Alten Menschen abnehmen, was sie nicht mehr aus eigener Kraft leisten können - so hat man lange Zeit Altenpflege betrieben. Nachlassende Fähigkeiten auszugleichen, birgt jedoch viele Nachteile. Denn auf diese Weise werden die Betroffenen in Passivität und Teilnahmslosigkeit „hineinbetreut“, verlieren schon nach kurzer Zeit viele Fähigkeiten, dazu ihren Lebensmut und jede Lebenskraft. Was wir dann sehen, sind stundenlang bewegungslos vor sich hinstarrende, oft depressive alte Menschen, die entrückt von unserer Welt - und auch aus ihr entfernt - nur noch auf den Tod warten.
Glücklicherweise aber wandelt sich Altenpflege allmählich. Neue Sichtweisen auf das Alter veränderten die Arbeit der Pflegenden mit hoch betagten und demenzkranken Menschen. Es entstand daraus sogar ein neues Teilgebiet der Alterswissenschaft (Gerontologie): die Alterspädagogik, auch Geragogik genannt. Dafür hat sich die Altenpflege unter anderem aus der Krankenpflege verschiedene Konzepte abgeschaut, die das Prinzip der aktivierenden Pflege verfolgen. Darunter auch Behandlungsmethoden wie die Basale Stimulation oder das Bobath-Konzept - beide werden auch angewendet, um Schlaganfallpatienten wieder zu aktivieren und sie in ein möglichst selbständiges Leben zurückzuführen.
Basale Stimulation
Die basale Stimulation spricht alle Sinne des Menschen an: Sehen. Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen. Wahrnehmungen auf der Haut (z.B. Vibrationen), die Wahrnehmung der Körperlage im Raum (Koordination und Gleichgewicht), das Spüren der eigenen Muskulatur gelten als Basiserfahrungen des Körpers, die er schon vor seiner Geburt gemacht hat. Sie werden mit dieser Methode wieder stimuliert (angeregt) und weiterentwickelt.
Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept reguliert bei Menschen mit Schädigungen des zentralen Nervensystems, die unter Bewegungsstörungen, Lähmungserscheinungen und Spastiken (Krampf) leiden den Muskeltonus, also den Spannungszustand der Muskeln. Außerdem werden bestimmte körperliche Bewegungen aktiviert, in dem man Hirnregionen dafür nutzt, die nicht geschädigt sind. Vor allem Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und die Krankenpflege arbeiten weltweit nach dem Bobath-Konzept.
Psychomotorik
Für ihre Seniorenförderung setzen inzwischen schon viele Sportvereine auf Handlungskonzepte aus dem Bereich der Psychomotorik. Diese Form der Bewegungstherapie wurde ursprünglich für die Kinder- und Jugendpsychiatrie entwickelt. Sie schult und fördert Bewegungsabläufe und die Wahrnehmung. Viele Elemente daraus finden sich in den unterschiedlichen Spielarten dieser Therapieform wieder: Da gibt es die Motopädagogik, die Motogeragogik, Motopädie oder Mototherapie.
Montessori für Senioren
Die staatlich anerkannte Erzieherin und Montessori-Therapeutin Bianca Mattern beschreibt in ihrem - leider vergriffenen - Buch „Montessori für Senioren“ , dass nicht nur Kinder b e - greifen müssen, um zu begreifen, sondern eben auch Senioren. Vergessene Handlungsabläufe können sie trotz verschiedener Störungen, etwa durch Schlaganfälle, motorischen Einschränkungen oder Sinnesstörungen mit ganz unterschiedlichen Materialien aus ihrem Lebensbereich wieder neu erlernen.
Sensorische Aktivierung
Psychomotorische Elemente, Basale Stimulation und das heilpädagogische Prinzip von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ kombiniert die österreichische Motogeragogin Lore Wehner für ihre Methode der „Sensorischen Aktivierung“. Diese Spätförderprogramm eignet sich auch für Demenzkranke. So werden beispielsweise beim Ertasten von Holzbuchstaben in einer Wanne voller Hirse Reize an das Gehirn gesendet, die im Langzeitgedächtnis gespeicherte Eindrücke abrufen und in Kommunikation umsetzen. In ihren „Übungen des täglichen Lebens“ rufen Gerüche, Geräusche oder Tastempfindungen Erinnerungen an Altgewohntes wach – etwa beim Kaffeemahlen.
Die große Vielfalt aller derzeit praktizierten Therapien zur Förderung nachlassender Alltagsfähigkeiten mag auf den ersten Blick verwirren. Erkennt man deren Grundprinzipien, so stellt man aber fest, wie ähnlich sich schließlich doch die Vorgehensweisen sind - und dass sie alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: Sie wirken dem geistigen Alterungsprozess entgegen, stärken die Eigenkompetenz und verbessern so die Lebensqualität von Menschen im hohen Alter.
