Antiliberalismus und Antisemitismus

Hermann Wagener und die preußischen Sozialkonservativen

Cover Albrecht, Antiliberalismus u. Antisemitismus - Schöningh
Cover Albrecht, Antiliberalismus u. Antisemitismus - Schöningh
Rezension zu: Henning Albrecht, Antiliberalismus und Antisemitismus. Hermann Wagener und die preußischen Sozialkonservativen 1855- 1873, Paderborn 2010.

In Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Antisemitismus wird die Zeit zwischen der Revolution 1848/49 und der Reichsgründung 1870/71 kaum behandelt. Während judenfeindliche Ausschreitungen vor 1849 noch einem vormodernen Muster zugeordnet werden, sei der moderne Antisemitismus ein postemanzipatorisches Phänomen. Dementsprechend wird seine Entstehung von den meisten Historikern auf das frühe Kaiserreich datiert und mit Ereignissen wie der „Großen Depression“ 1873 und dem Berliner Antisemitismusstreit 1879 in Verbindung gebracht. Auch wird der Antisemitismus in der Regel als eine neue und eigenständige politische Bewegung geschildert. Bei den preußischen Konservativen habe es zwar seit langem schon judenfeindliche Haltungen gegeben, gegenüber dem modernen Antisemitismus hätten sie sich aber erst mit dem Tivoli- Programm 1892 geöffnet.

Antiliberalismus und moderner Antisemitismus vor 1870

Henning Albrechts umfangreiche Studie über Hermann Wagener (1815- 1889) und die preußischen Sozialkonservativen zeichnet ein anderes Bild von der Entstehung des modernen Antisemitismus und der Rolle der Konservativen. Der Beginn der „liberalen Ära“ 1858 zwang die preußischen Konservativen zu einer organisatorischen und politischen Neuorientierung. In Reaktion auf schmerzliche Wahlniederlagen und die Herausforderungen der rapiden Industrialisierung formierte sich um den Journalisten Hermann Wagener ein Zirkel, der eine ideologische Erneuerung des Konservatismus anstrebte. Ziel war es, durch das Aufgreifen der „sozialen Frage“ Grundbesitzer, Handwerker und Arbeiter, die sich durch die Ausbreitung des modernen Industrie- und Finanzkapitalismus bedroht fühlten, zu mobilisieren. Dabei verbanden die Sozialkonservativen ihren Antiliberalismus mit einem rabiaten Antisemitismus, der alles Moderne, Liberale und Kapitalistische als „jüdisch“ denunzierte. Der Liberalismus sei das Werkzeug zur Errichtung einer „Judenherrschaft“. Auf der Grundlage sowohl der sozialgeschichtlichen Kriterien von Hans Rosenberg und Reinhard Rürup als auch der diskursanalytischen Kriterien von Klaus Holz und Thomas Haury weist Albrecht nach, dass die judenfeindliche Agitation der Sozialkonservativen bereits alle Kennzeichen des modernen Antisemitismus aufwies.

Personen, Organisationen und Medien der sozialkonservativen Bewegung

Der Untertitel des Buches lässt zunächst befürchten, dass es sich um eine Biographie des Politikers Hermann Wagener handelt, doch Albrechts Studie ist wesentlich breiter angelegt. Der Autor liefert eine detaillierte Analyse des personellen, organisatorischen und medialen Geflechts der sozialkonservativen Bewegung vom Beginn der „liberalen Ära“ bis ins frühe Kaiserreich. Neben Wagener werden auch andere Politiker und Journalisten vorgestellt, die sich führend an der antisemitischen Propagandakampagne der Sozialkonservativen beteiligten, von der Antisemitismusforschung (wie die Sozialkonservativen insgesamt) allerdings bislang kaum beachtet worden sind. Dazu zählen vor allem der ehemalige Linkshegelianer Bruno Bauer (1809- 1882), der schon in den 1860er Jahren einen hemmungslosen Rassenantisemitismus propagierte, Hermann Goedsche (1815- 1878), der mit seinem Roman Biarritz den Urtext der Protokolle der Weisen von Zion verfasste und Rudolf Meyer (1839- 1899), der zur Zeit der „Gründerkrise“ mit antisemitischen Schriften gegen Bismarck und die Liberalen Stimmung machte. Organisatorisch bemühte sich der Zirkel um Wagener, mit dem Preußischen Volksverein eine Basisorganisation für die geschwächte Konservative Partei zu schaffen. Vorübergehend gelang es, die gewerbekonservativen Handwerker für den Volksverein zu gewinnen. Eine größere Breitenwirkung erzielten die Sozialkonservativen über eine breite Medienpalette, die auf unterschiedliche Zielgruppen abgestimmt war. Das Wochenblatt Berliner Revue (1855-73) und das Staats- und Gesellschaftslexikon (23 Bde., 1859-67) richteten sich an ein gebildetes Publikum und dienten vorwiegend der ideologischen Vergemeinschaftung der Sozialkonservativen. Währenddessen sollten das Preußische Volksblatt (1859-63), die Satirezeitschrift Der kleine Reaktionär (1862-64) und der Kalender des Preußischen Volksvereins (1862-73) sozialkonservatives Gedankengut einem breiteren klein- und unterbürgerlichen Publikum vermitteln. Gemeinsam war allen Publikationen, dass sie, mit kleineren Unterbrechungen während der Einigungskriege, einen radikalen Antisemitismus propagierten, der eindeutig instrumentellen Charakter hatte, indem er den Liberalismus diskreditieren sollte. Seit den 1860er Jahren gehörten auch bereits rassistische Elemente zu dieser Propagandakampagne.

