Anne Tismer – Schauspielerin und Aktionskünstlerin

Anne Tismer - © 2010 Salzburger Festspiele
Anne Tismer - © 2010 Salzburger Festspiele
Nach ihrem Aufstieg zum Theaterstar hat sich Anne Tismer allmählich zu einer Performance-Künstlerin entwickelt.

Jeder, der sie schon einmal auf der Bühne gesehen hat, kennt ihre Verwandlungskunst, ihre Fähigkeit, von einem zarten, schutzbedürftigen Wesen in eine ekstatisch tobende Furie überzugehen. Theaterkenner denken dabei zunächst an Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung „Nora“, wo sie durch eine kompromisslose Exekution ihren Gatten Helmer ins Jenseits beförderte, um sich mit dieser unkonventionellen Methode von den bürgerlichen Fesseln zu emanzipieren. Der Erfolg der Inszenierung war so groß, dass das Ensemble das gemütliche Idyll am Lehniner Platz zeitweise verließ und mit einer globalen Tournee in die entferntesten Winkel vordrang.

Sinnlichkeit auf Schleichwegen

Wer sie in einer Theaterkantine sitzen sieht, rauchend und eher unauffällig, traut ihr diese katzenhafte Geschmeidigkeit auf der Bühne kaum zu. Im Alltag zurückhaltend und gänzlich untheatralisch, scheint ihr wahres Leben erst auf der Bühne zu beginnen, wo sie eine Erotik entfaltet, deren leise Kraft sich vor allem auf Schleichwegen überträgt. Dabei kommt ihr auch die Wirkung des gesprochenen Wortes zugute. Während des Durchlaufs von der Kehle über die Zunge bis zu den Lippen erfahren die Silben offensichtlich eine Wandlung, bis sie in der erforderlichen Akzentuierung herausfließen. Die Nuancen sind sehr unterschiedlich, sie reichen vom zart hingehauchten Ton bis zur kraftvollen Wutgebärde. Kaum ist der Zuschauer ein wenig betört, wird er schon wieder aufgeschreckt durch einen schrillen Aufschrei, der einem Tier entspringen könnte. In Ostermeiers Inszenierung „Würgeengel“ (2003), in der ein Bunuel-Film aufgegriffen und neu aufbereitet wurde, spielte Anne Tismer eine stilisierte Wohlstandsdame mit moderner Fönfrisur, die sich in nölendem Tonfall artikulierte und wie ein gespreiztes Kunstprodukt wirkte. Ganz anders dagegen in „20. November“ (2007, Regie: Lars Norén), wo sie mit nassem, zurückgekämmtem Haar in die Rolle eines amoklaufenden Schuljungen schlüpfte. Hart war die Sprache, derb und unverblümt, und sie schleuderte ihre Anklagen und Wuttiraden frontal ins Publikum, dem dabei der erotische Zugriff auf die Figur ausgetrieben wurde.

Von den Anfängen bis zu Ostermeiers Schaubühne

1983 begann sie eine Schauspielausbildung im Wiener Max-Reinhardt-Seminar, das sie aber nach drei Jahren vorzeitig verließ. Nach einer Überbrückungsphase nahm sie ein Engagement in Bonn an, kündigte aber bald desillusioniert und landete schließlich im Freiburger Stadttheater, wo sie hauptsächlich mit dem Regisseur Jürgen Kruse zusammenarbeitete, mit dem sie auch nach Bochum wechselte. Ab 1996 entschied sie sich für den freiberuflichen Weg und wirkte in Stücken von Peter Stein, Luc Bondy und Dieter Giesing mit. Sie war unter anderem in Musils „Die Schwärmer“ zu sehen, in Ödön von Horvaths „Figaro lässt sich scheiden“ und in Botho Strauß’ „Der Kuss der Vergessens“. Mit den beiden letztgenannten Inszenierungen war sie 1999 beim Berliner Theatertreffen vertreten. 2001 wurde sie von Thomas Ostermeier an die Berliner Schaubühne geholt, wo ein Gleichheitsprinzip dominieren sollte, das aber, so Tismer, nie richtig funktionierte. In „Nora“ spielte sie die Hauptrolle und wurde dafür im Jahr 2003 zur Theaterschauspielerin des Jahres gewählt.

