
- Cover Smith, The Continuities of German History - Cambridge Univ. Press
In Germans, Jews and Antisemites hat die israelische Historikerin Shulamit Volkov ihre wichtigsten Essays zur deutsch- jüdischen Geschichte und zur Antisemitismusforschung aus den 1970-90er Jahren zusammengeführt und teilweise aktualisiert. Methodisch bewegt sich Volkov, entgegen der Vereinnahmung ihres Werks durch die „neue Kulturgeschichte“, überwiegend auf dem Boden der Sozialgeschichte. Besonders wertvoll sind Volkovs Studien aber, weil sie einen seltenen Versuch darstellen, zwischen der israelischen (zumeist zionistischen) und der europäischen bzw. amerikanischen (zumeist assimilationsorientierten) Perspektive auf die deutsch- jüdische Geschichte zu vermitteln. Auch das Buch des US- amerikanischen Historikers Helmut Walser Smith stellt eine Synthese älterer Forschungsergebnisse dar. Im Gegensatz zu Volkov beschränkt sich Smith aber weitgehend auf den Antisemitismus und ihm verwandte Ideologien, deren Entwicklung er aus ideen- und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive verfolgt.
War der Holocaust vorhersehbar?
Diese Frage stellt Shulamit Volkov an den Anfang ihrer Aufsatzsammlung und beantwortet sie skeptisch. Nur wenige Außenseiter, die weder in der Mehrheitsgesellschaft noch im Judentum verwurzelt waren, diagnostizierten frühzeitig ein Scheitern von Emanzipation und Assimilation. Die Mehrheit der deutschen Juden, lange Zeit einschließlich der Zionisten, dachte anders. Das lag zum einen an der Natur des modernen Antisemitismus. Er war zwar ein beunruhigendes Phänomen, beschränkte sich aber zur Zeit des Kaiserreichs auf einen „kulturellen Code“ innerhalb des „nationalen Lagers“. Antisemitismus bildete ein Mittel nationalistischer und antimoderner Selbstverständigung, ohne zu einer „sozialen Norm“ zu werden oder konkrete politische Konsequenzen zu zeitigen. Daher erkannten viele assimilierte Juden zu spät, dass der Nationalsozialismus gewillt war, vom Wort zur Tat überzugehen. Zum anderen trug der Blick ins Ausland zur Beruhigung bei. Gegenüber dem explosiven Antisemitismus in Frankreich zur Zeit der Dreyfusaffäre und den Pogromen in Russland stellte sich die Rechtslage im deutschen Kaiserreich, trotz der verbliebenen Diskriminierungen, als vergleichsweise gesichert dar.
Assimilation oder Verbürgerlichung?
Eine beruhigende Wirkung zeitigte ebenso die Tatsache, dass die deutschen Juden seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen rapiden sozialen Aufstieg vom diskriminierten Rand der Gesellschaft ins etablierte Bürgertum erlebt hatten. Doch dieser Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Seit der Zeit der Aufklärung stellte sich die Judenemanzipation in der öffentlichen Meinung als ein Tauschgeschäft dar, in dem die rechtliche Gleichstellung im Austausch gegen die Aufgabe der ethnischen Gruppenidentität gewährt werden sollte. Aus sozialgeschichtlicher Perspektive weist Volkov überzeugend nach, dass es unter den Bedingungen einer kapitalistischen Industriegesellschaft nicht zu einer Assimilation der Juden kommen konnte. Warum hätten sie profitable Berufsfelder im Handel zugunsten der geschwächten Sektoren Landwirtschaft und Handwerk aufgeben sollen? Die Juden glichen sich vielmehr dem deutschen Bürgertum an, anstatt der Mehrheitsgesellschaft insgesamt. Daher kann es kaum verwundern, dass die Krise des Bürgertums in Weltkrieg und Revolution eine Radikalisierung des Antisemitismus mit sich brachte.
Ursprünge oder Ursachen?
War der Antisemitismus nicht ein ständiger Begleiter jüdischer Existenz in der Diaspora, ganz gleich welche gesellschaftliche Stellung die Juden einnahmen? Volkov wendet sich gegen Historiker, die die Suche nach Ursprüngen mit der Suche nach Ursachen von Antisemitismus verwechseln. Judenfeindlichkeit sei zwar ein uraltes Phänomen, aber dennoch keine anthropologische Konstante. Die Vertreter der Kontinuitätsthese versäumten es, die zeitgebundene gesellschaftliche Funktion von Antisemitismus zu analysieren. Den Holocaust als zyklische Zerstörung jüdischer Diasporazentren oder als Endpunkt einer permanenten Radikalisierung des Antisemitismus zu verstehen, bedeute, den Nationalsozialismus als Fortführung älterer Formen judenfeindlicher Gewalt zu verkennen. Der Nationalsozialismus entfesselte aber eine neue Dimension der Verfolgung, die aus der Entstehung des Antisemitismus, ganz gleich in welcher Epoche man sie ansetzt, kaum vorhersehbar war.
