Weltweit wird die Zahl der Analphabeten auf 780 Millionen geschätzt. In Deutschland können nach Schätzung des Bundesverbandes Analphabetisierung rund vier Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben.
Ein Fallbeispiel
Die Lehrer von Thomas S. wussten, dass er langsamer lernte als seine Mitschüler und im Unterricht nicht mitkam, was nicht erstaunlich war. Er verbrachte bis zum achten Lebensjahr mehr Zeit im Krankenhaus als in der Schule. Kam er mit den Hausaufgaben nicht voran, schlug sein alkoholkranker Stiefvater zu.
Schulabschluss trotz Handicap
Thomas S. spricht offen über seine Krankheit. Aber er weiß nicht, wie die Worte aussehen, die er benutzt, wie man sie buchstabiert. Trotz seiner Schwäche schaffte er nach fünf Jahren Sonderschule und zahlreichen Abendkursen seinen Hauptschulabschluss. Vor mehr als 20 Jahren bekam er noch Jobs, mal als Forstarbeiter, mal als Bauhelfer. Aber heute findet er nur schwer eine Arbeitsstelle und ist auf Hartz IV angewiesen.
Funktionale Analphabeten
Thomas S. gehört zu den vier Millionen so genannten funktionalen Analphabeten in Deutschland. Funktionale Analphabeten sind schriftlich auf dem Niveau eine Zweit-Drittklässlers anzusiedeln. Sie sind durchaus in der Lage einzelne Buchstaben und Wörter zu erkennen. Ihre Kenntnisse reichen jedoch nicht aus, um beispielsweise Warnhinweise am Arbeitsplatz, Fahrpläne, Straßenschilder oder einen Elternbrief aus der Schule zu lesen. Es ist Ihnen nicht möglich aktiv an unserer heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft teilzunehmen. Analphabeten mogeln sich durch, doch auf Dauer können sie ihre Schwäche nicht verbergen.
Analphabetismus ein soziales Erbe
Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Meist sind verschiedene Faktoren für den funktionalen Analphabetismus verantwortlich wie der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. erklärt. Neben individuellen Besonderheiten spielen das Elternhaus und die Familiensituation eine wichtige Rolle. In erster Linie wird funktionaler Analphabetismus sozial vererbt. Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen Bücher keine große Rolle spielen, sind benachteiligt. Erfahrungsberichte von Analphabeten zeigen, dass oft auch ihre Eltern nicht gut lesen und schreiben konnten.
Eltern oft hilflos
Sie wurden im Elternhaus bei den Schulaufgaben nicht unterstützt, da die Eltern dies aufgrund ihres eigenen Handicaps nicht leisten konnten. Im Gegenteil: Oft hemmten die Eltern das Lernen sogar durch massive Abwertung und Geringschätzung des Kindes. Viele Analphabeten berichten von harten Strafen und Vorwürfen wie „Du bist sowieso zu dumm“.
Keine individuelle Förderung in der Grundschule
Kinder kommen bereits mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Grundschule. In der Grundschule ist eine individuelle Förderung nicht immer möglich. Hier entstehen die ersten funktionalen Analphabeten. Sie kommen nicht mehr mit, verlieren den Mut und entwickeln Frust gegenüber dem Lesen und Schreiben. Diese Kinder wiederholen vielleicht eine Klasse und landen später auf einer Sonderschule, oder verbergen dies durch stets starke mündliche Leistungen.
Analphabeten bleiben oft unerkannt
Funktionale Analphabeten suchen Hilfe bei den Eltern, Geschwistern oder Freunden, die für sie, wenn nötig, auch die Hausaufgaben erledigen. Erschreckend ist, dass jährlich rund 75.000 junge Menschen ohne Schulabschluss sind und damit zur Risikogruppe gehören.
Gerade im Feld von Schule, Arbeit und Ausbildung ist eine gute Grundbildung zwingend erforderlich. Deswegen fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung mehrere Projekte in Deutschland. Sechs dieser Projekte gibt es bereits in Münster beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Er ist bundesweit die einzige Fach-, Service- und Lobbyeinrichtung dieser Art in Deutschland. Die Erfahrung und Kompetenz aus über 20 Jahren Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit treffen hier aufeinander. Die wichtigste Botschaft: Lesen und Schreiben kann jeder zu jeder Zeit lernen.
