
- Enquist: Kontrapunkt - Luchterhand Verlag
Es ist so wenig, das zurückbleibt, wenn ein geliebter Mensch geht. Diese Erfahrung macht in dem Roman „Kontrapunkt" von Anna Enquist eine Mutter. Ihre Tochter ist gestorben, dieses namenlos bleibende Wesen voller Energie, Tatendrang und Lebenswillen, voller Neugier, unbedarft und übermütig. Sie stand noch ganz am Anfang, hatte noch alles zu entdecken, hatte doch gerade erst angefangen zu leben. Und selbst das Wenige, das bleibt, zerrinnt zwischen den Fingern der Zeit, gnadenlos und endgültig.
Die Tochter finden in der Musik von Bach
Es geschieht aus Liebe, dass die Mutter sich wieder ans Klavier setzt, um die Tochter in den Goldberg-Variationen von Bach wiederzufinden – sie zurückzuholen, ihr nahezukommen, sie zu ergreifen, zu begreifen. Wer war die Tochter? Und wie kann es sein, dass sie ihr, der Mutter, so fremd erscheint? Ist es die Kluft des Todes, die sie trennt? Darf das sein? Es geschieht aus Liebe, das Klavierspiel, aber auch aus Verzweiflung. Der intensivste Rückblick geschieht immer im Schmerz, und kein Schmerz ist größer als der Tod eines geliebten Menschen. Und im Schmerz die Erkenntnis: Wir, die Tochter und ich, sind nicht eins, sind nie eins gewesen.
Die Zeit ist ihr Feind. Sie entfernt die Mutter von dem Punkt, an dem ihre Tochter noch war, und sie entzieht der Erinnerung die Farben. Doch im komplexen Klanggespinst der Variationen geschieht das Wunder: Die Tochter ersteht auf und kehrt in Momentaufnahmen zur Mutter zurück. Mit jeder Note, jeder Stimme, jeder Partitur wird ein Stück zum Mosaik hinzugefügt – ein Strahlen, eine Träne, ein Himmelsblau. Die Töne Bachs dämpfen die Erinnerungen und Empfindungen, federn sie ab, umhüllen sie; und gleichzeitig erheben sie das Wesentliche und verleihen ihm Kontur.
Eine intensive Musiktherapie
Das Buch ist ein Ringen um Nähe, aber es geht ebenso sehr um Distanz. Die Frau ist umgeben von einer „festen Schale um einen feurigen Kern aus Wut“ – einem Schutzpanzer, der sie einerseits vor dem Außen schützt, vor der Welt und der Zeit, und der andererseits verhindert, dass sie in der glühenden Lava ihrer Empfindungen untergeht.
Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Mutter sich bewegt – sich mit der Kühle eines Seziermessers der Seele eines anderen anzunähern, um den Schmerz der belebten Erinnerung durchzustehen, ist nicht einfach; sich noch einmal mit der Distanz eines Außenstehenden in all die fröhlichen, traurigen, verhaltenen, sckockierenden, glücklichen und dabei immer schmerzlich intensiven Momente zu stürzen, ist nicht einfach.
Doch mit dieser von der Musik getragenen Auseinandersetzung schafft die Mutter zugleich das Unmögliche: den Abschied. Der feurige Kern aus Wut verglüht, und zurück bleibt der Friede des Loslassens. Es ist vorbei. Die Sopranstimme ist verstummt, entschwunden in „der leersten Quinte, die je erklungen“ ist. Zurück bleibt Leere, und „in dieser Leere ist alles enthalten“.
Enquist schreibt ein Meisterwerk
Einmal mehr schreibt Autorin Anna Enquist mit mitreißender Eloquenz. Die Sprache vereint Sensibilität und Rhythmus und ist von einer magischen Schönheit, die das komplexe Thema – die Mutter-Tochter-Beziehung in der Retrospektive – meisterhaft zeichnet. Jede Farbe, jeder Schatten, jede Kontur sitzt an der richtigen Stelle. Das entstehende Panorama ist so plastisch wie die Figuren. Ein Meisterwerk.
Anna Enquist: Kontrapunkt. Luchterhand 2008. Gebunden, 224 Seiten. Euro 17,95. Deutsch von Hanni Ehlers.
