Anti-Lesetipps für Weihnachten – klasse Romane trist und schwer

Der Ministerpräsident - Politsatire aus dem Ländle - Kloepfer & Meyer Verlag
Der Ministerpräsident - Politsatire aus dem Ländle - Kloepfer & Meyer Verlag
Was bleibt aus dem deutschsprachigen Bücherjahrgang 2010? Welche der gefeierten "besten" Romane eignen sich NICHT als Weihnachtsgeschenk? Eine Anti-Liste.

Wenn die Buchmessen vorbei sind, die großen Literaturpreise vergeben wurden, die Aufregung um Neuerscheinungen und neue Stars am Bücherhimmel abgeklungen ist, wenn die Tage kürzer, die kuscheligen Sofaabende häufiger werden, kurz: im Winterhalbjahr – dann schlägt die Stunde der Leseratten und Bücherfreunde. Endlich Zeit für gute Literatur! Manchmal stellt sich aber ein Gefühl der Ernüchterung ein, wenn die preisgekrönten und hochgelobten Bücher, die alle ganz toll und stilistisch innovativ sein mögen, aber doch, seien wir ehrlich, den Durchschnittsleser – mag dieser durchaus intelligent, interessiert und aufnahmebereit sein – total langweilen, ja, was dann?

Welcher Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises ist wirklich empfehlenswert?

Man folge dem Beispiel belesener Buchhändler. Wie ein Blitzumfrage ergab, hat jeder von ihnen eine eigene Meinung, welches das "beste" deutschsprachige Buch des Jahres ist, die sich keineswegs mit der Jurymeinung für den Deutschen Buchpreis decken muss. Das können selbstbewusste Leserinnen und Leser auch! Basteln wir uns doch aus dem vorhandenen Fundus, zum Beispiel aus den 20 Titeln der Longlist des Deutschen Buchpreises, unsere eigene alternative Literatur-Bestenliste unter ganz persönlichen, subjektiven Gesichtspunkten.

Beste Romane für kluge Leseratten sind witzig, klug, unterhaltsam

Zunächst braucht man eigene Kriterien, zum Beispiel: Das erwählte Buch sollte klug, witzig, unterhaltsam sein und als Weihnachtsgeschenk für Mann, Frau, Freundin, Mutter, Tante, Onkel geeignet sein.

Die Shortlist-Titel des Deutschen Buchpreises

Unter diesen Aspekten dünnt sich die Buchpreis-Liste recht schnell aus, nur wenige Bücher erfüllen alle diese Kriterien. Gehen wir nach dem Ausschlussverfahren vor und schmeißen alles raus, was sich NICHT eignet. Zuerst lassen wir fünf der sechs Titel der Shortlist, darunter den vielbesprochenen Siegertitel von Melinda Nadj Abonji "Tauben fliegen auf", respektlos beiseite. Denn auch die Romane von Jan Faktor, Judith Zander, Peter Wawerzinek und Thomas Lehr wurden zwar sehr gelobt, bedeuten aber für den Leser konzentrierte Schwerstarbeit.

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter

Der Sehnsuchtsroman "Juja" der aus Georgien stammenden Regisseurin und Autorin Nino Haratischwill ist in einer sehr poetischen Sprache geschrieben, ohne Zweifel ist die 27jährige talentiert und man wird von ihr noch hören, aber das Buch ist einfach zu ernst für unsere Auswahl. Dasselbe gilt für das thematisch großartige Buch "Die Liebe der Väter" von Thomas Hettche. Allerdings wächst einem der Ich-Erzähler, ein überforderter Vater, der seit Jahren um eine Beteiligung am Sorgerecht für seine nicht-ehelich geborene Tochter kämpft und einen ziemlich anstrengenden Weihnachtsurlaub mit der 13jährigen auf Sylt verbringt, nicht wirklich ans Herz.

Ernste Romanthemen von Michael Kleeberg, Nicol Ljubic, Andreas Schäfer

Einem gesellschaftlich aktuellen Thema widmet sich auch Michael Kleeberg mit dem Roman "Das amerikanische Hospital". Patrick Bahners hat dazu in seiner klugen Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die passende Frage gestellt: "Darf man die Schrecken des Krieges und die Leiden einer unfruchtbaren Frau in Beziehung setzen?" Sicher darf man, aber möchten wir das wirklich lesen? Kurz: Es fehlt der Witz, ohne den wir nicht in den winterlichen Leseurlaub gehen möchten! Um Krieg, Schuld, Sühne und moralische Fragen geht es auch Nicol Ljubic im Roman "Meeresstille". Poetisch, aber grausam. Was Andreas Schäfer in seinem berührenden Roman "Wir vier" bewegt, verrät schon der Untertitel: "Vater, Mutter, Kind und Tod", es handelt sich um die Aufarbeitung eines Traumas, den Mord an einem Kind.