Sinnlichkeit und Biederkeit

In Ostermeiers Inszenierung „Lulu“ wurde ihre irisierende Strahlkraft einseitig auf die sinnlichen Aspekte ihrer Darstellungskunst reduziert. Sicherlich, Lulu ist eine berückende Frau, die kraft ihrer Reize einen sinnlichen Hochdruck erzeugt, dem die in ihr Netz geratenen Männer letztlich nicht gewachsen sind. Diese erotische Ausrichtung der Inszenierung, die Fokussierung des Blicks auf die weibliche Hauptdarstellerin konnte Anne Tismer auch rechtfertigen – aber vielleicht leidete Ostermeiers Version ein wenig unter diesem Übergewicht, neben dem die anderen Akteure zum Beiwerk oder zur Kulisse degradiert wurden. Auch hier zeigte Tismer diese seltsame Mischung aus graziler Zerbrechlichkeit und wie zufällig demonstrierter erotischer Raffinesse. Das krasse Gegenteil wurde allerdings in „Wunschkonzert“ offenbart (2003): hier spielte sie eine biedere alleinstehende Frau, die ihre spröde Existenz in stereotypen häuslichen Gewohnheiten verbraucht und einen Charme verströmt, der bestenfalls für die Kantine eines Altersheims ausreicht. Eingehüllt in einen Rollkragenpulli und eine bleiche Strickjacke, nimmt sich die frustrierte alte Jungfer schließlich durch Schlaftabletten das Leben, um der Ausweglosigkeit eines gleichförmigen Daseins zu entrinnen.

Aktionskunst in der freien Szene

Während sich viele Schauspieler nach der finanziellen Absicherung und Aufgehobenheit in einem festen Ensemble sehnen, ging Tismer den umgekehrten Weg: sie löste sich vom Stadttheater und wechselte hinüber in die Unsicherheit der freien Szene. Zunächst entfaltete sie im „Ballhaus Ost“, einem Theater- und Kulturprojekt im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, eine lebhafte Aktivität, die mit der Bühnen-Umsetzung von Fassbinders „Maria Braun“ begann. In dieser Inszenierung lieferten ihre Routine und Professionalität einen scharfen Kontrast zu den bescheideneren Mitteln ihrer Mitspieler, die zudem einige Regiemängel aufzufangen gezwungen waren. Im Gedächtnis haften blieben vor allem Tismers gelenkige, spielerisch wirkende Verrenkungen auf einem Gerüst, wobei sie scheinbar locker ihren Text heruntersagte. Gelegentlich gruben sich einige kunstvoll ausgesprochene Wortbrocken, die in einem sanften Flüsterton akustisch verbrämt daherkamen, in die Hirnwindungen ein. In periodischer Abfolge wurden weitere Stücke inszeniert, z.B. „Einfache Dienstleistungen“, „Das blaue Meer“ und „Alice Underground“.

Ansonsten tritt Anne Tismer häufig im französischsprachigen Ausland auf, vornehmlich in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Falk Richter, oder sie wechselt, dankt der Unterstützung des Goethe-Instituts, den Kontinent und weilt bei afrikanischen Projekten. Bei den Salzburger Festspielen war sie zuletzt in Sebastian Nüblings „Judith“ zu sehen (2009), wo sie ihren eigenen Text beisteuerte und eine moderne Fassung der Judith ablieferte: derb, großstädtisch und von nonchalanter Direktheit. Und, an was mag man zuerst denken, wenn von Anne Tismer die Rede ist? Vielleicht an ein Aquarium. Und ein Spagat.

Homepage Anne Tismer

Bildnachweis: © 2010 Salzburger Festspiele

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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