Antikommunismus in der Schweiz

Nicht nur in den USA war der Antikommunismus ausgeprägt. Auch die schweizerische Politik war geprägt durch Haltungen, die klar gegen "Links" gerichtet waren

Spätestens nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei und der Berlinblockade (1948) zeigte es sich, dass von einer Dominanz liberaler Ideen, Demokratie und freier Marktwirtschaft nicht die Rede sein konnte. Vielmehr entwickelte sich unter der Ägide der Sowjetunion eine Fülle totalitärer Staaten mit Planwirtschaft und dem Anspruch auf eine kommunistische Weltherrschaft, was durch den brutalen Einsatz sowjetischer Truppen nach dem Juniaufstand 1953 in der DDR noch unterstrichen wurde. Es zeigte sich, dass der sowjetische Machtapparat demjenigen im Nationalsozialismus in keiner Weise nachstand.

McCarthyismus

So erstaunt es nicht, dass unter der Federführung von Senator Joseph McCarthy kurz nach dem Krieg in den USA eine eigentliche Kampagne gegen etwaige subversive Strömungen, die in den Augen konservativer Bürger einen schädlichen Einfluss auf den Staat haben sollten, stattfand. Zwischen 1948 und 1956 wurde durch das FBI ein eigentliches Prüfprogramm durchgeführt, das radikale Organisationen und Personen zurück binden sollte, teilweise unter grober Verletzung der Grundrechte. Dieser McCarthyismus wurde auch hierzulande spürbar, indem nicht nur in vornehmlich rechtsbürgerlichen, sondern auch weit in sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Kreisen die Einstellung und die Vorstellung vorherrschten, dass von einzelnen Exponenten und Organisationen eine kommunistische Gefahr ausgehe, die meist gleichgesetzt wurde mit Staatszersetzung.

Antikommunismus

Dabei ist dieser Begriff „Antikommunismus“ nicht gleichzusetzen mit einer entsprechenden Ideologie, wie sie durch den Begriff „Kommunismus“ besetzt ist. Es ging bei dieser Vorstellung nicht nur um die Gefährdung des Staats, sondern auch um die gesellschaftlichen Werte wie Familie, Privateigentum, Religion und Patriotismus. Gegen einzelne Exponenten – vorab Mitglieder der Partei der Arbeit (PdA) – setzte ein eigentliches Kesseltreiben ein. Innerhalb der Gewerkschaften blieben diese von Funktionen ausgeschlossen oder wurden gar kriminalisiert. Diese irrationale und diffuse Angst vor dem Osten machten sich nicht nur die Staatsschützer zunutze, sondern dienten auch der Armeeführung, indem von einer Invasion von Seiten der Sowjetunion oder der gelben Gefahr die Rede war.

Eine neue Flugzeugidee

Auf diesem Hintergrund ist denn auch der Entwicklungsauftrag für ein neues Kampfflugzeug, die P-16, an die Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA) zu sehen. Allerdings wurde dieser Auftrag nach zwei fatalen Abstürzen gestoppt bzw. eingestellt. Beschafft wurden in der Folge 100 Hunter Hawks aus Großbritannien. Die folgende Mirage IIIS – Beschaffung weitete sich allerdings zu einem Skandal aus, weil nicht die günstige Original-, sondern eine Spezialversion, die auch mit Atomwaffen hätte bestückt werden können, in Auftrag gegeben wurde, sodass sich der Stückpreis mehr als verdoppelte, statt 100 nur 57 Stück besorgt wurden. In der Folge musste Bundesrat Paul Chaudet zurücktreten, und Generalstabschef Jakob Annasohn, der eine von Atomwaffen gestützte angriffsweise Verteidigung verfochten hatte, zog ebenfalls die Konsequenzen.

