Antisemitismus in der Antike

Cover Herholt, Antisemitismus in der Antike - Computus
Cover Herholt, Antisemitismus in der Antike - Computus
Rezension zu Volker Herholt, Antisemitismus in der Antike. Kontinuitäten und Brüche eines historischen Phänomens, Gutenberg: Computus 2009.

Wo sind die historischen Wurzeln des modernen Antisemitismus zu suchen? Eine heterogene Minderheit von Forschern begreift die christliche Judenfeindlichkeit in Spätantike und Mittelalter als Quelle auch des modernen Antisemitismus. Die Mehrheit der Historiker unterscheidet dagegen Antisemitismus von vormodernen Formen der Judenfeindschaft und verortet seine Entstehung im 19. Jahrhundert, d.h. im Zeitalter des Umbruchs zur industriekapitalistischen Moderne. Beide Schulen sind sich allerdings darin einig, die Zeit vor der Konstantinischen Wende und somit die pagane Judenfeindlichkeit der griechisch- römischen Antike auszublenden. Dabei hat die Altertumswissenschaft, zumeist ohne institutionelle Verbindung zur Antisemitismusforschung, bereits etliche Arbeiten zu Entstehungsbedingungen und Stereotypenmuster vorchristlicher Judenfeindlichkeit vorgelegt. Hier sei auf John Gager, Louis H. Feldman, Karl Leo Noethlichs, Peter Schäfer, Zvi Yavetz, Ernst Baltrusch und René S. Bloch verwiesen. Schon vor dem Holocaust war das Thema Judenfeindlichkeit in der Antike ein intensiv und kontrovers diskutiertes Forschungsfeld, wie der RE- Artikel Isaak Heinemanns aus dem Jahr 1931 zeigt. So betritt auch die neueste Studie von Volker Herholt bekanntes Terrain.

Forschungsstand

Alleine 77 von 158 Seiten des Buches widmen sich dem Stand der Antisemitismusforschung sowie theoretischen und methodischen Fragen. Das erscheint angesichts der begrifflichen Verwirrung und methodischen Unzulänglichkeiten vieler Studien zur antiken Judenfeindlichkeit auch nötig. Sehr differenziert diskutiert Herholt die Anwendbarkeit des Antisemitismusbegriffs. Besonders die Unterscheidung zwischen einem engen (Reinhard Rürup) und weiten Antisemitismusbegriff (Alex Bein) schafft hier Klarheit. In der Altertumswissenschaft macht Herholt zwei zentrale Forschungskontroversen aus. Erstens, in welchem Verhältnis standen pagane und christliche Judenfeindlichkeit zueinander? Zweitens, ob und inwiefern unterschied sich Judenfeindlichkeit von anderen Ressentiments der Griechen und Römer gegenüber den „Barbaren“?

Mentalitätsgeschichte, historische Anthropologie, Soziobiologie

Leider knüpft der empirische Teil dann kaum an diese Forschungskontroversen an. Zum einen, weil sich Herholt auf eine Detailanalyse von Tacitus „Judenexkurs“ (Historien, ca. 109 n.Chr.) beschränkt, weshalb er die Entwicklung antiker Judenfeindschaft über einen längeren Zeitraum hinweg nicht verfolgen kann. Zweitens entdeckt der Autor urplötzlich seine Liebe für Mentalitätsgeschichte, historische Anthropologie und Soziobiologie, die in der etablierten Vorurteilsforschung bestenfalls Außenseiterdisziplinen sind und deren Anwendbarkeit auf antike Quellen mehr als fragwürdig ist.

Verlässliche Aussagen über Mentalitäten zu treffen, die die Entstehung von Antisemitismus begünstigten, ist aufgrund der Quellenlage ein gewagtes Unterfangen. Die überlieferten literarischen Zeugnisse sind mit einer konkreten politischen Intention geschrieben worden (das ist gerade bei Tacitus ganz offensichtlich) und erlauben keine Rückschlüsse auf mentale Dispositionen breiter Bevölkerungsschichten. Das Judentum war in Rom immerhin eine „religio licita“, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass die Haltung des Tacitus Ausdruck einer allgemein vorherrschenden Mentalität war. Ähnlich sinnlos ist die Rezeption von historischer Anthropologie und Soziobiologie. Ausgerechnet ein komplexes gesellschaftliches Phänomen wie Antisemitismus aus der conditio humana anstatt dem historischen Kontext erklären zu wollen, kommt einer Kapitulation vor der Geschichte gleich.

