Bei fast jeder Rabattaktion des Handels heißt es in deutschen Schaufenstern immer wieder ‚Sale’. „Sale heißt, dass alles billiger ist“, hört man manchmal Mütter ihren Kindern vor den großen Kaufhäusern lapidar erklären. Heißt es das wirklich? Auch wenn die eigentliche Bedeutung vom englischen ,sale’ (= Verkauf, Ausverkauf, Schlussverkauf) oft von den Käufern nur in seiner vagen Kernaussage erfasst wird, wachsen Anglizismen in der deutschen Sprache stetig an Bedeutung. Dabei löste das Englische andere Sprachen ab dem 19. Jahrhundert ab und entwickelte sich bis heute zur maßgebenden Entlehnungssprache für das Deutsche.
Die 'Mixsprache' Deutsch
Deutsch ist seit jeher eine ‚Mixsprache’, die in ihrer Entwicklung stets Einflüsse aus dem Lateinischen, Griechischen oder aber auch Französischen und Italienischen erfuhr. Durch die Aufnahme entlehnter Wörter in das eigene Vokabular, entwickelte sich Deutsch zu einer so genannten ‚extrovertierten’ Sprache. Im Gegensatz zum Deutschen übersetzen introvertierte Sprachen wie etwa die skandinavischen oder das Niederländische viel häufiger in ‚indigene’ Wörter, also Wörter aus ihrem eigenen (indigenen) Wortpool. Die extrovertierten Sprachen Deutsch, Französisch oder Englisch stehen als Symbol und Instrument einer sich wandelnden europäischen Geisteskultur, die im stetigen Austausch mit anderen Sprachen und Kulturen seit jeher stand.
Schwerpunktverlagerung der Lehnsprachen im 17. / 18. Jahrhundert und 19. /20. Jahrhundert
Auch wenn Deutsch eine Sprache mit verhältnismäßig hohem Anteil von Lehnwörtern anderer Sprachen ist, so lässt sich aber auch ein Wandel bei den Herkunftssprachen der entlehnten Wörter erkennen. Bei diesem Wandel steht vor allem die Schwerpunktverlagerung der Herkunftssprachen der entlehnten Wörter im Vordergrund. Stammten die Lehnwörter im 17. und 18. Jahrhundert noch vor allem aus dem Lateinischen und Französischen, so wurden im 19. und 20. Jahrhundert vermehrt Wörter aus dem Englischen in die deutsche Sprache integriert. Gleichsam wurden aber auch das aus Latein, Griechisch und Französisch zusammengesetzte ‚Eurolatein’ immer fruchtbarer durch die Ausnutzung und Weiterentwicklung der Lehnwortbildung.
Der englische Spracheinfluss auf das Deutsche im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert wurde die Erscheinung des Englischen im Deutschen zunehmend prägender. Da England politisches und industrielles Vorbild für das noch junge Deutschland ab 1848 war, drangen schließlich immer mehr entlehnte englische Wörter im Zuge der Industrialisierung und Demokratisierung Deutschlands in die Deutsche Sprache. Besonders auffällig sind in diesem Zusammenhang entlehnte Wörter, die im Industrie- und Handelssektor (Partner, Standard, Kartell), Verkehrswesen (Lokomotive, Tunnel, Wagon, Express), Pressewesen (Interview, Leitartikel, Essay) und Politik (Demonstration, radikal, lynchen, Mob, Streik) Verwendung fanden. Oft wurde mit den Wörtern die ‚Sache’ semantisch gleich mitentlehnt. Dies lässt sich heutzutage häufig im Technologiesektor beobachten. Wörter wie die heutigen Laser, Radar oder Web wurden also mit ihrer inhaltlichen Bedeutung ins Deutsche eingegliedert.
Englisch als modische Konversationssprache
Einher mit dieser Entwicklung löste um 1900 das Englische das Französische schließlich auch als modische Konversationssprache der oberen Zehntausend ab. Das Viktorianische Zeitalter stellte zur damaligen Zeit den Höhepunkt der bürgerlichen Kultur in Europa dar. Englische Wörter wie Gentleman, Snob, Dandy, fair, allright, Smoking, Frack, Beefsteak, Toast, Whiskey, Cocktail, Sport, Tennis, Picknick oder auch Flirt spiegeln nicht nur die gesellschaftliche Strömungen und den damit verbundenen Zeitgeist wieder, sondern entwickelten sich zu ‚Internationalismen’, die in etlichen Sprachen verwendet werden.
Rückläufe und Verlangen nach Englischem im 20. Jahrhundert
Rückläufe der entlehnten englischen Wörter finden sich vor allem zur Zeit der beiden Weltkriege. Durch die sprachpuristischen Haltungen der Regierungen im Ersten Weltkrieg und zur Nazizeit beschnitten zeitweise durch Regulierungen des Wortschatzes – unter anderem durch die Zentralisierung und Zensur des Pressewesens – den Einfluss entlehnter Wörter auf die deutsche Sprache. Darauf folgten allerdings immer wieder Wellen der Aufnahmebereitschaft als Reaktion auf den aufgezwängten Sprachpurismus. Somit nahm der englische Spracheinfluss im 20. Jahrhundert weiterhin zu und fand durch entlehnte Begriffe wie Teenager, Make-up, Bikini, Sex und Striptease Einzug in die deutsche Gesellschaft. Bei dieser so genannten ‚Amerikanisierung’ des Deutschen existiert vor allem eine aktive Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung nach Freiheit, Modernität und Neuem – vor allem in Hinsicht auf kulturelle Einflüsse (besonders durch Musik: Rock ‚n’ Roll, Beat, Flower Power, Hippies).
Auch wenn der quantitative Anteil der Anglizismen im Deutschen aufgrund von Internationalismen, Mischkomposita (Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnbedeutung usw.), selten genutzten Anglizismen und vor allem die verschiedenen Anwendungsbereiche (u. a. Technik, Kultur, Sport) schwer messbar ist, ist der Einfluss des Englischen auf das Deutsche in den letzten 200 Jahren gewachsen. Hier kristallisiert sich vor allem die Flexibilität des Deutschen als Mischsprache durch die vielfältigen Entlehnungsgründe und der Integration von Lehnwörtern innerhalb des deutschen Sprachgebrauchs heraus. Außerdem muss bei den Lehnbeziehungen entlehnter Wörter unterschieden werden.
