
- Die Olsenbande - Nordisk Film/A. Film
In Europa gibt es eine rege Animationsfilmszene, die sich tapfer gegen alle Widrigkeiten des Marktes stemmt. Das heißt: gegen eine Übermacht, bestehend aus wenigen Filmen wie „Shrek“ oder „Nemo“; dem hartnäckigen Vorurteil, Zeichentrick sei nur etwas für Kinder und nicht zuletzt der Schwierigkeit die Herstellungskosten für diese Art von Filmen aufzubringen, die bei etwa zwei Millionen Euro anfangen und sich dann schnell in höhere Gefilde schrauben.
Finanzierungsmarkt Cartoon Movie
Um die Marktsituation für den europäischen Animationsfilm zu verbessern, hat die belgische Initiative Cartoon 1999 in Potsdam-Babelsberg den Finanzierungsmarkt Cartoon Movie eingerichtet. Dort werden Animationsfilme in den verschiedensten Stadien ihrer Fertigstellung – von der Idee bis hin zum fertigen Film – potentiellen Koproduzenten, Finanziers oder Filmverleihern vorgestellt.
2009 zog Cartoon Movie nach Lyon in Frankreich um und erlebte einen Quantensprung. Einerseits durch eine längst überfällige Erweiterung von Cartoon Movie: der Einbeziehung der Games-Industrie, denn Videospiele und Animationsfilme greifen auf dasselbe Material zurück: mit Hilfe von Computern generierte Bewegtbilder. Andererseits ist Frankreich das Mutterland der Comics und des Animationsfilms. Das zeigt sich auch an einer anderen Zahl. An den jeweils 51 Projekten, die in diesem und im vergangenen Jahr in Lyon vorgestellt wurden, waren französische Produktionsfirmen als Haupt- oder Koproduzenten an 18 respektive 22 Projekten beteiligt. Das darauf folgende Land konnte nur 6 bzw. 5 Produktionen aufweisen. Deutschland liegt mit 4 bzw. 5 Projekten zumindest noch gut im Rennen. Beim diesjährigen Cartoon Movie trafen sich 635 Teilnehmer aus 32 Ländern – ein Rekord.
Thema 3D
Beherrschendes Thema in Lyon war der Stereo-3D-Film. Beinahe ein Viertel der Projekte nutzen diese Technik, die durch „Avatar“ gerade in aller Munde ist. Darunter „Sammys Abenteuer 3D“ von Ben Stassen („Fly Me to the Moon“), der am 4. November 2010 in Deutschland in die Kinos kommt, der sehr künstlerisch anmutende „Occho Kochoï“ oder das französisch-belgische 3D-Projekt „Cendrillon“, eine im Wilden Westen angesiedelte Aschenputtel/Blaubart-Geschichte. Bei der Herstellung nutzt der Produzent eine Technik aus dem Videospielalltag. In Videospielen wird die Handlung während des Spiels erzeugt. Der Vorteil dieser Methode ist, Szenen und Einstellungen ausprobieren zu können ohne dabei allzu viel Zeit zu verlieren.
Europas 3D-Papst Ben Stassen
Ben Stassen ließ es sich dieses Jahr nicht nehmen seinen Film der Gemeinde der Animationsproduzenten, Filmverleiher und Investoren selbst zu präsentieren. Dabei wiederholte er sein Mantra, dass die US-Filme kein wirkliches 3D, sondern höchstens 2,5D seien. Grund: die Handlung in den US-Filmen spielt sich wie in einem Guckkasten hinter der Leinwand ab, echtes 3D aber müsse in den Zuschauerraum hineinragen. Sprachs und bewies es beeindruckend etwa mit einer Szene, in der sich eine Anakonda genüsslich – aber hungrig – auf den Zuschauer zureckt. „3D-Kino ist sowohl eine emotionale, als auch eine intellektuelle Immersion“, sagt Ben Stassen und fordert, dass große, wandartige Leinwände für das 3D-Kino eingesetzt werden. Zugleich forderte er, dass ein 3D-Film so konzipiert wird, dass er zwingend nur in 3D gezeigt werden kann. Genau dieser Forderung kamen alle anderen vorgestellte Projekte nicht nach und so kam es immer wieder zu der gleichen Aussage: „Ich erkenne jetzt nicht, warum dieser Film unbedingt in 3D gemacht werden muss.“ Aber genau dies drückt die Glaubensfrage bei 3D aus: inwieweit profitiert ein Film tatsächlich von Stereo-3D?!
Kunst gegen Kommerz
Auch ein anderer Glaubensstreit wurde bei Cartoon Movie wieder aufgemacht: der zwischen Kunst und Kommerz. Europäische Animationsfilme haben dass Problem – wie übrigens auch die Realfilme – dass sie außerhalb der Grenzen des eigenen Landes kaum erfolgreich sind. Folimage-Chef Jacques-Rémy Girerd, der für seinen Film „Mia and the Migoo“ 2009 den Europäischen Filmpreis für den Besten Animationsfilm erhielt, kritisierte, dass ein Film wie „Avatar“ überhaupt gemacht werde. „Wir sehen uns bei Folimage als Résistance gegen kommerzielles Filmemachen“, sagte er. „Nach und nach werden dadurch Kunst und Kultur getötet und ich habe Angst davor, dass demnächst nur noch Filme wie 'Avatar' entstehen.“ Dabei vergaß er zweierlei: dass im Kino der Zuschauer der Souverän ist, der entscheidet, was er sehen will und dass Folimage keine Filme für Erwachsene macht.
Ari Folman und weitere interessante Projekte
Wie in jedem Jahr versammelte Cartoon Movie einige interessante, aber auch weniger interessante Projekte. Zu den Highlights gehören Ari Folmans („Waltz with Bashir“) neues Projekt „The Congress“, in dem Robin Wright sowohl als Realfigur, als auch als Animationsfigur sich selbst spielt; „Marnie's World“ der Potsdamer Produktionsfirma UFA Cinema; eine neue Fassung des dänischen Kults „Die Olsen-Bande“; eine moderne, in der Welt der Casting-Shows spielenden Umsetzung von „Der Sängerkrieg der Heidehasen“ und „Der Mondmann“, das Nachfolgeprojekt von Stephan Schesch, der schon „Die drei Räuber“ gemacht hat. Beides Filme, die auf Büchern von Tomi Ungerer basieren. Als fertige Filme überraschten und überzeugten „Lascars, Round da Way“, ein extrem lustiger Film über eine Gruppe Verlierer aus der Banlieue und „Metropia“, eine düstere Zukunftsvision. Beide Filme werden ihren Weg höchstens auf DVD nach Deutschland finden – leider!
