Anthony C. Grayling: Die toten Städte

Eine genaue Untersuchung alliierter Bombenangriffe - C. Bertelsmann Verlag
Eine genaue Untersuchung alliierter Bombenangriffe - C. Bertelsmann Verlag
Anthony C. Grayling untersucht in seinem Werk die spannende Frage, ob die alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrechen darstellen.

Anthony C. Grayling widmet sich in dem vorliegenden Werk einer Diskussion, die schon seit langer Zeit die nationalen Gemüter erhitzt und von diversen gesellschaftlichen Tabus oft verhindert wird. Doch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sieht der renommierte Londoner Philosophieprofessor Grayling den richtigen Zeitpunkt und notwendigen Zeitpunkt gekommen, um sich einer schwierigen Frage zu widmen: "Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen?".

Diskussion über alliierte Bombenangriffe auch heute noch schwierig

Dabei hat die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass Aussagen und Ergebnisse über das alliierte Luftbombardement deutscher Städte durchaus heftige Kontroversen entfesseln können. Als vor einigen Jahren Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" erschien, erweckte es im anglo-amerikanischen Sprachraum großen Unmut. Dies liegt vor allem an dem Umstand, dass Friedrich eine wenig differenzierte Sichtweise auf die damaligen Luftangriffe erschafft. Er beschreibt die historischen Ereignisse auf sehr emotionale Weise und wahrt zudem keinerlei Objektivität bei seinen Ausführungen. Allerdings ist der heftige Aufschrei in den USA und Großbritannien nicht allein Friedrichs Polemik geschuldet. Er ist auch darauf zurückzuführen, dass ein souveräner Umgang mit den alliierten Luftbombardements auch heute nur schwer möglich ist.

Grayling beabsichtigt eine gerechte historische Bewertung der Luftkriegsführung

Grayling arbeitet daher mit viel Bedacht bei seiner Untersuchung. Um den Anspruch einer gerechten historischen Bewertung auch wirklich zu genügen, erschafft der englische Gelehrte die Szenerie einer fiktiven Gerichtsverhandlung. Als Ankläger der alliierten Luftkriegsführung stützt er sich bei seiner Beweisführung dabei vor allem auf englische und amerikanische Quellen. Dies erscheint besonders aus dem Grund beachtenswert, als dass diese Dokumente einen unverfälschten Einblick in den Wissenstand der damaligen anglo-amerikanischen Führungskräfte erlauben.

Luftkrieg wird in allen Details sehr genau beleuchtet

Begibt man sich schließlich weiter in den literarischen Gerichtsprozess hinein, wird die argumentative Zielstrebigkeit Graylings schnell deutlich. Der Autor liefert dem Leser, der nun quasi in die Rolle eines Geschworenen schlüpft, sehr viele Hintergrundinformationen zu den Bedingungen, Planungen und Auswirkungen des Luftkrieges. Darüber hinaus werden sowohl der effektive militärische Nutzen der Flächenbombardements als auch die strategischen Überlegungen auf alliierter Seite ausführlich beleuchtet. Die auf Grundlage jener Gedankenspiele getroffenen militärischen Entscheidungen werden im weiteren Verlauf des Werkes nach und nach in ein Gesamtkonstrukt eingefügt, welches die Durchführung der Flächenbombardements auf deutsche Städte zwar nachvollziehbar macht, sie jedoch auch gleichermaßen verwerflich erscheinen lässt.

Alliierte Bombenangriffe keine Kriegsverbrechen - aber moralisches Versagen

Für Grayling stellen die Flächenbombardements der Briten in Europa, sowie die Atombombenabwürfe der Amerikaner über Hiroshima und Nagasaki, nach Abwägung aller Argumente schlussendlich keine Kriegsverbrechen dar. Dieses Resumee ist jedoch einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges keine verbindliche internationale Rechtsgrundlage gab, welche diese Form der Kriegsführung unter Strafe stellte. Daher gilt das rechtsstaatliche Prinzip: Nulla poena sine lege. Gleichzeitig betont der englische Gelehrte jedoch, dass es sich bei der Luftkriegsführung der Alliierten um ein moralisches Verbrechen handelt. Denn obwohl Flächenbombardierungen urbaner Gebiete bereits Jahrzehnte vor Kriegsausbruch geächtet waren, wurden sie doch bei deutschen und japanischen Städten in nie da gewesener Intensität angewendet. Die Auswirkungen der strategischen Entscheidungen waren im Vorfeld bekannt. Noch im Jahr 1938 hatte der englische Premierminister Chamberlain die wahllose Zerstörung von Städten als barbarisch abgetan, da sie direkt gegen das Völkerrecht verstießen. Zudem zeigte sich im Verlauf der Kriegshandlungen, dass der militärische Nutzen der Flächenbombardements äußerst gering war. Trotzdem wurden die Luftangriffe auch dann noch intensiviert, als der Krieg schon lange entschieden war. Der alliierte Luftkrieg war für Grayling daher weder militärisch notwendig noch verhältnismäßig. Vielmehr zerstörte er die moralische Überlegenheit der anglo-amerikanischen Streitkräfte.

"Die toten Städte" - Ein wichtiger Beitrag zur Frage der angemessenen Kriegsführung

Anthony C. Grayling hat mit dem Werk "Die toten Städte" eine wichtige Debatte weiter vorangetrieben, die auch im Hinblick auf gegenwärtige und zukünftige bewaffnete Konflikte eine große Bedeutung besitzt. In bedachter und kluger Manier gelangt der Londoner Gelehrte zu einem unbequemen Urteil, da es mit weit verbreiteten historischen Verklärungen bricht. Es leistet zudem einen konstruktiven Beitrag zu der Frage, auf welche Art und Weise Staaten ihre Kriege führen sollten. Grayling hat in einfacher, klarer Sprache eine schwierige Untersuchung durchgeführt, die in ihrem Konzept vollends überzeugt. Es mag sein, dass sich dieses Buch an die Wissenschaft richtet, aber lesenswert ist es für jedermann.

Anthony C. Grayling, Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen?, aus dem Englischen übersetzt von Thorsten Schmidt, C. Bertelsmann Verlag, München, 2007 (englisch zuerst 2006), 414 Seiten, 22,95 EUR, ISBN-3570008452.

Rolf Severing, Rolf Severing

Rolf Severing - Hallo liebe Leser, ich bin schon seit einiger Zeit Journalismusstudent an der Universität Giessen. Meine fachlichen Schwerpunkte ...

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