Angst und Ökonomie

Die Macht des Geldes - Gerd Altmann  / pixelio.de
Die Macht des Geldes - Gerd Altmann / pixelio.de
Leistung, Effizienz, Nützlichkeit. Begriffe, die in der Wirtschaft notwendig sind. Doch welche Rolle spielen die Emotionen?

Die Ökonomisierung des Denkens

Der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer äußerte in einem Spiegelinterview, dass das ökonomische Prinzip immer mehr in das Denken der Menschen eingedrungen sei. Nur wer etwas leiste, wer nützlich und effizient sei, zähle etwas. Diese Übernahme wirtschaftlicher Grundsätze bezeichnet Heitmeyer als „Ökonomisierung des Denkens“. Das Interview beschäftigt sich dann im weiteren Verlauf mit der Frage des Umgangs der deutschen Gesellschaft mit Minderheiten. Die „Ökonomisierung“ hat aber eine zusätzliche Facette in Bezug auf Emotionen.

Das ökonomische Prinzip

Die Wirtschaftswissenschaft geht davon aus, dass die an der Wirtschaft beteiligten Subjekte die Nutzen – und Gewinnmaximierung als oberstes Grundprinzip ansehen. Dies ergebe sich aus der begrenzten Verfügbarkeit der Güter. Seine einzelnen Ausprägungen findet es im Minimal- und dem Maximalprinzip. Während ersteres eine Zielverwirklichung mit möglichst wenig Mitteln anstrebt, soll nach dem Maximalprinzip mit vorhandenen Mitteln ein möglichst großer Nutzen erzielt werden.

Die Angst darf keine Rolle spielen

Angst hat im ökonomischen Prinzip überwiegend keinen Raum. Diese Basisemotion kann als Schwäche ausgelegt werden. Es liegt in ihrer Natur, dass der Mensch bei einer (realen oder vermeintlichen) erkannten Gefahr den Rückzug antritt und flüchtet. Damit genügt er nicht den Anforderungen, die die Gesellschaft an ihn stellt. Aus der Sicht des ökonomischen Prinzips ist das kontraproduktiv, da keine Leistung vorliegt beziehungsweise kein Nutzen erzielt werden kann.

Die Angst auf der Abschussliste der Gesellschaft

Wer kennt sie nicht. Wer hat sie nicht schon mehr oder weniger intensiv erlebt. Prüfungsangst, Flugangst, Höhenangst, Spinnenphobie. In allen Facetten menschlichen Lebens spielt sie eine Rolle. Doch der Trend geht in der Leistungsgesellschaft dazu, sie als ein allgemeines Übel zu verteufeln. Allein bei der Suchmaschine "Google" gibt es zum Thema "Flugangst" mehrere hunderttausend Einträge. Unzählige Seminare und Literatur mit Bewältigungsstrategien können den Eindruck erwecken, als ob die Angst allgemein aus dem Leben zur Verwirklichung des ökonomischen Prinzips eliminiert werden müsste.

Die Angst ist notwendig

Die Angst ist aber ein notwendiger Bestandteil des Lebens. Sie garantiert das Überleben. Sie schärft die Sinne und bewahrt vor der Selbstzerstörung. Inzwischen weiß die Wissenschaft, dass das emotionale System des Menschen ein wunderbares Zusammenspiel zwischen kognitiven, physiologischen und verhaltensbedingten Komponenten ist. Gäbe es dieses System nicht, würde die menschliche Gesellschaft auseinanderfallen. Ein Leben ohne Angst etwa würde zu einem äußert selbst- und fremd gefährdenden Verhalten führen.

Daher: grundsätzlich lieber akzeptieren als bekämpfen

Natürlich gibt es Ängste, die professionell behandlungsbedürftig sind, wenn sie den Menschen in seiner allgemeinen Lebensführung massiv beeinträchtigen, also Krankheitswert besitzen. Auch kann es geboten sein, gegen die ein- oder andere Angst etwas zu unternehmen, wenn persönlich angestrebte wichtige Ziele verwirklicht werden sollen.

Müssen aber alle Ängste immer bekämpft werden ? Die Selbsttherapie mit Büchern oder Wochenendseminaren hat ohnehin einen begrenzten Nutzwert. Die wenigsten Menschen mit Flugangst werden durch ein oder zwei Seminare zu Vielfliegern. Im Gegenteil: im Laufe des Lebens können sich Einzel-Ängste so verfestigen, dass sie ohne eine langwierige Psychotherapie nicht vertrieben werden können. Eine ausufernde Inanspruchnahme der „Angstbewältigungsindustrie“ könnte vielleicht irgendwann zu der Entwicklung eines allgemein zugänglichen Medikamentes führen, welches die Angst aus dem Leben weitgehend verdrängen würde!

Quellen: Der Spiegel 50/2011

Francois Lelord, Christophe André, Die Macht der Emotionen, München 2001

Michael Wessel - Studium der Rechtswissenschaften (1. und 2. Staatsexamen) Langjährige berufliche Tätigkeit im ...

rss