
- Korallenplaty - Gerhard Ott
Manche Fische sind anpassungsfähig, andere weniger. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Aquarienbewohner kaum von Menschen. Es gibt Lebewesen, die sehr eng an bestimmte Lebensverhältnisse angepasst sind und andere wiederum, die in verschiedenen Lebensräumen zurechtkommen. Solch euryöke (eurypotente) Fische kommen mit verschiedenen Umweltverhältnissen zurecht, während stenöke (stenopotente) Organismen an bestimmte Umweltbedingungen gebunden sind und hinsichtlich ihrer ökologischen Ansprüche als spezialisiert gelten. Der zoologische Begriff der ökologischen Valenz bezeichnet die Weite des Spielraumes oder Amplitude der Lebensbedingungen, innerhalb derer eine Art zu gedeihen vermag.
Anfängerfische sind anpassungsfähig
Fische mit großer ökologischer Valenz sind leichter zu pflegen als spezialisierte Arten mit geringer ökologischer Valenz. Typische Anfängerfische kommen mit verhältnismäßig breiten Variationen von Umweltverhältnissen zurecht. Auch wenn sie sozusagen hart im Nehmen sind, sollte man ihre Pflege in der Obhut des Menschen deshalb nicht vernachlässigen. Aber sie verzeihen eben auch so manchen Anfängerfehler, den spezialisierte Fische nicht überleben würden.
Anfängerfische für jeden Geschmack
In fast jeder Gruppe von Süßwasserfischen gibt es Arten, die für den Einsteiger geeignet sind: Unter den südamerikanischen Salmlern ist die Rotaugen-Moenkhausia (Moenkhausia sanctaefilomanae) eine im Aquarium anpassungsfähige Art. Von den asiatischen Barben und Bärblingen ist die Brokatbarbe (Puntius semifasciolatus) und ihre Farb- und Zuchtformen zu empfehlen sowie Zebrabärblinge (Danio rerio). Unter den Labyrinthfischen ist der Blaue Fadenfisch (Trichogaster trichopterus) besonders hart im Nehmen. Bei den lebendgebärenden Zahnkarpfen (Poecilidae) sollten nicht zu hoch gezüchtete Guppys, Platys und Schwerträger gewählt werden. Wer sich für eierlegende Zahnkarpfen interessiert, sollte vielleicht mit asiatischen Arten wie Hechtlingen (Aplocheilus) beginnen. Unter den zahlreichen Buntbarscharten ist Aequidens pulcher, der Blaupunktbuntbarsch ein Anfängerfisch. Aus der formenreichen Gruppe der Welse ist der Panzerwels Corydoras paleatus eine gute Wahl für den Anfang.
Auch alte Hasen können Anfänger sein
Der Begriff Anfängerfisch sollte nicht leichtfertig verwendet werden. Ein sogenannter alter Hase ist jemand, der schon seit vielen Jahren Aquarianer ist. Pflegt ein solcher jemand einen für ihn neuen Fisch zum ersten Mal, so ist er genau so Anfänger wie ein anderer, der mit der Aquaristik ganz neu beginnt. Natürlich hat der alte Hase eine Menge Erfahrungen mit anderen Fischen gesammelt, die er umsetzen und anwenden kann, wenn er sich mit einem neuen Fisch oder einer ihm unbekannten Fischgruppe befasst. Niemand braucht sich etwas einzubilden, wenn er viele Aquarien seit vielen Jahren hat. Quantität ist kein Qualitätsmerkmal. Das ist auch in der Aquarienkunde so. Wenn ein Aquarianer also einen Fisch noch nie gepflegt hat, so ist er bei dieser Art auch ein Anfänger. Und anders herum: Fische, bei denen von vielen Aquarianern schon Auswertungen ihrer natürlichen Bedürfnisse und entsprechende Pflegeerfahrungen vorliegen und gar veröffentlicht sind, sind eher für Anfänger geeignet als andere Arten.
Anfängerfische nicht vernachlässigen
Als Anfängerfische können also solche Fischarten bezeichnet, die auch in der Natur anpassungsfähig sind, also nicht an spezielle Verhältnisse ihres Lebensraums angepasst sind. Das heißt aber nicht, dass wir Aquarianer den Fischen jedes beliebige Aquarium als Heimstatt anbieten können, weil die natürliche Anpassungsfähigkeit einer Art das zulässt. Ziel muss immer die Optimierung der Lebensbedingungen sein. Informationen dazu findet man in der Fachliteratur, die studiert werden sollte, bevor man sich die Fische anschafft.
Ott, Gerhard (1991): Aquaristik für Anfänger. 5-teilige Serie. – Die Aquarien-und Terrarienzeitschrift 44 (2):123-127, (3):190-194, (5):330-333, (8):523-527, (10):660-663.
