Das Schicksal von Anne Frank (1929-1945), aufgezeichnet in ihrem Tagebuch, hat in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von zumeist jungen Lesern bewegt. Der Autor Sid Jacobson und der Zeichner Ernie Colón haben die Geschichte des Mädchens und ihrer Familie nun als „grafische Biografie“ umgesetzt. Das ist eine seltsame Umschreibung, handelt es sich doch realiter um eine Comic-Adaption des Diariums und des Lebens der Anne Frank. Vermutlich erschien es den beiden Autoren und/oder den Verlagen in den USA und Deutschland aus moralischen Erwägungen unangemessen, die illustrierte Biografie als Comic zu bezeichnen.
Annes Leben und Zeitgeschichte
Während sich Art Spiegelman in seinem Shoa-Comic-Zweiteiler „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“, für den er als erster Comic-Autor 1992 den Pulitzer-Preis erhielt, eine Darstellung in schwarz-weiß wählte, ist die Biografie Anne Franks durchweg farbig gestaltet.
Erzählt und illustriert wird das Leben der Familie von Anne Frank, beginnend mit den Eltern Edith und Otto. Parallel dazu werden wichtige Ereignisse der Zeitgeschichte eingefügt. Das heißt hier vor allem Bild-Informationen über den langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstieg der Nazis. Mit der Konsequenz, dass sich Otto Frank von seiner Firma in Frankfurt/Main, wo Anne 1929 geboren wurde, nach Amsterdam versetzen lässt, um den rassischen Verfolgungen zu entgehen. Nicht ahnend, dass bald nach Beginn des Zweiten Weltkrieges auch die Niederlande überrollt wird und wie alle Juden auch die Franks nicht mehr sicher sind.
Wer die Bildbiografie kennt, wird auch das Tagebuch lesen
Annes Familie und weitere Personen verstecken sich im Juli 1942 in einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263. Auf unabsehbar lange Zeit auf engstem Raum mit vielen Menschen zu leben, ist nicht nur für die lebenshungrige, weil pubertierende Anne sehr bedrückend. Im August 1944 werden sie denunziert, von der SS aufgespürt und in verschiedene KZ deportiert. Anne und ihre ältere Schwester Margot sterben im Januar 1945 in Bergen-Belsen, ihre Mutter in Auschwitz. Einzig Otto Frank überlebte den Holocaust und sorgte dafür, dass das gerettete Tagebuch seiner Tochter unter dem Titel „Das Hinterhaus“ 1947 erstmals ediert wurde. Das Haus in der Prinsengracht öffnete 1960 unter dem Namen „Anne Frank Haus“ als Museum. Eine späte Genugtuung für Otto Frank, der mit 91 Jahren 1980 in Basel starb und also noch erleben konnte, war, dass der größte Wunsch seiner Tochter in Erfüllung ging: Denn Anne Frank wollte eine berühmte Schriftstellerin werden – und das ist sie posthum geworden. Wer die Bildbiografie zur Kenntnis genommen hat, wird gewiss auch das Original lesen wollen.
Sid Jacobson/Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie. Carlsen Verlag, Hamburg 2010. 160 S., geb., 16,90 €.
