Antisemitismus und Antikapitalismus

Zur Kulturgeschichte sozioökonomischer Judenstereotype 1850- 1933

Cover Lange, Antisemitic Elements - http://www.amazon.de/Antisemitic-Elements-Capitali
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Rezension zu Matthew Lange, Antisemitic Elements in the Critique of Capitalism in German Culture 1850- 1933, Oxford: Lang 2007.

Kapitalismuskritik - von der marxistischen Fundamentalkritik einmal abgesehen - strebt die Moralisierung der marktwirtschaftlichen Ordnung an. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass diese Kritik zuweilen selbst auf fragwürdigen moralischen Grundlagen beruht und zu Komplexitätsreduzierung, Personifizierung, Feindbildkonstruktionen und Verschwörungstheorien neigt. Ein extremes Beispiel hierfür ist die Verbindung zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus.

Vorstellungen jüdischer Dominanz im Wirtschaftsleben bilden eine Konstante in der Geschichte der Judenfeindlichkeit. Aus der Gleichsetzung des „Juden“ mit wucherischem Handel und Geldwirtschaft wurde im Verlauf der Industrialisierung die Identifikation der Juden mit den negativen Erscheinungsformen des kapitalistischen Wirtschaftssystems und den Verwerfungen einer säkularen, rationalistischen und urbanen Moderne. Der Literaturhistoriker Matthew Lange hat nun nachgezeichnet, wie das Stereotyp vom „jüdischen Kapitalisten“ zwischen 1850 und 1933 durch fiktionale wie nichtfiktionale Texte geisterte und die politische Kultur Deutschlands nachhaltig prägte.

Ideologische Grundlagen der antisemitischen Kapitalismuskritik

Obwohl die antisemitische Kapitalismuskritik in vielen verschiedenen Varianten und Kontexten auftrat, verfügte sie über eine in sich geschlossene Ideologie, die sich innerhalb des Untersuchungszeitraums kaum veränderte. Alle negativen Begleiterscheinungen des Kapitalismus, häufig unter dem Schlagwort des „Manchestertums“ zusammengefasst, wurden mit den Juden identifiziert. Um dies plausibel zu machen, zerlegten die Antisemiten den Kapitalismus in eine „gute“ Sphäre der Produktion und eine „böse“ Sphäre der Zirkulation (Handel, Banken, Börse) und ordneten letztere den Juden zu. Darauf lässt sich die so häufig anzutreffende Gegenüberstellung von „schaffendem Kapital“ (= deutsch, national, produktiv, ehrlich) und „raffendem Kapital“ (= jüdisch, international, akkumulierend, kriminell) zurückführen. So transformierte man die soziale Frage in eine „Judenfrage“ und den Klassenkampf in einen Rassenkampf. Hauptadressaten der antisemitischen Kapitalismuskritik waren alter und neuer Mittelstand, die sich in einer doppelten Bedrohungslage zwischen großem Kapital und aufstrebender Arbeiterbewegung wähnten. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie darüber hinaus auch weitere gesellschaftliche Schichten erreichte.

Der Textkanon

Den Topos vom „jüdischen Kapitalisten“ verfolgt Lange in einer Vielzahl von literarischen, politischen und sozialwissenschaftlichen Quellen. Darunter befinden sich hinlänglich bekannte und „totgeforschte“ Texte wie Karl Marx’ Zur Judenfrage (1844) oder Gustav Freytags Soll und Haben (1855), aber auch wenig bekannte Literaten und politische Publizisten, die zumeist unter Pseudonym schrieben, zum Beispiel Rudolf Ludwig Oeser (1807- 1859), der den vermeintlichen „Judenwucher“ auf dem Lande literarisch geißelte, Hermann Goedsche (1815- 1878), dessen Roman Biarritz eine Vorlage für die Protokolle der Weisen von Zion lieferte und Arthur Richard Weber mit seinen Verschwörungstheorien über die Börse. Die Berücksichtigung fiktionaler und nichtfiktionaler Texte ist hervorragend geeignet, die gegenseitige Beeinflussung von Literatur und Politik aufzuzeigen. So wird auch erklärlich, warum sich im modernen Antisemitismus die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit immer mehr auflöste und schimärische Judenstereotype die Oberhand gewannen. Einziger kleiner Makel was den „Textkanon“ betrifft ist, dass Lange mit Wilhelm Raabes Hungerpastor (1864) ein sehr einflussreiches Werk der antisemitischen Kapitalismuskritik offenbar entgangen ist.

