
- Nicht immer sieht der Winter so aus... - Volker Wollny
„Wenn bis Dreikönig kommt kein Winter, so kommt auch keiner mehr dahinter“ lautet eine Bauernregel für den 6. Januar. „An Fabian-Sebastian fängt Baum und Tag zu wachsen an“ und „An Fabian-Sebastian, da fängt der rechte Winter an“ sind zwei weitere, die sich auf den 20. Januar beziehen. Dass nun zu St. Vinzenz, der am 22. Januar seinen Kalendertag hat, ganz ähnliche Regeln existieren, braucht niemand zu wundern, denn Bauernregeln darf man nie präzise auf einen Tag beziehen, sondern immer auf das Umfeld des jeweiligen Datums: „An St. Vincent hat der Winter noch kein End'“ und „Wenn Agnes und St. Vinzenz kommen, wird neuer Saft im Baum vernommen“ beziehen sich ebenfalls auf den späten Januar, wobei Agnes am 21. Januar ist, also zwischen Fabian-Sebastian und Vinzenz.
Höhere Mathematik volkstümlich aufbereitet
Der Spruch vom Tag, der so wie der Baum an Fabian-Sebastian zu wachsen anfängt, weist auf einen mathematischen Sachverhalt hin, nämlich auf die Sinuskurve, mit welcher sich die Tageslänge über das Jahr verändert. Noch deutlicher macht das die anschauliche Regel, welche beschreibt, wie die Tage nach der Wintersonnwende länger werden: „Weihnachten um ein' Muckenschritt, Sylvester um ein' Hahnentritt, Dreikönig um ein' Hirschensprung und Lichtmess um ein' ganze Stund“. Wobei es von Lichtmess, dem 02. Februar, dann auch heißt: „Ab Lichtmess bei Tag ess'“. Wenn man sich vorstellt, dass man früher bis etwa fünf Uhr nachmittags arbeitete und dann so zwischen halb sechs und sechs Uhr vesperte, fand die abendliche Mahlzeit tatsächlich ab etwa Anfang Februar noch bei Tageslicht statt.
Der ab etwa dem 20. Januar wachsende Tag aus dem Fabian-Sebastian-Spruch bedeutet nun keineswegs, dass sich die Tageslänge vorher nicht geändert hätte und jetzt auf einmal damit anfangen würde. Man kann sich aber leicht vorstellen, dass die länger werdenden Tage etwa ab dem letzten Januardrittel auffällig werden, wenn man sich seinen Tag nicht nach dem Minutenzeiger der Uhr, sondern nach den viertelstündlichen Glockenschlägen vom Kirchturm oder sogar ganz nach Gefühl und Sonnenstand einteilt.
Eine Sinuskurve weist um ihre Extrema, um Minimum und Maximum sehr wenig Änderung auf, an den Nullstellen hingegen die Stärkste. Minimum und Maximum der Tageslänge liegen an den Sonnwenden, die Nullstellen an den Äquinoktien, den Tag- und Nachtgleichen. Tatsächlich gibt es im Winter zwischen Ende November und Fabian-Sebastian eine „dunkle Zeit“ mit kaum wahrnehmbarer Änderung der Tageslänge. Das Gegenstück dazu ist die Zeit von Ende Mai bis Ende Juli, die Zeit, in der man abends noch viel im Freien unternehmen kann und sich an der Sonnenuntergangszeit auch nicht viel ändert. Um die Tag- und Nachtgleichen, die Nullstellen der Tageslängenkurve also, fallen die im Frühjahr nun rapide länger und im Herbst schnell kürzer werdenden Tage deutlich auf.
Fabian, Vinzenz und die Holzmacher
Damit, dass die Bäume ab Fabian-Sebastian zu wachsen anfangen, ist natürlich der nun aufsteigende Saft gemeint, der im Spruch von St. Agnes und St. Vincent auch direkt genannt wird. Früher, als man Holz nur schlug, solange es nicht „im Saft stand“, endete zu dieser Zeit der Holzeinschlag.
Sebastian, der eine der beiden Heiligen vom 20. Januar gilt als Schutzpatron der Holzfäller, genau wie St. Vincent. Welcher der beiden verehrt wird, ist regional unterschiedlich. Der Brauch, diese Tage zu feiern, hat sich stellenweise bis heute erhalten oder wurde wiederbelebt. Eine zünftige Sebastiansfeier kann zum Beispiel aus einem Gottesdienst, einen waldbaulichen Vortrag und einem gemeinsamen Essen mit anschließendem geselligen Beisammensein bestehen. Solche Veranstaltungen dienen nicht nur der Traditionspflege, sondern können sicher auch als Impulse zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe gesehen werden.
Wie entwickelt sich der Winter weiter?
Natürlich interessiert man sich im Januar dafür, wie sich der Winter weiter entwickeln wird. Der bereits genannte Spruch vom Winter, der nach Dreikönig nicht mehr kommt, ist ein Beispiel dafür. Tatsächlich kann man beobachten, dass sich der Winter bis zu diesem Zeitpunkt gewissermaßen „entschieden hat, wie er werden will“, ähnlich wie sich die Art des Sommers, heiß oder nass, bis zum Siebenschläfertag, also bis Ende Juni zeigen soll. Bei uns kommt der Winter ja sehr gerne erst nach Weihnachten. Man kann sich leicht vorstellen, dass es sich, wenn es einmal bis Anfang Januar nicht kalt geworden ist, nicht mehr übermäßig abkühlen kann, da nun die Sonne bereits wieder immer höher steigt und länger scheint. Ein Beispiel für solch einen Winter, der nicht bis Dreikönig da war und dann auch nicht mehr gekommen ist, war der Winter 2006 auf 2007.
Eine altbekannte Tatsache ist aber auch, dass trotz der nun schon deutliche steigenden Sonne nicht nur der Januar, sondern auch der Februar ohne weiteres noch bitterkalt werden können: „An Fabian-Sebastian, da fängt der rechte Winter an“. Ist der Winter bis Dreikönig, also Anfang Januar, gekommen, wird sich die Sonne noch schwer tun, die kalten Luftmassen zu erwärmen, vor allem, wenn sich eine stabile Hochdrucklage einstellt, die verhindert, dass milde Luft zufließt. Man muss diese beiden Regeln also im Zusammenhang sehen: Der rechte Winter ab Fabian-Sebastian kann nur anfangen, wenn er bis Dreikönig schon mal da war.
Der Winter 2005/2006, der sich trotz Klimaerwärmung bis tief in den März zog, könnte als Beispiel für einen solchen Wetterablauf dienen: Bis Anfang Januar waren Schnee und Frost schon da und blieben dann auch bis weit in den März hinein. 2004/2005 kam die richtige Kälte sogar noch Mitte Februar zurück, nach dem es im Januar schon längere Zeit eher mild gewesen war. Allerdings war es in jenem Jahr bereits vor Weihnachten und nach ärgerlichem Weihnachtstauwetter – übrigens auch eine häufige Erscheinung – zwischen den Jahren auch wieder sehr winterlich mit strengem Frost. Der Winter war also vor dem Dreikönigstag gekommen und man musste streng genommen mit seiner Rückkehr rechnen – was natürlich im Februar wohl kaum jemand noch tat.
