Antisemitismus in Stuttgart 1871- 1933

Cover Ulmer, Antisemitismus in Stuttgart - Metropol
Cover Ulmer, Antisemitismus in Stuttgart - Metropol
Rezension zu Martin Ulmer, Antisemitismus in Stuttgart. Studien zum öffentlichen Diskurs und Alltag, Berlin: Metropol 2011.

Der Mythos vom „liberalen Südwesten“ ist bis heute in der Regionalgeschichtsschreibung weit verbreitet. Im Gegensatz zu Preußen habe man in Baden und Württemberg die Tradition der Revolution von 1848/49 nicht über Bord geworfen und sich eine gesunde Skepsis gegenüber dem preußisch- kleindeutschen Obrigkeitsstaat bewahrt. Radikalnationalismus und Antisemitismus seien weniger verbreitet gewesen als in anderen Teilen Deutschlands. Für Baden ist diese These in der jüngeren Forschung bereits relativiert worden, nun hat Martin Ulmer auch für Stuttgart und den württembergischen Raum eine Studie vorgelegt, die den Mythos vom „liberalen Südwesten“ erschüttert.

Kaiserreich

Die Antisemitenparteien des Kaiserreichs konnten in Württemberg kaum Fuß fassen, allerdings nur, weil der Antisemitismus bereits von anderen Parteien, Vereinen und Verbänden okkupiert war. Die Konservativen und die nationalliberale Deutsche Partei, gelegentlich auch das Zentrum, bedienten in Wahlkämpfen, Parlamentsreden und ihrer Presse judenfeindliche Vorurteile. Neben dem eher gemäßigten und codierten Antisemitismus der Parteien etablierte sich eine radikalere und offenere Judenfeindlichkeit in der völkischen Bewegung und in wirtschaftlichen Interessenverbänden. Für beide entwickelte sich Stuttgart, mit seinem kleinbürgerlichen Sozialprofil, zu einer Hochburg. Neben dem ideologischen Antisemitismus im politischen Feld waren in der Alltagskultur eher traditionelle judenfeindliche Denk- und Handlungsmuster verbreitet. Sie blieben allerdings zumeist unter der Verschriftlichungsschwelle, so dass Ulmer nur auf den antisemitischen Massenkrawall von 1873 und die Umbenennung der Stuttgarter Judenstraße durch die christlichen Anwohner 1893 verweisen kann. Damit hat er immerhin zwei Ereignisse zu Tage gefördert, die Antisemitismusforschung und Landesgeschichte bislang kaum im Blick hatten.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Ein großes heuristisches Plus von Ulmers Längsschnittstudie ist, dass sie die Verhältnisse bis zur NS- Machtergreifung 1933 weiter verfolgt und so einen Vergleich zwischen dem Antisemitismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ermöglicht. Mit Ausnahme der Zeit zwischen 1919 und 1924 war Württemberg eine Hochburg konservativer, völkischer und republikfeindlicher Kräfte, die in Form der Bürgerpartei sogar die Landesregierung unter Staatspräsident Wilhelm Bazille stellten. Dem Aufstieg der NSDAP in den 1930er Jahren sei seit dem Ersten Weltkrieg durch Enttabuisierung und Radikalisierung des Antisemitismus der Boden bereitet worden. Rechtsparteien, Völkische und Nationalsozialisten waren in Stuttgart früh eng miteinander verzahnt und unterschieden sich in Sachen Antisemitismus kaum voneinander. Eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dieses Netzwerkes kam dem völkischen Multifunktionär Alfred Roth zu. Die bürgerlichen Parteien, Vereine und Verbände, für die ein codierter Antisemitismus mittlerweile Allgemeingut geworden war, erwiesen sich ebenso als Schrittmacher der Radikalisierung. Selbst die KPD geriet aus opportunistischen Gründen ins antisemitische Fahrwasser. Die Universalisierung des Antisemitismus blieb nicht folgenlos. Obwohl die Stuttgarter Juden auch im Kaiserreich nur teilintegriert waren, sahen sie sich nun zunehmender Diskriminierung ausgesetzt. Die angeblich liberale politische Kultur Württembergs atmete nicht im Geringsten den Geist der Weimarer Verfassung.

