
- McCarten: Englischer Harem - Diogenes Verlag
Die 20-jährige Supermarktkassiererin Tracy verliert zum vierten Mal in zwei Jahren ihren Job. Diesmal hat sie verträumt einer alten Dame beim Klauen zugesehen, der Ladendetektiv findet das gar nicht witzig. Tracy stammt aus einer Familie der unteren Mittelschicht, die im 23. Stockwerk eines maroden Wohnblocks lebt, in dem der Aufzug öfter kaputt als funktionstüchtig ist. Tracy ist eine beherzte junge Frau, die nicht resigniert, schnell findet sie etwas Neues, diesmal als Kellnerin in einem persischen Restaurant.
Polygamie im englischen Harem?
Im "Persischen Garten" trifft Tracy den wesentlich älteren, attraktiven, sehr gebildeten und auf antiquierte Weise zuvorkommenden Besitzer, den reichen Iraner Saaman Sahar, genannt Sam. Die beiden verlieben sich, wobei Tracys Ex-Freund Ricky sich plötzlich ihrer Qualitäten erinnert. Er neigt zur Eifersuchtsraserei. Die Sache wird kompliziert, weil das ungleiche Paar zu heiraten beschließt. Tracys Eltern, sie Vorschullehrerin, er Gelegenheitshausmeister, sind geschockt: Der Verlobte ihrer Tochter hat bereits zwei Ehefrauen, noch dazu behauptet er, keineswegs polygam zu sein, eine Nachricht, die sie eher aufregt als beruhigt.
McCarten schrieb "Ladies Night" mit Stephen Sinclair
Der gebürtige Neuseeländer Anthony McCarten erlebte als 25-Jähriger einen kometenhaften Aufstieg, indem er zusammen mit Stephen Sinclair – dem Drehbuchautor der "Herr der Ringe“-Trilogie – das Theaterstück "Ladies Night“ verfasste. Es wurde ein Welthit, und für McCarten öffneten sich alle Türen der Szene. Danach schrieb er ein Dutzend weiterer Theaterstücke, zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und drei Romane, darunter die Bestseller "Hand aufs Herz" und "Superhero“ .. Außerdem führt er Regie.
Anthony McCarten packt Tabuthema an
Die Routine, die McCarten beim Verfassen von Dialogen erreicht hat, kommt dem tragikomischen gesellschaftskritischen Roman "Der englische Harem“ zu Gute. Mit einer stilistischen Leichtigkeit, um die ihn so mancher Erfolgsautor noch beneiden sollte, dringt der Erzähler in die tiefen Schichten eines Tabuthemas der westlichen Welt vor. Der Leser wird dauernd mit der Nase in den Sumpf eigener, möglicherweise gut versteckter Vorurteile gestupst. Damit man sich nicht angegriffen oder gar provoziert fühlt, schiebt McCarten den Verdacht der Intoleranz und interkulturellen Unwissenheit einfach einer anonymen Masse unter, "den meisten Briten“ zum Beispiel.
Toleranzlehre statt Islam gegen Christentum
Auf die Frage Sams, woran Tracy beim Wort Islam denke, antwortet sie: "Gewehre. Verschleierte Frauen. Junge Männer. Mit Bärten und so. Die mit Gewehren drohen, so was eben.“ Sam hat nichts anderes erwartet, aber als aufgeklärter westlicher Muslim, der den Iran aus politischen Gründen schon vor Jahrzehnten verlassen hat, möchte er seiner Freundin den Islam als "barmherzige Religion“ nahebringen: "Anspruchsvoll, ja, aber auch großzügig, wohlwollend, wenn man sie nicht mit den Vorurteilen des Westens sieht.“ Seine Erklärung, was den Islam vom Christentum unterscheidet, beginnt mit einem verblüffend realistischen Vergleich: "Warum soll man sich an den Sekretär wenden, wenn man den Chef sprechen will, so wie die Christen das tun?“
Interkulturelle und interreligiöse Ideale
Der Roman könnte den Titel interkultureller und interreligiöser Bildungsroman verdienen, wenn dieser Begriff nicht so schwer und mühselig klänge. In der Tat kann man einiges aus diesem Buch über Religion, persische Geschichte, Politik und Kochen lernen, ohne dass auch nur einmal das gehobene Unterhaltungsniveau ins Schwanken geräte. Es handelt sich um eine exzellente Gesellschaftskomödie mit kathartischer Wirkung auf denjenigen Leser, der sich auf diese satirisch zugespitzte, schwungvolle und empfindsame Liebesgeschichte einlässt.
Anthony McCarten: Englischer Harem. Aus dem Englischen von Gabriele Kempf-Allié. Diogenes Verlag 2009. Broschur, 592 Seiten. Euro 11,90.
Gebunden: Diogenes Verlag 2008. 592 Seiten. Euro 21,90.
Hörbuch: Gekürzte Fassung. Gelesen von Rufus Beck. Diogenes Verlag 2008. 10 CDs, Spieldauer 726 Minuten. Euro 24,90.
