"Andorra", Drama von Max Frisch – ein Klassiker der Moderne

Die Schwarzen bedrohen Andorra - Rainer Sturm - pixelio.de
Die Schwarzen bedrohen Andorra - Rainer Sturm - pixelio.de
Im Lehrstück „Andorra" setzt sich Max Frisch mit den Themen Identität, Rassismus und der alltäglichen menschlichen Feigheit auseinander.

„Andorra“, 1961 am Züricher Schauspielhaus uraufgeführt, ist noch stark geprägt von Brechts Epischem Theater. Das Bühnenbild zeigt nur einen stark stilisierten südländischen Platz, auf dem der Hauptteil der Handlung spielt. Andere Szenen sollen nach Frischs Vorgaben im Bühnenvordergrund spielen und nur durch Lichteffekte von der Hauptkulisse abgetrennt werden. Hier treten auch die einzelnen Schauspieler an einer Art Zeugenstand aus ihrer Rolle heraus und kommentieren das Geschehen in der Rückschau. Insbesondere rechtfertigen sie ihr Handeln und weisen, mit Ausnahme des Paters, alle Schuld von sich. All dies Effekte, wie sie auch Brecht vorschlägt, um den Zuschauer aus der Bühnenhandlung heraus zu reißen und ihm die Modellhaftigkeit des Bühnengeschehens deutlich zu machen.

Frisch legt Wert auf die Feststellung, dass das Andorra des Stückes nichts mit dem Kleinstaat in den Pyrenäen zu tun hat, ja er ist sogar unglücklich über diese Namensgebung, kann aber keinen besseren finden. Ebenfalls ist ihm wichtig, dass das Stück nicht in irgendeiner Vergangenheit spielt, sondern in der Gegenwart und dies dadurch deutlich gemacht wird, dass die Protagonisten aktuelle Konfektion tragen. Der Zuschauer soll nicht die Möglichkeit haben, das Geschehen als Vergangenheit abzutun. Der Schrecken, den Frisch den Theaterbesuchern zumutet, soll so aktuell als möglich sein.

Die Handlung in Max Frischs Andorra

Andri, der Pflegesohn des Lehrers Can, liebt dessen leibliche Tochter Barblin und auch sie liebt ihn. Was keiner von beiden ahnt: Andri ist der Sohn des Lehrers aus einer außerehelichen Beziehung mit der „Senora“. Die Senora ist Angehörige der „Schwarzen“, eines mächtigen Nachbarvolkes der Andorraner, das Juden verfolgt und tötet. Um das plötzliche Auftauchen eines Babys zu erklären, hat der Lehrer Andri als Judenkind ausgegeben, das er vor den „Schwarzen“ gerettet habe.

Andri wächst also als vermeintliches Judenkind in der andorranischen Gesellschaft auf. Die Andorraner legen Wert darauf, nicht judenfeindlich gesinnt zu sein. Trotzdem ist Andri im Alltagsleben laufend mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert. So nimmt ihn der Tischler nur gegen ein völlig überhöhtes Lehrgeld als Lehrling auf, denn er ist der festen Überzeugung, dass Andri als Handwerker nicht taugen könne. „Wer´s nicht im Blut hat...“ ist sein widerkehrendes Argument, an das er selbst so fest glaubt, dass er einem Stuhl, den der Geselle angefertigt hat, die Beine ausreißt und Andris Beteuerungen nicht glaubt, er habe den anderen, den fest verzapften getischlert. So wird Andri in den Verkauf versetzt und beginnt sein Anderssein zu akzeptieren.

Auch zum Lehrer verliert Andri das Vertrauen, als dieser ihm die Hand seiner Tochter verweigert. Da er den anderen Grund nicht kennt und der Lehrer auch nicht den Mut hat, ihn zu gestehen, rechnet er auch diese Ablehnung seinem Judenstatus zu. Als der Lehrer sich endlich dazu durchringt, Andri die Wahrheit zu sagen, ist es zu spät. Andri glaubt ihm nicht mehr. In der gleichen Nacht schleicht sich der Soldat in Barblins Zimmer und wird dort morgens von Andri überrascht.

Die Ereignisse überschlagen sich, als die Senora, Andris Mutter nach Andorra kommt. Sie zwingt den Lehrer, sich endlich auch öffentlich zu Andri zu bekennen. Aber auch hierfür ist es zu spät. Die Senora wird auf dem Heimweg erschlagen, der Mord Andri angelastet. Die „Schwarzen“ marschieren in Andorra ein und alle Andorraner, inklusive des Soldaten, der immer bis zum letzten Mann kämpfen wollte, laufen zum Feind über. Die „Schwarzen veranstalten eine öffentliche „Judenschau“, bei der Andri als Jude enttarnt wird. Er hat seine Rolle so sehr verinnerlicht, dass er unter den „objektiven“ Kriterien des „Judenschauers“ als Jude eingeordnet wird.

Max Frisch und das Identitätsproblem

In vielen seiner Werke stellt Max Frisch die Frage nach der Identität, nach der Eindeutigkeit von Identität. Schon im Titel bei „Mein Name sei Gantenbein“ in „Stiller“, „Homo Faber“ und immer wieder in seinen Tagebüchern.

Von der Unbeständigkeit von Identität berichtet er auch in seiner dramatisierten Parabel „Andorra“. Die gesamte andorranische Bevölkerung ist so überzeugt von Andris jüdischer Identität und von ihren Vorurteilen über eine jüdische Identität, dass sich Volkes Meinung schließlich über die Tatsachen stülpt, wie eine zweite Haut. Andri wird unter dem Druck der öffentlichen Meinung so sehr zum Juden, dass er bei der Judenschau, die im Kontext der Geschichte als objektive Überprüfung gesehen werden muss, als Jude identifiziert wird. Dass Frisch mit dieser Judenschau die alles andere als objektiven Selektionsprozesse an Juden im Dritten Reich zitiert, vergrößert natürlich noch das Unbehagen des Zuschauers. So wird in den individuellen Prozess des Persönlichkeitsverlustes bei Andri auch noch die Entindividualisierung und Gleichschaltung von Menschen unter dem Nationalsozialismus hineinprojeziert.

Das alles ist ziemlich harter Tobak und genau das wollte Max Frisch auch. Der Zuschauer sollte die Handlung nicht in eine undefinierbare Vergangenheit abschieben können. Er sollte sie auch nicht mit dem Dritten Reich und dem was angeblich daraus gelernt wurde, erklären können. Ganz im Gegenteil wollte Frisch jedem und zu jeder Zeit einen Spiegel vorhalten, um zu zeigen, dass jedes Bildnis, das wir uns von einem Menschen machen, dies ihn seiner Individualität und damit seiner Freiheit beraubt.

Bildnachweis: Rainer Sturm- pixelio.de

Max Frisch: "Andorra" in Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 1957 - 1963 Band IV / 2; edition suhrkamp; Seite 461 - 560

Max Frisch: "Anmerkungen zu Andorra", ebd. Seite 561

Max Frisch: "Notizen von den Proben", ebd. Seite 562 - 571

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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