Der Fall Konrad Farner

Besonders hart traf diese antikommunistische Stimmung den Kunsthistoriker Konrad Farner. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ungarn, die bezüglich der Flüchtlingsfrage eine geradezu herzliche Haltung evozierten, wurde dieser antikommunistische Reflex pervertiert. Hetzartikel von Redaktor Ernst Bieri in der „Neuen Zürcher Zeitung“, initiiert am 13. November 1956, worin auch die Privatadresse in Thalwil gezielt veröffentlicht wurde, bewirkte eine maßlose Ausgrenzung der ganzen Familie. Eine Tafel gegenüber dem Wohnhaus verkündete: „NICHT VERGESSEN! In dieser Straße wohnt ein Dr. Konrad FARNER, der die kommunistische Tyrannei in der Schweiz errichten will. Er und wer mit ihm verkehrt, sei von allen Freiheitsliebenden verachtet. Aktion «FREI SEIN»“. Die Kinder wurden bespuckt und mit Steinen beworfen, die Familie in den Geschäften und vom Zahnarzt nicht mehr bedient und Besucherautos beschädigt. Auch ein Auszug und die Verlegung des Wohnsitzes nach Ascona brachten keine Besserung, vielmehr wurden an Mauern plakatmäßige Steckbriefe mit Foto angeschlagen. Erst der Austritt aus der PdA am 1. Oktober 1969 setzte der ganzen Pogromstimmung ein Ende.

Willkommene Flüchtlinge

Demgegenüber fanden die Flüchtlinge aus Ungarn und 1968 nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die fünf Warschaupaktstaaten Sowjetunion, Bulgarien, DDR, Polen und Ungarn aus der Tschechoslowakei zu Tausenden eine herzliche Aufnahme. Einerseits ist diese Tatsache dem Antikommunismus-Reflex, andererseits auch dem schlechten Gewissen wegen der Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs zu verdanken. Mit der Niederschlagung des Ungarnaufstands Anfang November 1956 wurde eine beispiellose Flüchtlingswelle ausgelöst. Innerhalb weniger Wochen flüchteten über 200.000 Menschen Richtung Wien. Etwa 13.000 fanden bei der Weiterreise über Buchs Aufnahme in der Schweiz, wo die meisten nicht nur Bleibe, sondern auch Auskommen fanden, wurden doch Arbeitsbewilligungen ohne weiteres erteilt. Nicht alle dieser Flüchtlinge waren aber politisch Verfolgte. Dasselbe gilt für circa 12.000 Flüchtlinge 1968 nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in der Tschechoslowakei. Bei beiden Ereignissen war die – antikommunistische – Resonanz enorm. In Bern kam es am 5. November 1956 bei einer Großdemonstration gegen die sowjetische Botschaft zu Ausschreitungen. Dabei gelangten auch Molotow-Cocktails zum Einsatz, deren Bastelanleitungen offiziell durch den Unteroffiziersverband, zusammen mit Panzerabwehrkursen, publik gemacht in der Schweizer Filmwochenschau, propagiert wurden. Desgleichen wurde am 21. August 1968 der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion gefordert. Zahlreiche Intellektuelle und Schriftsteller, u.a. Friedrich Dürrenmatt in einer eindrücklichen Rede am Theater Basel, stellten einen einmaligen welthistorischen Kontext zu den Ereignissen her.

Zivilverteidigung

Aber auch innenpolitisch blieben die Ereignisse nicht ohne Echo, allerdings nicht alle ganz unumstritten, wie das Verteilen des Zivilverteidigungsbuches an alle Haushaltungen im Oktober 1969 zeigte. Darin werden nicht nur die Maximen der Geistigen Landesverteidigung von vor dem Zweiten Weltkrieg extensiv wieder aufgenommen, sondern auch ergänzt durch die intensiven Warnungen vor dem Kommunistenschreck.

Ein anderes Vorkommnis, das auf diesen Antikommunismus zurückzuführen ist, ereignete sich 1959 mit den Bundesratswahlen. Die Sozialdemokraten hatten ihren Parteipräsidenten Walther Bringolf, langjähriger Nationalrat und Stadtpräsident von Schaffhausen, als Kandidaten aufgestellt. Doch das Parlament goutierte die frühere Zugehörigkeit Bringolfs zur KPS nicht und zog den Basler Hanspeter Tschudi vor. Dies obwohl Bringolf bereits 1930 dem Kommunismus abgeschworen hatte, nachdem er von Stalin wegen der Kritik am Stalinismus nach Moskau zitiert worden war.

Bruno Weder, Donat Bräm

Bruno Weder - Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Schreiben. Bereits während des Studiums (Germanistik, Geschichte, ...

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