
- Plakat des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten - http://www.germanjewishsoldiers.com/leaflet.php
Die Zunahme von Radikalität und Verbreitungsgrad des Antisemitismus in Deutschland Anfang der 1920er Jahre wird gemeinhin als Reaktion auf die unverstandene Weltkriegsniederlage gedeutet. Doch wie die antisemitische Propagandawelle und die “Judenzählung” von 1916 zeigen, begann die Suche nach Sündenböcken bereits im Weltkrieg selbst.
Der Weltkrieg als Motor der Integration?
Zunächst schien der Weltkrieg den Juden die Chance zu bieten, die letzten Barrieren, die einer vollen Integration in die deutsche Gesellschaft entgegenstanden, zu überwinden. Karrieren in Bürokratie und Militär wurden Juden nun nicht länger verwehrt. Jüdische Wirtschaftsführer wie Walther Rathenau, Albert Ballin und Max Warburg nahmen wichtige Positionen in der Kriegswirtschaft ein. Viele Kriegsgesellschaften für Einkauf und Verteilung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln wurden von Juden organisiert und geleitet. Die Bestimmungen zur Beförderung in den Offiziersrang wurden gelockert, so dass zwischen 1914 und 1917 ca. 1.400 jüdische Offiziere ernannt wurden. Auch die außenpolitische Lage schien für die Juden zunächst günstig zu sein. In Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen warb die Reichsleitung um die Sympathien der Juden im russischen Machtbereich und in den neutralen Staaten. Der Antisemitismus wurde zu Kriegsbeginn von der deutschen Führung als störende politische Regung eingestuft. Die antisemitische Presse wurde der Zensur unterworfen und mäßigte zunächst ihren Ton.
Die antisemitische Propaganda und das Ende des Burgfriedens
Augusterlebnis und Burgfriede - ohnehin eher Propagandamythen als gesellschaftliche Realität - hielten nicht lange vor. An der Westfront war die Hoffnung auf einen schnellen Sieg der Ernüchterung des Stellungs- und Abnutzungskrieges gewichen. Währenddessen verschlechterte sich die Versorgungslage in der Heimat aufgrund der englischen Seeblockade erheblich.
Auf der rechten Seite des politischen Spektrums begann man sehr früh, die sich abzeichnende Kriegsmisere durch innenpolitischen Verrat zu erklären. So erzielten die von Reichshammerbund und Alldeutschem Verband 1916 lancierten antisemitischen Kampagnen ungeahnte Erfolge. Im Zentrum der Agitation standen zwei Propagandamythen: 1. Die Juden würden sich vor dem Dienst an der Front drücken und sich stattdessen in den von ihnen dominierten Kriegsgesellschaften hemmungslos bereichern. 2. Aus den eroberten polnischen Gebieten strömten massenhaft Ostjuden ins Reich, die durch rassische Bastardisierung und revolutionäre Umtriebe Wehrhaftigkeit und Moral der Deutschen untergruben. Die fatale Reichweite dieser Vorwürfe wird daran deutlich, dass entsprechende parlamentarische Anfragen nicht nur von antisemitischen Abgeordneten gestellt wurden, sondern auch von dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der später Finanzminister der Weimarer Republik werden sollte.
Antisemitismus im Offizierskorps
Antisemitische Kampagnen im Rahmen der Kriegspropaganda waren keine deutsche Besonderheit; es gab sie auch auf Seiten der Entente- Mächte. Doch nur im Deutschen Reich richtete sich die Gegnerschaft auf die eigenen jüdischen Kriegsteilnehmer. Dies lässt sich auf den traditionellen Antisemitismus im Offizierskorps zurückführen, das sich vor allem in Preußen bis 1914 systematisch „judenrein“ gehalten hatte. Der Bruch mit diesem Prinzip zu Kriegsbeginn und die Ernennung jüdischer Offiziere hatten zu einer Welle judenfeindlicher Verleumdungen und Beschwerden geführt, die von Kriegspropagandisten und antisemitischen Agitatoren an der Heimatfront begehrlich aufgegriffen wurden.