Der „Judenexkurs“ des Tacitus

Zum Glück wendet Herholt mentalitätsgeschichtliche, anthropologische und biosoziale Ansätze eher zurückhaltend auf die Quellen an. Seine detaillierte Analyse von Tacitus „Judenexkurs“ konzentriert sich eher darauf, die Aussagen des Tacitus mit anderen römischen Autoren zu vergleichen und den Stand der philologischen und historischen Forschung zu diesem Text zu überprüfen. Herholt gelangt zu dem Urteil, dass sich Tacitus nicht darauf beschränkte, vorhandene Stereotype über Herkunft, Religion und Lebensweise der Juden zusammen zu stellen. Vielmehr habe er, deutlich über die üblichen antibarbarischen Ressentiments hinausgehend, mit dem zentralen Vorwurf der Misanthropie den Juden feindselige Absichten gegenüber allen anderen Völkern unterstellt. Insofern erscheint die Anwendung des Antisemitismusbegriffs, sofern man von einer weiten Begriffsdefinition ausgeht, durchaus gerechtfertigt. Welchen Erkenntniswert angesichts der bei Tacitus anzutreffenden Verdichtung judenfeindlicher Ressentiments zu einem komplexen kulturellen Code anthropologische und biosoziale Ansätze haben sollen, bleibt wohl Herholts Geheimnis. Dort, wo er sie unter Berufung auf Anne Kathrin und Heiner Flohr anwendet, führen sie zu quellenfernen Spekulationen über die evolutionäre Notwendigkeit von ethnozentrischem Verhalten. Schlimmer als die wissenschaftliche Unfruchtbarkeit, ist das krude biologistische und sozialdarwinistische Menschenbild solcher rein apodiktisch gesetzten Annahmen. In einigen Passagen gewinnt man den Eindruck eines Rückfalls in substantielle Erklärungen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Antisemitismus als quasi "natürliche" Reaktion der heidnischen Umwelt auf die religiösen, kulturellen oder gar rassischen Besonderheiten des Judentums deuteten. Herholt, der sich ansonsten auf einem hohen Reflexionsniveau bewegt, ist hier in eine erkenntnistheoretische Sackgasse geraten. Hilfreicher wäre eine stärkere Einbeziehung des historischen Kontexts gewesen, um die Ursachen antiker Judenfeindlichkeit zu erkunden. Ein genauerer Blick auf die römische Herrschaft in Palästina und das Verhältnis zum Diasporajudentum im Mittelmeerraum wäre dringend geboten gewesen.

Fazit

Herholt scheint dagegen von der Annahme auszugehen, dass manche judenfeindliche Stereotypen Kontinuitäten über alle historischen Kontexte hinweg aufweisen. Daher möglicherweise auch sein Interesse an Mentalitätsgeschichte, Anthropologie und Soziobiologie. Häufig verwechselt er jedoch die „Erfindung von Tradition“ durch die Antisemiten mit tatsächlicher Tradierung und fällt daher weit hinter Christhard Hoffmanns Forschungsergebnisse zur modernen Rezeption des antiken Judenbildes zurück. Herholt beklagt, dass der Antisemitismusforschung ein theoretischer Überbau fehlt, der es erlaubt, judenfeindliches Denken und Handeln von der Antike bis in die Gegenwart auf der Basis überzeitlicher Strukturmerkmale zu untersuchen. Daran wird aber auch seine Studie nichts ändern, denn die „Judenfrage“ als überzeitliches Weltproblem ist eine antisemitische Erfindung und daher eine Chimäre. Einen ontologischen Antisemitismus jenseits zeitgebundener Strukturen gibt es (zum Glück) nicht.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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