
- Andrea Camilleri - Luebbe
„Kommissar Montalbano ist ein Mann in den Vierzigern, er ist klein, hat einen Schnurrbart und hat schwarze volle Haare!“ Die Beschreibung, die sein Erschaffer, Andrea Camilleri, von dem bekannten sizilianischen Kommissar gibt, stimmt nur teilweise mit seinem Darsteller in der gleichnamigen Fernsehserie überein. Der römische Schauspieler Luca Zingaretti stellt dennoch den typischen sizilianischen Mann dar: dickköpfig, heißblütig und ein wenig ruppig im Umgang mit anderen. „Nicht alle Sizilianer sind so!“, lacht Andrea Camilleri. Aber vielleicht die Männer aus Porto Empedocle, einem kleinen Städtchen im Süden Siziliens, in der Nähe von Agrigento? „Vielleicht vor 40 Jahren!“, gibt Camilleri zu Bedenken.
„Montalbano ähnelt meinem Vater“
Andrea Camilleris erste Romane um den Kommissar Montalbano spielen im Sizilien der 60er Jahre, in einem Vigata alias Porto Empedocle, das vom Tourismus noch kaum berührt ist, in dem die Industrie noch keinen Einzug gefunden hat, in dem seine Bewohner ausschließlich in der Landwirtschaft arbeiten. „Ich beschreibe das Porto Empedocle meiner Kindheit“, erklärt Camilleri. Und Montalbano? „Meine Frau sagt, dass der Kommissar meinem Vater ähnelt.“ Hier und da findet sich allerdings auch eine Person aus dem heutigen Porto Empedocle wieder, auch wenn natürlich die Figuren in Camilleris Romanen frei erfunden sind.
Porto Empedocle ist stolz auf Camilleri
„Andrea Camilleri ist einer von uns“, erklärt Paolo Ferrara. Der Bürgermeister von Porto Empedocle ist sichtlich stolz auf seinen berühmten Bewohner. Er weiß, dass Camilleris Romane sogar in 25 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden, und er weiß, dass die Verfilmung in Deutschland breiten Anklang gefunden hat. Wohl auch deshalb hat er Camilleri im April diesen Jahres gebeten, Porto Empedoclé den Namen der Phantasiestadt Vigata hinzufügen zu dürfen. „Wir wollen die Berühmtheit Camilleris für den Tourismus nutzen“, erklärt Ferrara. „Bisher sind die Touristen nur hierher gekommen, um nach Lampedusa überzusetzen.“ Das soll sich jetzt ändern: die Bar Albanese heißt jetzt Bar Vigata und vielleicht stehen schon bald Schilder an den Restaurants, mit der Aufschrift „Hier hat Montalbano gegessen und es hat ihm geschmeckt!“ Camilleri stört der Rummel um seine Person nicht. Er wird auch weiterhin jeden Tag um Punkt zwölf sein Bier in der Bar Viagata trinken.
„Die Mafiabosse sollen keine Romanhelden werden!“
Obwohl sich seine Beschreibungen auf das Sizilien der 40er Jahre beziehen, sind Andrea Camilleris Romane brandaktuell. Neben der Jagd auf Betrüger und Verbrecher spricht Camilleri auch den Nord-Süd-Konflikt Italiens an. Und auch die marode Politik aus Rom findet ihren Platz in den Büchern. „Im Grunde genommen spreche ich die Probleme der Sizilianer als solche an: sie fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen und bauen daher ihren eigenen Regeln auf, an die sie sich halten“, erklärt Camilleri. Dass daher die Mafia in Sizilien geboren werden musste, liegt auf der Hand. Sie hat immer die Vermittlerrolle zwischen den Sizilianern und der Regierung in Rom gespielt. In den Romanen Camilleris spielt sie allerdings eine untergeordnete Rolle. „Die Mafia und ihre Bosse werden in meinen Büchern nicht erwähnt“, so Camilleri. „Ich will verhindern, dass sie zu Romanhelden werden.“ Die Namen der Bosse und ihre Verbrechen sollten nur in den Unterlagen der Polizei erscheinen, so Camilleri.
Aktuelle Probleme werden verarbeitet
Aktuelle Probleme, wie beispielsweise die Einwandererproblematik, haben schon immer großen Anklang bei Camilleri gefunden. In seinem Roman „Il giro di boa“ („Das kalte Lächeln des Meeres“, 1. Aufl. Edition Lübbe, 2004) beispielsweise beschreibt er bereits 2003 nicht nur die prekäre Situation in Lampedusa und Umgebung. Er geht auch auf die Probleme der Ordnungskräfte ein, die mit den nicht enden wollenden Schiffsladungen voller Einwanderer überfordert sind, und erwähnt auch das Einwanderer-Gesetz Bossi-Fini. „Ein Gesetz ohne Sinn!“, erklärt Camilleri. „Im Gegensatz zur Reform des Straßenverkehrs-Gesetz (demnach dürfen Verkehrssünden härter bestraft werden), hat das Bossi-Fini bisher nichts gebracht. Während tatsächlich weniger Unfälle passieren, hat die Einwanderung nach Sizilien nicht ab-, sondern zugenommen.“
Zahlreiche Bücher des Sizilianers sind beim deutschen Verlag Lübbe erschienen.