Die Durchführung der “Judenzählung”
Schwerwiegender als der um sich greifende Antisemitismus in Offizierskorps und Kriegspropaganda war, dass die politische und militärische Führung des Reiches die Solidarität mit den jüdischen Frontsoldaten aufkündigte und auf der Antisemitismuswelle mitschwamm. Im Oktober 1916 ordnete Kriegsminister Wild von Hohenborn eine „Judenzählung“ im Heer an. Zwar wurde als offizielles Ziel die Entkräftung antisemitischer Vorwürfe angegeben. Faktisch erreichte man aber das genaue Gegenteil, zumal die Erhebung dilettantisch durchgeführt und das Ergebnis nie veröffentlicht wurde. Antisemitische Offiziere hatten jüdische Soldaten von der Front in die Etappe versetzt, um bei der Zählung das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Der scharfe Protest der linken Reichstagsmehrheit und neue Durchführungsbestimmungen vom November 1916 änderten nichts mehr daran, dass der Vorwurf der „jüdischen Drückebergerei“ seine Weihen von höchster Stelle erhalten hatte und im Raum stehen blieb.
“Ostjudenfrage”
Dass die Reichsleitung geneigt war, den antisemitischen Propagandamythen nachzugeben, erklärt sich auch aus der Zuspitzung der außen- und innenpolitischen Gesamtsituation in den letzten Kriegsjahren. Der Kriegseintritt der USA im April 1917 und der Frieden von Brest- Litovsk im März 1918 hatten jegliche aus kriegstaktischen Erwägungen geübte Rücksichtnahmen gegenüber Juden obsolet werden lassen. Im Inneren verschärften der Sturz des gemäßigten Reichskanzlers Bethmann- Hollweg und die Ernennung der Hardliner Hindenburg und Ludendorff zur Obersten Heeresleitung die Lage. Von der politischen und militärischen Führung hatten die Juden keinerlei Schutz mehr zu erwarten. So gab die Reichsleitung auch der Kampagne gegen die Ostjuden schließlich nach. Im April 1918 verhängte sie die geforderte Grenzsperre und schob viele ostjüdische Gast- und Zwangsarbeiter unter dem Vorwand der Seuchenprävention ab. Die “Ostjudenfrage” hatte sich spätestens seit der russischen Oktoberrevolution mit einem politischen Verschwörungsmythos verbunden. Die seit dem Fehlschlag der Juli- Offensive und dem Zusammenbruch der Heimatfront auch in Deutschland drohenden revolutionären Verhältnisse schob man den Machenschaften “jüdischer Bolschewisten” in die Schuhe.
Nachwirkungen
Unter den Bedingungen der weiteren Radikalisierung von Nationalismus und Antisemitismus in der frühen Weimarer Republik setzten sich die Auseinandersetzungen um die “Judenzählung” in einem Krieg der Zahlen zwischen antisemitischen und jüdischen Verbänden fort. 1920 trat zum Beispiel der Vorsitzende des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Alfred Roth mit antisemitischen Hetzschriften über die Juden im Heer und in den Kriegsgesellschaften an die Öffentlichkeit. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus und der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die bereits seit 1914 die jüdische Kriegsbeteiligung dokumentiert hatten, veröffentlichten Gegendarstellungen. Relativ erfolgreich war der 1919 gegründete Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, dessen Einsatz gegen die Vorwürfe von Drückebergerei und Kriegsgewinnlertum auch in konservativen Kreisen Anerkennung fand. Bezeichnenderweise wurde er erst 1938 von den Nationalsozialisten aufgelöst.
Insgesamt hat die „Judenzählung“ jedoch einen Trend zur Entsolidarisierung gegenüber den jüdischen Mitbürgern ausgelöst und weiteren antisemitischen Verschwörungsmythen wie der Dochstoßlegende und den Protokollen der Weisen von Zion den Boden bereitet.
Literatur
Angress, Werner T., The German Army's "Judenzählung" of 1916, in: LBIYB 23 (1978), S. 117-137.
Berding, Helmut, Der Aufstieg des Antisemitismus im Ersten Weltkrieg, in: Wolfgang Benz/ Werner Bergmann (Hg.), Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des Antisemitismus, Freiburg 1997, S. 286-303.
Jochmann, Werner, Die Ausbreitung des Antisemitismus, in: Werner E. Mosse (Hg.), Deutsches Judentum in Krieg und Revolution 1916- 1923, Tübingen 1971, S. 409-510.
Maurer, Trude, Medizinalpolizei und Antisemitismus. Die deutsche Politik der Grenzsperre gegen Ostjuden im Ersten Weltkrieg, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 30 (1985), S. 205-230.
Rosenthal, Jacob, "Die Ehre des jüdischen Soldaten". Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen, Frankfurt a.M. 2007.
