
- Burg aus Strandgut - Elke A. Sommer
Einmal München - Flensburg, bitte. Abends um sieben steht der CNL 483 am Gleis 23 und wartet auf all jene, die jetzt unbedingt nach Amrum wollen, müssen, sollten. Während der Urlaub-Suchende selig schlummert, bringt ihn der Nachtzug in Deutschlands hohen Norden. Bereits um 7:20 Uhr steht der Meeressüchtige an der Nordsee. Wellen klatschen an die Mole von Dagebüll. Erstes Aufatmen.
Zur siebten Jahreszeit, nach Nockherberg und Fasching, tobt nämlich in München das Oktoberfest - d´Wiesn - wie die Eingeborenen es nennen und die Zuagroasten es nachzusprechen versuchen. Auch am Hauptbahnhof ist jeder zweite maskiert mit Krachlederner, Pumps und Dirndl, Hut in Bierkrugform. Die Sprachverwirrung ist babylonisch, das Volksaufkommen lässt Straßen und Hotels aus den Nähten platzen, Fährräder haben ständig platte Reifen und die Taxis sind immer da, wo der, der von A nach B will, nicht ist. In genau dieser Zeit bringt der Nachtzug all jene in eine andere Welt, die, obwohl eingeboren, manchmal lieber Friesennerz tragen als Hut in Bierkrugform. Leuchtturm statt Oktoberfest, lautet die Devise.
Mit der Fähre von Dagebüll Mole nach Amrum
Mit der Fähre geht es von Dagebüll Mole aus zum Strandkorb nach Amrum. Noch achtmal legt sie heute ab, bringt Fahrzeuge und Insassen entweder in 90 Minuten direkt, oder in zwei Stunden über die Insel Föhr nach Amrum. Da die meisten Urlauber zu dieser Zeit auf dem Oktoberfest in Zelten sitzen, ist der begehrte Fensterplatz frei. Keiner drängelt, keiner schiebt. Kinder spielen Fangen. Die Kellner nehmen es gelassen, sie sind Schlimmeres gewohnt. In der Magengrube beginnt ein leichtes Prickeln, so fühlt es sich an, bevor man loslacht. Gute Laune an Bord. Nasen an Scheiben. Die Motoren sind einen Moment lang lauter als die Möwen und alles wird Meer, Himmel, Licht.
Sprache auf Amrum: Nordfriesisch
Schon in den Ortsnamen klingt es mit: Wittdün, Steenodde, Nebel. Verständigungsschwierigkeiten gibt es dennoch nicht, die ca. 2.000 Einwohner von Amrum leben hauptsächlich vom Fremdenverkehr und bemühen sich um ihre Gäste, wenngleich sie immer einen gewissen Abstand bewahren. Ihre Unabhängigkeit lassen sie sich nicht nehmen. "LEEWER DUAD ÜS SLAAW" ("Lieber Tot Als Sklave") - diesen Satz haben sich die Nordfriesen auf die Fahne geschrieben. Irgendwie Bayerisch, dieses Volk. Kurz und grell flackern Gedanken an d´Wiesn auf.
Bunte Nordseeinsel mit reedgedeckten Häuschen
Selbst, wer sich in einem Reet gedeckten Häuschen mit Blick aufs Watt eingemietet hat, wird sich einmal pro Tag von diesem ganz besonderen Wohngefühl losreißen, um stundenlang die Insel zu erkunden – vor allem im Herbst. Auf Amrum ist der Oktober mehr als golden. Hohe Weißdünen gibt es da, Grün- und Braundünen, kunterbunte Buden aus Strandgut, heiderote Teppiche, Fliegenpilze am Fuße der Birken, und immer noch blüht die Rosa Rugosa, die Kartoffelrose, in weiß und pink. Sie trotzt der Seeluft wie die Melden den Salzwiesen. Kühe, Pferde, Schafe und Tausende von Kaninchen erfreuen besonders die Kinder, und wenn die, eingepackt und in neonfarbenen Gummistiefeln, die ersten Würmer aus dem Watt graben, leuchten die Gesichter wie Hagebutten am Watt.
Reiseführer Amrum
Ob zu Fuß über die Bohlenwege zum Leuchtturm, per Fahrrad rund um die Insel, per Bus von Nord nach Süd, ob per Fähre von Amrum nach Föhr, per Schiff zu den Seehundbänken, der Reiseführer von Roland Hanewald, "Insel Amrum", erschienen im Reise Know-How Verlag, ISBN 978-3-8317-1627-2, ist zuverlässiger Begleiter. Die diesjährige Wiesn ist vorbei. Zur nächsten könnte man die Insel Juist besuchen, getreu dem Motto: Leuchtturm statt Oktoberfest. Oder: Silvester auf Amrum?
