Amani ist ein kluges, aber in armen Verhältnissen aufwachsendes palästinensisches Mädchen, das nichts anderes als Hirtin sein möchte. Das Vorbild für sie ist ihr Großvater Seedo. Als der stirbt, muss sie sich allein um die Schafe der Familie kümmern. Für die Schule bleibt da keine Zeit. Und zunächst vermisst Amani den Unterricht auch nicht, weil sie vollauf mit ihrer Herde zu tun hat. Sie muss den Mutterschafen bei Geburten helfen, die hungrigen Wölfe, die ihre Schafe bedrohen, abwehren und in der überweideten Gegend das spärliche Grün für ihre Tiere ausfindig machen.
Mit Steinen gegen israelischen Bagger
Da die Familie im Grenzgebiet lebt, muss Amani auch darauf achten, mit der Schafherde nicht israelischen Boden zu betreten. Die Israelis hingegen missachten das Hoheitsrecht der Palästinenser durchaus. So sind sie im Begriff, eine Autobahn zu bauen, die durch arabisches Gebiet und über den Grund von Amanis Familie führt. Das sorgt dafür, dass das Mädchen eines Tages aus Hilflosigkeit einen israelischen Bagger mit Steinen bewirft.
Obwohl Amani direkt – als Siedler und Soldaten – oder indirekt – in den aufgeheizten Reden ihrer Familie – die Israelis vor allem als Aggressoren erlebt, freundet sie sich mit Jonathan an, dem Sohn eines jüdischen Siedlers. In den Gesprächen zwischen Amani und Jonathan zeigt sich, dass beide die Propaganda verinnerlicht und Mühe haben, sich davon lösen. So halten sie sich anfangs gegenseitig vor, dass die jeweils andere Seite böse Dinge tut. Die gemeinsame Zeit der Kinder ist bemessen, weil Jonathan zurück nach New York geht. Das stimmt Amani traurig. Die Begegnung weckt bei ihr jedoch den Wunsch, wieder in die Schule zu gehen, viel zu lernen und ihr Englisch zu verbessern, um sich künftig mit den Israelis besser verständigen zu können.
Um Ausgewogenheit bemühtes Kinderbuch
Diese Erkenntnis, so wünscht man sich, mag sich auf beiden Seiten durchsetzen und beitragen, den israelisch-palästinensichen Konflikt im heiligen Land endlich zu beenden. Wenn alle Siedler etwas von Jonathan hätten, so Amani, „wären sie in der Lage, eine Lösung zu finden“. Oder wie ihr Großvater stets zu ihr sagte: „Kehre den Zorn aus deinem Herzen.“
Im Laufe der Lektüre stellt sich für den (erwachsenen) Leser die Frage, warum ein solches, erkennbar um Verständnis und Ausgewogenheit bemühtes Kinderbuch zu diesem schier unendlichen Konflikt von einer kanadischen Autorin und nicht von einem Palästinenser und Israeli geschrieben worden ist? Oder – wenn es dergleichen Geschichten in hebräischer und arabischer Sprache geben sollte – warum diese nicht auch ins Deutsche übersetzt werden?
Anne Laurel Carter: Amani, das Hirtenmädchen. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Brigitte Rapp. Jungbrunnen Verlag, Wien 2011. 159 S., 13,90 €.
