
- Absagen in höchsten Tönen - Transit Verlag
Berlin wäre nicht die Metropole, in der man in diesem Millennium sein muss, hätte sie keine Selbstironie. Dass die "Königin der Städte" herzlich über sich selbst lachen kann, beweist die im Berliner Transit Verlag erschienene Anthologie "Berlin ist das Allerletzte". Reisende, aber auch Einwohner und gebürtige Berliner aus mehreren Jahrhunderten sind mit ihren Frotzeleien und Nörgeleien gegen die Hauptstadt in diesem Büchlein versammelt. Ihre Tiraden reichen von Bösartigkeiten bei der Einfahrt in Berlin, über die Stadt allgemein, ihre Einwohner, Kultur und Sitten bis schließlich hin zur Flucht aus ihr. Ein köstlicher Spaß für Gegner und Liebhaber Berlins gleichermaßen.
"Nach Berlin kommt so leicht keiner zum Vergnügen"
Ein spitzfindiger Einstieg in das Buch ist den beiden Herausgebern Detlef Bluhm und Rainer Nitsche gelungen mit Fontane: "Sowie man Berlin betritt, ist es mit Schick und Eleganz vorbei" – gleich gefolgt von einem Polizeidirektor namens Stieber: "Hierher nach Berlin kommt so leicht keiner zum Vergnügen".
Wo der deutsche Publizist Karl Scheffler noch meint, Berlin sei "weit ab von Deutscher Kultur", stellt Dostojewski nur fest: "Aber mein Gott, was für eine langweilige, entsetzliche Stadt ist Berlin!" Und ein sogenannter eingeborener Dichter lästert munter weiter: "Die Spree gleicht einem Schwane bei ihrem Eintritte in die Hauptstadt und einer Sau bei ihrem Austritt." Der Chefredakteur einer französischen Gazette, Victor Tissot, erregt sich über die Aufzüge der Menschen: "Von zehn Personen, die vorübergehen, sind nach meiner durchschnittlichen Rechnung fünf in Lumpen gehüllt." Und Robert Walser erschrickt vor ihrer Sprache: "Was hier die Leute quatschen, ist unheimlich."
Balzac kapitulierte vor Berlin
Man kann förmlich die aufgestellten Haare von Karl Gutzkow sehen, wenn er behauptet: "Das Grausenerregende, Schreckliche wird gewagt: Wohnen in Berlin." Ja, die Stadt schafft es sogar, dass der immer gespannte und inspirierte Balzac vor Berlin kapitulierte: "Stellen Sie sich ein Genf vor, das in einer Sandwüste verloren ist, und Sie haben eine Idee von Berlin. Es wird vielleicht eines Tages die Hauptstadt von Deutschland werden, aber immer wird es die Hauptstadt der Langeweile sein."
"... auch die nichts arbeiten, tun dies im Schweiße ihres Angesichts"
Es treibt einem Lachtränen in die Augen, wenn der österreichische Kritiker Alfred Polgar nach scharfer Beobachtung der Preußen krittelt: "Alle Einwohner Berlins sind intensiv mit ihrer Beschäftigung beschäftigt ... auch die nichts arbeiten, tun dies im Schweiße ihres Angesichts." Auch Goethe konnte nicht mit einer Gemeinheit an sich halten: "Es lebt aber ... dort so ein verwegener Menschenschlag beisammen, ... dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten."
Der französische Journalist Jules Huret rät exklusiv und dringend von Berlin ab: "Die Stadt ist für alleinstehende Frauen nicht bewohnbar." Über die Menschen meint er, sie seien "grob wie ein Gefängniswärter" und "wie viele sich ganz einfach vor einem hinpflanzen oder in den Trams einem die Füße zerquetschen ... lässt sich nicht zählen". Selbst das Wochenblatt zum Besten der Kinder ist schonungslos gegen den Ur-Berliner: "Er will mit seinen Spielgesellen munter sein, und schleudert sie solange herum, bis er ihnen einen Arm ausrenkt."
"Berlin hat keine Kultur"
Karl Scheffler empört sich über die Berliner Art, "... alles Leidenschaftliche ins Niedere ironisch herabzudenken und Gefühlsworte mit scharfen Spottworten zu erwidern." Da springt endlich ein gewisser Sling in die Bresche: "Eines unserer Hauptverdienste ist, dass wir Berlin bewohnen. Das ist sozusagen eine Last, die wir für die ganze Nation auf uns genommen haben. Anstatt uns dafür auf den Knien zu danken, sagt man uns ins Gesicht, Berlin sei scheußlich, und wir seien daran schuld." Doch auch er hasst die Metropole und vor allem ihre Sprache, denn "mit dem Ausdruck einer gewissen Übelkeit werden die Worte herausgequetscht und auf das Straßenpflaster geworfen".
"Von zehn Malen ist das Essen neunmal ungenießbar"
Der Journalist Hardy Worm formuliert stöhnend: "Ich soll über Berlin schreiben. Das ist nicht schwierig, aber es ist eine undankbare Aufgabe ... Berlin hat keine Kultur ... Es herrscht eine stickige und staubige Atmosphäre. Eine Müdigkeit, die ihre Ursache hat in der Sterilität der sogenannten führenden Geister." Und das Urteil von Carl Sternheim ist gleichermaßen vernichtend wie urkomisch: "Wenn Goethe und Molière in einer Person auf die Welt kämen, vor diesem Ungeheuer an Stadt, vor diesen Bestien, die sie bewohnen, wäre ihr Genie dahin."
Scheffler lässt auch an der Kultur der Stadt kein gutes Haar: "Nüchterner und poesieloser kann nichts sein." Und Huret flucht: "Von zehn Malen ist das Essen neunmal ungenießbar ..."
"Auf zu den munteren Sachsen und ihren Kunstschätzen!"
Einsichtig frotzelt der gebürtige Berliner Kurt Tucholsky: "Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker." Anatole France stört allein der Aufbau der Stadt: "... nicht ein originelles Denkmal." Bleibt am Ende nur noch die Flucht "durch das Cottbuser Tor hinaus – froh, mich bald unter den munteren Sachsen und ihren unzähligen Kunstschätzen erquicken zu können." (Atterbom)
Spritzige und boshafte Einsichten mit Nachwort von Katja Kange-Müller
Diese spritzige Sammlung von Boshaftigkeiten und Einsichten wird veredelt mit einem Nachwort der Berlinerin und Schriftstellerin Katja Lange-Müller. Und wie sie richtig feststellt: weder all die Verfasser noch ihre Gemeinheiten haben "Berlin klein oder nur einen Deut kleiner gekriegt." Im Gegenteil: deren Geschriebenes dient ganz der Hauptstadt als Ehre. Berlin kann so etwas wegstecken. Ein herrliches Buch, um die deutsche Hauptstadt ein wenig (besser) kennenzulernen.
Detlef Bluhm, Rainer Nitsche (Hg.): Berlin ist das Allerletzte. Absagen in höchsten Tönen. Mit einem Nachwort von Katja Lange-Müller. Transit Verlag 2011. Gebundene Ausgabe, 136 Seiten. Euro 14,80.