Antikapitalismus oder Antimodernismus?

Der Autor konzentriert sich auf die Gleichsetzung von Judentum und Kapitalismus. Dabei fällt ihm jedoch schnell auf, dass dieses Stereotyp häufig in Verbindung mit anderen sozioökonomischen Judenstereotypen stand: der Jude als Repräsentant des Liberalismus, der Jude als Beherrscher von Presse und Kultur, der Jude als typischer Großstadtmensch, der Jude als Kosmopolit, der Jude als Anhänger einer minderwertigen Gesetzesethik („Talmudismus“). Angesichts dessen hätte Lange die Frage aufwerfen müssen, ob sozioökonomische Judenstereotype nicht eher ein Ausdruck von Antimodernismus als von Antikapitalismus waren. Bezeichnenderweise verfügte die antisemitische Kapitalismuskritik über keine revolutionäre oder reformistische Perspektive, sondern begnügte sich mit dem „Allheilmittel“ der „Judenfrage“ und sozialromantischen Gemeinplätzen.

Eine dritte Form der Kapitalismuskritik?

Lange behauptet, dass sich der Antisemitismus seit den 1850er Jahren als dritte Form der Kapitalismuskritik etablierte, neben dem Sozialismus und der christlichen Soziallehre. (S. 16) Das widerspricht den eigenen Befunden des Autors, die nahe legen, dass die Gleichsetzung von Judentum und Kapitalismus zeitweilig auch bei Linken, Liberalen und konservativen Christen beider Konfessionen Anhänger fand. Als Beispiele lassen sich der ADAV- Vorsitzende Johann Baptist von Schweitzer (1833- 1875), der katholische Politiker Georg Ratzinger (1844- 1899) und der spätere Kommunist Bernhard Kellermann (1879- 1951) nennen. Gerade der Präsenz sozioökonomischer Judenstereotype in Milieus, die sich selbst nicht als antisemitisch verstanden oder sogar den politischen Antisemitismus bekämpften, hätte man mehr Aufmerksamkeit widmen müssen. Zu korrigieren ist außerdem Langes Fehleinschätzung der „Kathedersozialisten“ und des Vereins für Socialpolitik (VfS). In beiden erkennt er Vorläufer der NS- Wirtschafts- und Sozialpolitik (S. 99), obwohl sie tatsächlich eher einem reformorientierten Liberalismus zuzuordnen sind. Man denke beispielsweise an Max Weber und Friedrich Naumann. Dennoch wurde in der Tat auch im VfS das Zerrbild von einer „jüdischen Wirtschaftsgesinnung“ gepflegt, so in der viel zitierten Studie über den Wucher auf dem Lande (1888).

Historischer Kontext und Rezeptionsforschung

Langes Stärke ist die detaillierte Analyse der gut ausgewählten Quellen. Viel zu kurz kommt dagegen der historische Kontext der untersuchten Werke. Die jeweilige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation wird am Anfang eines jeden Kapitels nur oberflächlich skizziert. Häufig verengt sich sogar der Blick allein auf die Geschichte der antisemitischen Bewegung. Da Lange kaum Rezeptionsforschung betrieben hat, kann er nicht erklären, warum sozioökonomische Judenstereotype so populär waren und vielen Menschen offenbar glaubwürdiger erschienen als andere Vorurteile über Juden. Hauptursache dieses Defizits dürfte sein, dass Lange ausschließlich auf Quellen zurück gegriffen hat, die auch in den USA verfügbar sind, während er auf die Nutzung von Archivalien, Zeitungen und Zeitschriften völlig verzichtet hat.

Fazit

Die kulturgeschichtliche Vorurteilsforschung zum Antisemitismus hat sich vorrangig alten religiösen und neuen rassistischen Stereotypen zugewandt, während sie sozioökonomische Zuschreibungen vernachlässigt hat. Dabei bildeten sie den eigentlichen Brückenkopf des modernen Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft, weil sie über ein Ausmaß an Glaubwürdigkeit (nicht Realitätsnähe!) verfügten, das Klassen- und Konfessionsgrenzen transzendierte. Das Verdienst Matthew Langes ist es, diese Forschungslücke entdeckt zu haben. Um sie auszufüllen, werden allerdings noch weitere Studien nötig sein.

Matthew Lange, Antisemitic Elements in the Critique of Capitalism in German Culture 1850- 1933, Oxford: Lang 2007. ISBN 978-3-03911-040-7

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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