Wie in Märchen schreiben leicht gemacht beschrieben, kann es viel Spaß machen, selber ein Märchen zu erfinden. Doch wie heißt die Zauberformel, um ein leeres Blatt in eine Märchengeschichte zu verwandeln?
Ehrlich gesagt, wird diese Formel hier nicht verraten, dafür werden jedoch alternativ ein paar Methoden und Übungen vorgestellt, mit deren Hilfe bald schon Märchen ganze Blätterberge füllen können.
Ein Date mit einer Figur
Eine ganz behutsame Art sich als Autor in die Märchenwelt zu begeben, kann darin bestehen, sich eine der vielen bekannten Figuren auszusuchen, eine die man besonders mag oder verabscheut, um dann entweder einen Text über die „gemeinsame Geschichte" zu schreiben oder die Figur etwas schreiben zu lassen. Im Detail: Man kann sich zum Beispiel darüber Gedanken machen, warum man diese Figur ausgesucht hat, wie man als Kind zu ihr stand, welche Verbindungen es zu ihr gibt. Oder man lässt die Figur Tagebuch führen (wie würde sie heute leben?), das bekannte Märchen aus der Ich-Perspektive schildern, oder der Autor unterhält sich mit der Figur in einem niedergeschriebenen Dialog.
Die Märchenlotterie
Einen Schritt weiter Richtung eigenes Märchen führt die Märchenlotterie. Dazu beschriftet man Zettel mit den Bestandteilen der traditionellen Geschichten. Einen Zettelhaufen sammelt man zu Figuren, einen zu Orten und einen zu Schicksalschlägen. Dann lost man drei Zettel aus und schreibt ein neues Märchen, in dem vielleicht ein König in einem Knusperhaus von einer Spule in den Finger gestochen wird. Oder ein sprechender Fisch wird von seinen Eltern ausgesetzt und landet in einem Turm. Wo kriegt er die langen Haare her, um dem rettenden Prinzen Einlass zu gewähren?
Anekdoten verwenden
Persönlichere Texte kann man entstehen lassen, indem Anekdoten gesammelt und „märchenisiert" werden. Da ist zum Beispiel der cholerische Chef, der einem jeden Tag einen unmenschlich hohen Aktenberg auf den Schreibtisch knallt. Liegt da nicht der Verdacht nahe, dass es sich um ein Feuer speiendes Ungeheuer handelt, das Menschen in einen Turm einzementieren will, um dann ... Aber es muss ja nicht immer um Konfliktbewältigung gehen. Der freundliche Busfahrer jeden Morgen - wer weiß schon, was in ihm steckt oder auf welcher Mission er sich gerade befindet?
Gegenstände zum Leben erwecken
Zugegeben, wenn man den Computer anschreit, fühlt man sich nicht gerade in einer märchenhaften Situation. Aber wenn er antwortet! Gegenstände aller Art zum Leben zu erwecken, Pflanzen und Tieren eine Stimme und ein menschliches Bewusstsein zu geben ist ein reizvoller Weg, um ein Märchen zu schreiben. Wie nehmen sie auf ihre spezifische Weise die Welt wahr? Wie betrachtet ein Stuhl Menschen? Wie spricht eine 40W-Lampe? Gibt es charakterliche Unterschiede zwischen einem holzwurmbesiedelten Tisch und Küchentisch Ingo, frisch von Ikea?
Als Autor kann man es entweder stillschweigend zur Normalität erklären, dass Gegenstände, Tiere oder Pflanzen agieren, oder man macht sie zu verzauberten Wesen, die eine Prüfung absolvieren müssen, um wieder eine menschliche Gestalt zu erhalten.
Verzaubern Sie Ihre Welt, schreiben Sie ein Märchen!