Nicht jedermanns Humor - Andreas Maier

Dass der Frankfurter Schriftsteller Andreas Maier, der hochgelobte Träger des Wilhelm-Raabe-Preises 2010, mit seinem Roman "Das Zimmer" einen wunderbaren, vielleicht genialen Roman unserer Tage hervorbrachte, muss wohl nicht diskutiert werden. Er bekam dafür den Robert-Gernhardt-Preis. Fans sollten sich das Buch also schnellstmöglich besorgen. Alle anderen, die noch nie etwas von Andreas Maier gelesen haben, sind gut beraten, vorne anzufangen, das heißt, sich in Maiers Sprache und Geschichten hineinzulesen. Der Roman "Das Zimmer" steht in einer Reihe unter dem Motto des vorherigen Bandes "Onkel J - Heimatkunde". Lesen Sie zuerst dieses Buch, denn: "Alles gehört zusammen, und für alles ist das Kolumnenbuch der Kern", sagt Andreas Maier. Aus diesem Grund sollte man eher vorsichtig sein, diesen Roman zu verschenken.

Politsatire Joachim Zelter: Der Ministerpräsident

Joachim Zelters bitterböse Polit-Satire über einen schwäbischen Ministerpräsidenten, der wichtige Teile seines Gedächtnisses verliert und plötzlich kindlich-naive Fragen stellt, erschreckt den Leser mehr, als dass er ihn erheitert. Man hatte immer schon befürchtet, dass das politische Geschäft von Zynismus und dummdreisten Tricks geprägt ist. Wozu braucht man eine Ehfrau, was ist ein Sonntag, welche Partei ist gut – einfache und vermeintlich harmlose Fragen wie diese sind für die Berater und Betreuer des Spitzenpolitikers, der kurz vor einem wichtigen Wahlkampf verunglückt ist, kaum zu beantworten. Der Mann im Krankenbett, der unter anderem eine Rede halten soll, um die Bürger zu beruhigen, aber plötzlich kein Schwäbisch mehr schwätzen kann, wird umfassend instrumentalisiert und versucht sich gegen ein marionettenhaftes Dasein aufzulehnen. Klug, unterhaltsam, sprachlich brillant, aber kein Gute-Laune-Buch, dafür ist es zu nah an der Realität. Erschreckend nah.

Für Literatur-Profis: Martin Mosebach und Hans Joachim Schädlich

Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Roman von Martin Mosebach, des anderen bedeutenden Frankfurter Vertreters der deutschen Gegenwartsliteratur – eher etwas für Mosebach-Insider. Der Liebesroman "Was davor geschah" ist einfach außer Konkurrenz gut – aber nicht ganz leichte Kost. Der dritte große Schriftsteller, dessen Buch "Kokoschkins Reise" mit Leichtigkeit den Weg auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis fand, ist Hans Joachim Schädlich, fast ein schon ein "Grand Old Man" der deutschen Gegenwartsliteratur. Schädlich schreibt ganz wunderbar poetisch und klug, aber witzig, unterhaltsam? Eher nein.

Die witzigsten und unterhaltsamsten Romane des Jahres

Sechs Romane von 20 Longlist-Titeln 2010 bleiben übrig. Und diese sind garantiert witzig, klug, unterhaltsam und als Weihnachtsgeschenk für literarisch Interessierte geeignet, ebenso für Faulenzer, die den Sonntag, Feiertag oder Winterferientag lieber auf dem Sofa, im Liegestuhl des Sauna-Ruheraums oder am Kaminfeuer der Skihütte verbringen:

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Kiepenheuer & Witsch 2010. Gebunden. 320 Seiten. 18,95 Euro

Michael Köhlmeier: Madalyn. Carl Hanser Verlag. Gebunden. 176 Seiten. 17,90 Euro

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin. DuMont Buchverlag. Gebunden. 208 Seiten. 18,95 Euro

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Antje Kunstmann Verlag 2010. Gebunden. 288 Seiten. 19,90 Euro

Olga Martynova: Sogar Papageien überleben uns. Droschl Verlag 2010. Gebunden. 208 Seiten. 19 Euro

Doron Rabinovici: Andernorts. Suhrkamp Verlag 2010. Gebunden. 285 Seiten. 19,90 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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