24. Januar 1920 an den Folgen einer tuberkulösen Meningitis in Paris, einen Tag später begeht seine hochschwangere Lebensgefährtin Selbstmord, indem sie sich verzweifelt aus dem Fenster stürzt.

Eindrucksvoll, doch etwas versteckt und daher leicht zu übersehen: Der Filmraum, in dem fortlaufend das Leben und Werk Modiglianis eindrucksvoll präsentiert wird. Kommentiert wird der Film unter anderem von der Enkelin, die ihren Großvater, zwar nie kennengelernt hat, doch sich ihm und seiner Kunst lebenslang verbunden fühlt. Im Film lösen sich die Rätsel, die sich im Eingangsbereich gestellt haben. Ja, die Kleine unten rechts ist seine Tochter, der Mann mit den großen Augen ist der junge Picasso und die hübsche Dame in der Mitte, das ist Jeanne Hébuterne, die zuletzt auch der Mittelpunkt seines Lebens war.

Die Ausstellung Amedeo Modigliani. in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik, Bonn, dauert noch bis zum 30. August 2009.

Ursula Reppmann-Wörsdörfer, Ursula Reppmann-Wörsdörfer

Ursula Reppmann-Wörsdörfer - Hallo, liebe LeserInnen mein Name ist Ursula Reppmann-Wörsdörfer. Wenn Fantasie, Kreativität und Liebe zur Sprache und ...

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