Fehleinschätzungen und Widersprüchlichkeiten

Leider unterlaufen Albrecht in einigen wichtigen Bereichen von Antisemitismusforschung und deutsch- jüdischer Geschichte ärgerliche Fehleinschätzungen und Widersprüchlichkeiten. Man kann nicht ernsthaft behaupten, die Juden seien noch im 19. Jahrhundert eine religiöse Gruppe gewesen, die sich „als unter anderen als den staatlichen Gesetzen versteht“. (S. 105) Ebenso unsinnig ist die Behauptung, die „strikten Assimilationsforderungen“ der Liberalen seinen auf „eine Zerstörung des Judentums“ hinausgelaufen. (S. 104) Die erwartete Assimilation war von der Mehrheit der Juden selbst gewollt, wie ihre Weggemeinschaft mit dem Liberalismus sowie die Bemühungen um religiöse Reform, weltliche Bildung und Verbürgerlichung zeigen. Das kann man nicht als „Zerstörung“ diffamieren. Des Weiteren behauptet Albrecht unter Berufung auf Michael Jeismann und Klaus Holz einen notwendigen Zusammenhang zwischen Nationalismus und Antisemitismus (S. 127), der jedoch in der „liberalen Ära“ nicht gegeben war. Die Sozialkonservativen nutzten den Antisemitismus unter anderem zur Diffamierung der liberalen Nationalbewegung. (S. 127, 332, 381) Ein Mako von Albrechts Studie ist, dass sie außer Mitglieder- und Auflagenzahlen keine Indizien liefert, um Erfolg und Breitenwirkung der antisemitischen Kampagne der Sozialkonservativen einzuschätzen. Überzeugend nachgewiesen werden dagegen die personellen und ideologischen Kontinuitäten zwischen Wageners Sozialkonservativen und der frühen antisemitischen Bewegung der 1870er Jahre.

Fazit

Die Stimmigkeit der Hauptthesen von Hennig Albrechts Studie bleibt von den genannten Schwächen zum Glück ungetrübt. Der Autor untermauert auf der Grundlage eines breiten Quellenmaterials, dass man die Entstehung des modernen Antisemitismus nicht sinnvoll an konkreten Jahreszahlen, Ereignissen oder gar der Erfindung des Begriffs festmachen kann. In der Tat erfüllte bereits die Agitation der Sozialkonservativen alle Kriterien eines modernen Antisemitismus. Seine volle Breitenwirkung entfaltete er jedoch erst im frühen Kaiserreich im Gefolge der „Großen Depression“ und der Krise des Liberalismus. Besonders erhellend ist auch die unrühmliche Vorreiterrolle der preußischen Konservativen. Während die ältere Forschung nur auf ihre traditionelle Judenfeindschaft entlang der Theorie vom „christlichen Staat“ verwiesen hat, klammern neuere Forschungen gar die alte (d.h. reaktionäre) Rechte ganz aus und ordnen den Antisemitismus ausschließlich der modernen (d.h. totalitären) Rechten des 20. Jahrhunderts zu. Beide Thesen sind nach Albrechts Studie unhaltbar geworden.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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