Universalisierung und Normalisierung

Zur Erklärung der Entstehung und Verbreitung des modernen Antisemitismus in Stuttgart und Württemberg lehnt Martin Ulmer die Rosenbergsche Krisentheorie ab. Antisemitismus habe sich nicht in unmittelbarer Reaktion auf wirtschaftliche Krisensituationen verschärft, sondern sei durch permanente Präsenz im öffentlichen Diskurs, in codierter und offener Form, zur gesellschaftlichen Normalität geworden. Universalisierung und Normalisierung des Antisemitismus seien in Stuttgart dadurch begünstigt worden, dass die Distanz zwischen dem etablierten Bürgertum und dem völkischen Radikalismus deutlich geringer gewesen sei als in anderen Städten. Außerdem bringt Ulmer den Faktor Konfession ins Spiel. Er vergleicht das mehrheitlich protestantische Stuttgart mit den katholischen Großstädten Köln und Düsseldorf und kommt zu dem Ergebnis, dass der mit dem Nationalismus eng verbundene Protestantismus Judenfeindlichkeit begünstigt habe, während sich Katholiken toleranter zeigten. Was für die drei genannten Städte stimmen mag, lässt sich allerdings nicht verallgemeinern. Es gibt auf protestantischer wie katholischer Seite etliche Gegenbeispiele. So spielte der Antisemitismus in Frankfurt a.M., Breslau und Königsberg lange Zeit kaum eine Rolle, während das katholische München in den 1920er Jahren zu einer antisemitischen Hochburg wurde.

Codierter Antisemitismus

An zahlreichen Beispielen widmet sich Ulmer ausführlich den sprachlichen Codierungen des Antisemitismus. In vielen Reden und Texten kommen die Begriffe „jüdisch“, „Jude“ oder „Judentum“ gar nicht vor, und dennoch transportierten sie antisemitisches Gedankengut. Dies funktionierte, weil bestimmte Schlüsselbegriffe so oft in antisemitischen Kontexten verwendet wurden, dass ihnen eine judenfeindliche Konnotation auch ohne expliziten Verweis auf „die Juden“ anhaftete. Daher genügt Ulmer allein der Nachweis bestimmter Codewörter wie „Wucher“, „Schacher“, „Börse“ usw., um Antisemitismus zu diagnostizieren. Ob eine Äußerung antisemitisch gemeint war und so verstanden wurde, hängt jedoch vom Sprecher bzw. Schreiber sowie vom Kontext und den Rezipienten ab. Den jeweiligen Intentionen und Rezeptionen geht der Autor vielfach allerdings gar nicht auf den Grund oder begnügt sich mit Spekulationen. Für die rechtsextremistische Szene liegt der weltanschauliche Charakter und propagandistische Gebrauch des Antisemitismus auf der Hand. Doch für sein Überschwappen bis ins liberale Bürgertum und in die Arbeiterbewegung ist die Übernahme bestimmter Begriffe und Diskurse kein hinreichender Beleg.

Mangelnde Ursachenforschung

Martin Ulmers Studie überzeugt in ihren empirischen Ergebnissen, weniger in ihrem methodischen Ansatz. Von der Analyse der politischen Kultur Württembergs abgesehen, bleibt die Ursachenforschung hinter dem Nachweis antisemitischer Tendenzen zurück. Mentalitätsgeschichte und Diskursanalyse neigen zur Tautologie, indem sie Entstehung und Verbreitung von Antisemitismus auf judenfeindliche Mentalitäten und Diskurse zurückführen. Antisemitismus wird aus Antisemitismus erklärt, anstatt aus gesellschaftlichen Verwerfungen, die mit einer „Judenfrage“ gar nichts zu tun haben. Hier haben Ideen- und Sozialgeschichte, obwohl sie nicht gerade im postmodernen Trend liegen, mehr zu bieten. Leider pflegt Ulmer ein rein affirmatives Verhältnis zur „neuen Kulturgeschichte“ und versäumt es, Erkenntnischancen und -grenzen dieser Disziplin für die Antisemitismusforschung kritisch abzuwägen. Das hätte seine Arbeit nicht schwächer, sondern stärker gemacht.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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