
- Cover Näf, Antike Geschichtsschreibung - Kohlhammer
Der Züricher Althistoriker Beat Näf bietet eine gelungene Einführung in die antike Geschichtsschreibung. Im Unterschied zu älteren Standardwerken geht er nicht strikt chronologisch vor oder arbeitet sich an einem Kanon der großen Namen ab. Vielmehr widmen sich die Kapitel thematischen und methodischen Problemkomplexen, die ebenso gut ein historiographiegeschichtliches Werk über die moderne Geschichtsschreibung aufgreifen würde. Auf diese Weise erfährt man etwas über die Formen der Geschichtsschreibung, die literarische Form der Darstellung, die Quellennutzung, die Forschungspraxis, Konzepte und Theorien, erkenntnisleitende Interessen sowie die Geschichtsphilosophie antiker Historiker von der griechischen Polis bis zum Untergang Westroms. Die problemorientierte Gliederung erlaubt es dem Leser, immer wieder Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der antiken und der modernen Geschichtsschreibung zu erkennen.
Geschichtsschreibung als Teil der Rhetorik
Die Entstehung der Geschichtsschreibung als literarische Gattung verortet Näf in der griechischen Polis und verknüpft sie mit dem Namen Herodots. Das Themenspektrum der antiken Historiker beschränkte sich im Wesentlichen auf Politik, Kriegsführung und Ethnographie. Diese Einschränkung erklärt sich nicht zuletzt aus der gesellschaftlichen Funktion von Geschichte. Sie diente neben der Erbauung als Erfahrungsspeicher und Argumentationshilfe für Politiker und wurde von den Zeitgenossen der Rhetorik zugeordnet. Daher lässt sich in vielen Werken, insbesondere in Biographien und Tatenberichten, eine moralisierende Tendenz feststellen. Implizit oder explizit wurde die Gegenwart in Beziehung zur Vergangenheit gesetzt, um aktuelles politisches Handeln zu orientieren und zu legitimieren. Diese unmittelbare Funktion der Politikberatung will die moderne Geschichtswissenschaft nicht mehr erfüllen. Tatsächlich gehört aber die Verquickung von Geschichte und Politik nach wie vor zum Alltag, wenn man an die unzähligen (und häufig unsäglichen) historischen Bezüge in Politikerreden denkt.
Christliche Geschichtsschreibung in der Spätantike
Einen Wendepunkt in der antiken Geschichtsschreibung erkennt Näf mit dem Siegeszug des Christentums. Die Geschichtsphilosophie wurde seit dem Ende des 3. Jahrhunderts ganz auf die Heilsgeschichte ausgerichtet. Während Augustinus die innerweltliche Geschichte noch von der Heilsgeschichte unterschied, wurde ihre Verquickung seit Euseb von Caeserea zum Standard, der bis ins Zeitalter von Humanismus und Renaissance unhinterfragt blieb. Näf dramatisiert den Qualitätsverfall der Geschichtsschreibung in der Spätantike weniger als andere Historiker. Die Werke vorchristlicher Historiker wurden weiterhin genutzt. Allerdings wurde die Quellenkritik nun völlig vom religiösen Deutungsbedürfnis überlagert.
Differenzen und Gemeinsamkeiten mit der modernen Geschichtsschreibung
Die Einbindung in die Rhetorik stellte nach Näf eines der Hemmnisse für eine Verwissenschaftlichung der Geschichte dar. Zwar bemühten sich auch antike Historiker um eine Nutzung von Originalquellen und erarbeiteten Forschungsstände, indem sie die Werke ihrer Vorgänger bewerteten. Der Quellenkritik maßen sie allerdings eine geringere Bedeutung bei als der literarischen Darstellungsform. Der Anspruch an Faktentreue und Unparteilichkeit wurde zudem durch die eingeschränkte Verfügbarkeit über Quellen und die politischen Abhängigkeitsverhältnisse getrübt. Bezeichnenderweise verloren die Werke antiker Historiker mit der Verwissenschaftlichung der Geschichte seit dem 18. Jahrhundert ihre Autorität und wurden fortan nur noch als Quellen genutzt. Eine Parallele zur modernen Geschichtsschreibung erkennt Näf in der Reflexion über Gegenstandsbereich und Methoden der Disziplin. (S.228) Wenig überzeugend ist dagegen, den Umgang antiker Historiker mit Mythen und metaphysischen Kräften mit der Anwendung theoretischer Modelle durch moderne Historiker gleichzusetzen. Das zeugt nicht gerade von einer profunden Kenntnis der Arbeitsweise der historischen Sozialwissenschaft.
Beat Näf, Antike Geschichtsschreibung. Form - Leistung - Wirkung. Stuttgart: Kohlhammer 2010. ISBN 9783170213579
