Andreas Dresen: "Halt auf freier Strecke" + "Wolke9" (Interview)

Andreas Dresen im Gespräch - Hw. Kruse
Andreas Dresen im Gespräch - Hw. Kruse
Am Rande einer Konzertprobe im Osten Berlins befragte der Autor den Regisseur Andreas Dresen zu seinen Filmen "Wolke 9" und "Halt auf freier Strecke".

Ist Andreas Dresen ein Provokateur?

Der Filmregisseur Andreas Dresen schafft seit Jahren den Spagat, mit schwierigen Themen erfolgreiche und gut besuchte Filme zu machen. Im Interview spricht er über Grenzen, den Tod und seinen jüngsten Erfolg in Cannes. Für "Halt auf freier Strecke" erhielt er dort einen renommierten Sonderpreis.

Hw. Kruse: In dem Film "Wolke 9" erzählen sie von einer Liebesgeschichte zwischen drei älteren Menschen. Am Schluss bringt sich der von seiner 70-jährigen Ehefrau verlassene Werner um. Ist das nicht eine sehr moralische Botschaft…

… (stöhnt) Ich stöhne jetzt ein bisschen, denn ich habe diese Diskussion schon oft geführt und diesen Schluss verteidigen müssen – offensichtlich haben ihn Menschen missverstanden. Nein, das ist nicht moralisch. Man muss nur wissen, wenn man in einem gewissen Alter aufbricht, bleibt das möglicherweise nicht ohne Konsequenzen.

Man kann ja nicht so tun, als ob es für Achtzigjährige genauso einfach ist, sein ganzes Leben über den Haufen zu werfen, wie für Vierzigjährige. Das ist halt eine ganz andere Grundsituation, wenn man da jemanden verlässt. Da kann man nicht einfach drüber hinweg gehen, kann nicht so tun, als wenn das alles ganz easy und gar kein Problem wäre: Wir sind ja so liberal und machen 'ne flotte Wohngemeinschaft, das wäre die Alternative gewesen.

Der Film erzählt davon, dass jedes Handeln im Leben Konsequenzen hat und darüber muss man sich im Klaren sein. Sie verlässt ihren Mann und trotzdem ist das nicht falsch!

Hw. Kruse: Sie überschreiten oft Grenzen in Ihren Filmen und setzen sich mit Tabus auseinander. In Ihrem neuen Film "Halt auf freier Strecke" zeigen Sie das Sterben eines Mannes in seiner Familie. Sind Sie ein Provokateur?

Das hat mit mir wenig zu tun, wenn die Gesellschaft diese Themen als Grenzüberschreitung empfindet. Das ist doch nicht absonderlich, wenn sich Siebzigjährige verlieben. Da müsste sich doch die Gesellschaft fragen, was mit ihr los ist, wenn das ein Tabu sein soll.

Ich empfinde es auch nicht als Tabubruch, über das Sterben zu erzählen. Das ist schließlich etwas, das alle Menschen betrifft. Es kann jeden treffen. Der Tod kann uns allen plötzlich begegnen. Deshalb finde ich es völlig normal darüber zu erzählen, und zwar ohne Scheuklappen und ohne sentimentalen Schmus. Das sind Themen, die gehören zu unserem Leben einfach dazu und warum sollte man sie ausgerechnet im Kino nicht behandeln?

Wir latschen jedenfalls nicht durch die Gegend und überlegen uns, was könnten wir noch machen um aufzufallen. Das sind Dinge, bei denen wir uns wundern, dass sie gesellschaftlich so wenig angesprochen werden!

Hw. Kruse: Hat Sie die heftige emotionale Reaktion des Publikums in Cannes überrascht?

Ja, das hat mich schon überrascht, denn ist ganz ungewöhnlich, dass so viele Menschen so berührt auf einen Film reagieren. Hinterher lagen mir viele fremde, weinende Menschen im Arm. Das war schon recht ungewöhnlich, aber ist natürlich auch genau das, was man erreichen möchte, dass ein Film die Menschen berührt und ihnen nicht gleichgültig ist. Insofern war das wunderbar.

Schmerz und Trauer zuzulassen, kann ja auch eine sehr befreiende Wirkung haben. Das verdrängen wir oft zu sehr, weil wir ja immer erfolgreich und glücklich sein sollen.

Hinweis

Tatort Kommissar Axel Prahl und Regisseur Andreas Dresen spielen zusammen in einer namenlosen Band - ihrem gemeinsamen "Spaßprojekt".

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Hanswerner Kruse, Privat

Hanswerner Kruse - Hanswerner Kruse, 63 Jahre alt mit abwechslungsreichem Lebenslauf: * Hauptschule, Feinmechanikerlehre, Abitur * Arbeit als ...

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