Andreas Pittler: "Tacheles"

Roman über einen Kriminalfall im Wien des Jahres 1934

Andreas Pittler: Tacheles - Echomedia
Andreas Pittler: Tacheles - Echomedia
Der Blick in die Vergangenheit schärft jenen in die Zukunft: Pittler vermischt in seinem Buch eine fiktive Krimihandlung mit historischen und politischen Ereignissen.

Wien im Sommer 1934. Der jüdische Fabrikant Demand wird brutal erschlagen aufgefunden. Polizeioberst Bronstein wird auf den heiklen Fall angesetzt. Nicht zuletzt, weil er ebenso wie das Opfer jüdischer Abstammung ist. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem oder den Mördern um Nazis handeln könnte, die ihr Opfer zu Tode getreten haben.

Politische Instabilität

In Deutschland sind die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt bereits an der Macht. In Österreich agieren sie noch im Untergrund, doch steigende Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche und politische Instabilität liefern den idealen Boden für judenfeindliche Ideologien. Bronstein, gerade fünfzig geworden, alleinstehend, widmete sein ganzes Leben dem Staate Österreich. Nie hatte er sich als Jude gefühlt, hat keine Ahnung von deren Traditionen, war immer nur Österreicher, liebt Wagner und deutsche Literatur. Doch plötzlich muss er am eigenen Leib erfahren, dass die Nazis diese Einstellung nicht gelten lassen und dass ihn auch seine Polizeimarke nicht länger schützt.

Historische Ereignisse

Der dichte Kriminalroman „Tacheles“ fasziniert durch die Vermischung eines fiktiven Kriminalfalles mit lebensechten Polizisten und historischen Ereignissen dieser Tage. Authentische Zeitungsberichte, die Beschreibungen der damaligen Lebensumstände und Gewohnheiten und der politischen Entwicklungen ziehen die Spannung bis zur letzten Zeile durch.

Authentische Charaktere

Personen und Handlung des Kriminalromans sind frei erfunden. Dennoch: „Die meisten Namen sind identisch“, bestätigt der 1964 in Wien geborene Kriminalromanautor Andreas Pittler, studierter Historiker und Politikwissenschaftler. „Es gab sogar einen Fabrikanten in Wien, der Demand hieß, ebenso wie der Tuchhändler Duft wirklich lebte und auch eine Madeleine Demand.“ Authentisch sind naturgemäß auch die prominenten Charaktere wie die Regierungsmitglieder, die leitenden Beamten der Wiener Polizei und die Nazigrößen.

Vergangenheit und Zukunft

Pittler hat nicht nur einen spannenden Kriminalroman geschrieben, er hat diese zentrale Phase der heimischen Geschichte aus einem neuen Blickwinkel literarisch verarbeitet. „In unserer heutigen Zeit herrscht eine gewisse Beliebigkeit, Ideologien sind verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Da ist es wichtig für Klarheit zu sorgen, denn der Blick in die Vergangenheit schärft jenen in die Zukunft.“

Von der Zukunft überrollt

Sieben Jahre arbeitete Pittler im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, publizierte zwei Sachbücher über die Jahre 1918 bis 1945, für die er viele Interviews mit Zeitzeugen führte. „Das gab mir einen tiefen Einblick in die Hintergründe jener Epoche, aus dem ich heute noch schöpfen kann. Die Personen lebten damals in einer Gegenwart, die schon Vergangenheit war. Die Menschen wurden, ohne es zu wissen, von der Zukunft überrollt.“ Pittlers Ziel in „Tacheles“ war es, das damals oft zitierte "So schlimm wird es schon nicht werden" literarisch einzufangen und die Auswirkungen auf den Einzelnen zu zeigen.

Hommage

Der zweite Bronstein-Roman ist bereits in Arbeit. Alle Fälle sollen jeweils in einem Schicksalsjahr der Ersten Republik spielen. Die Zeitleiste läuft dabei rückwärts: In "Ezzes" ermittelt Bronstein im Jahr 1927, dem Jahr des Justizpalastbrandes. Als Hommage an das versunkene jüdische Wien soll jeder Band einen jiddischen Titel haben (Tacheles bedeutet „Klartext“), der unvergänglich in den Wiener Sprachschatz eingegangen ist.

Andreas Pittler veröffentlichte bisher dreiundzwanzig Sachbücher, zumeist historischen Inhalts, sechs Romane und zwei Bände mit Kurzgeschichten. „Tacheles“ ist der erste Kriminalroman einer fünfteiligen Serie.

Andreas Pittler: Tacheles. WienliveEdition 2008. Taschenbuch, 301 Seiten. Euro 9,90.

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Ilona Mayer-Zach, Sabine Windsor

Ilona Mayer-Zach - Geboren in Graz, Wahlwienerin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften; Medienkundlicher ...

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