Während Volkov Kontinuitätsthesen grundsätzlich ablehnt, widmet sich Helmut Walser Smith ihrer Überprüfung. Dabei rehabilitiert er die These, dass der Nationalsozialismus auf älteren Formen von Rassismus und Antisemitismus, die seit dem 19. Jahrhundert einen Radikalisierungsprozess durchliefen, aufbaute. Im Unterschied zu älteren Versionen der Kontinuitätsthese, geht er aber nicht von einer linearen Entwicklung oder der Identität alter und moderner Formen von Judenfeindlichkeit aus. Vielmehr verfolgt Smith auf der Basis eines mentalitätsgeschichtlichen Ansatzes Tradierung und Transformation von Judenfeindlichkeit quer durch das lange 19. Jahrhundert.
Die Kontinuitätsfrage und ihre Fluchtpunkte
In den Mittelpunkt seines Buches stellt Helmut Walser Smith die Frage, inwiefern der Nationalsozialismus kein „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte war, sondern auf längeren historischen Kontinuitäten aufbauen konnte. Smith erläutert, dass die Beantwortung der Kontinuitätsfrage vom jeweiligen Fluchtpunkt abhängt. Dieser war für die Historiographie bis in die 1980er Jahre primär die Machtergreifung. So richtete sich das Interesse der Forschung auf die demokratiefeindlichen Traditionen alter Eliten, die politische Modernisierungsprozesse im Kaiserreich folgenschwer hintertrieben hätten. Neuere Studien haben den Fluchtpunkt von 1933 auf 1941, d.h. den Beginn des Holocausts, verschoben. Ihnen geht es weniger um die politischen Rahmenbedingungen für die nationalsozialistische Herrschaft, sondern die Ermöglichung moderner Massengenozide durch den Verlust von Humanität. Aus dieser Perspektive erscheinen Phänomene wie Nationalismus, Imperialismus, Rassismus und Antisemitismus nicht als Produkte verhinderter Modernisierung, sondern als inhärenter Bestandteil der Moderne selbst.
Smith steht diesem Paradigmenwechel zu Recht skeptisch gegenüber und grenzt sich von prominenten soziologischen und politologischen Erklärungsversuchen ab. Nach Zygmunt Bauman sei die Bestreitung des Existenzrechts von Minderheiten ein Signum der Moderne schlechthin. Smith wendet sich dagegen, die Verfolgungsmaßnahmen totalitärer Regime des 20. Jahrhunderts der Moderne insgesamt anzulasten, denn so sei die Radikalisierung von Rassismus und Antisemitismus nicht erklärbar. Die judenfeindlichen Ausschreitungen im 19. Jahrhundert waren weder in ihren Motiven noch in ihren Methoden modern. Ebenso wendet sich der Autor gegen Daniel Goldhagens These, dass es einen spezifisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ schon vor Hitler gab. Smiths vergleichender Blick über den nationalen Tellerrand hinaus lässt schnell deutlich werden, dass von einem „deutschen Sonderweg“ in Sachen Antisemitismus nicht ausgegangen werden kann. Gegen die Vereinfachungen von Bauman und Goldhagen setzt der Autor eine sehr anspruchsvolle diachrone und transnationale Betrachtungsweise. Sie verdeutlicht, dass der Weg vom vormodernen Pogrom zum modernen Genozid über mehrere Stufen mentaler Tradierung und gleichzeitiger Radikalisierung führte.
Tradierung und Radikalisierung von Rassismus und Antisemitismus
Die traditionelle judenfeindliche Gewalt der Vormoderne war zumeist religiös oder wirtschaftlich motiviert. Hier fanden Antisemiten einen Anknüpfungspunkt als es im 19. Jahrhundert um die rechtliche Gleichstellung der Juden ging. Smith deutet die symbolische Gewalt gegen die Judenemanzipation als „Nachspielen“ mittelalterlicher Pogrome. Das Ziel war die Exklusion der Juden aus der lokalen Gemeinschaft, nicht hingegen ihre Vertreibung oder physische Vernichtung wie im Mittelalter. Diesem Muster folgten die Hep- Hep- Krawalle in Deutschland 1819 ebenso wie die Ausschreitungen 1898 in Frankreich im Zusammenhang mit der Dreyfusaffäre. Von einer anderen Qualität waren bereits die russischen Pogromwellen seit den 1880er Jahren, weil sie vor Mordaktionen nicht zurückschreckten. Eine systematische Planung und obrigkeitliche Steuerung lag ihnen allerdings nicht zugrunde.
Politische Gewalt, die nicht mehr als spontanes Pogrom, sondern als geplante Vernichtungsaktion angelegt war, lässt sich eher bei der Niederschlagung von Aufständen in den Kolonien beobachten. Ideologisch unterstützt wurde sie vom modernen Rassismus, der die Ausbeutung oder Ausmerzung minderwertiger Völker legitimierte. Die Juden waren davon zunächst nur in der Theorie betroffen durch die Erklärung der „Judenfrage“ zur „Rassenfrage“. Mit der Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg wurden erstmals Vorstellungen ethnischer Säuberungen nun auch auf dem europäischen Kontinent zu einer ernst gemeinten Option.
Seit der Hochphase des Radikalnationalismus Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ein Bedeutungsverlust natur- und menschenrechtlicher Vorstellungen ab, der sich voll zu Lasten von ethnischen Minderheiten innerhalb der europäischen Nationalstaaten auswirkte. Dennoch sei die Radikalisierung von Rassismus und Antisemitismus kein linearer Prozess gewesen. Ältere Formen von Gewaltphantasien wurden häufig reaktiviert und gingen in moderne Formen über. Smith verweist hier auf Ergebnisse der NS- Täterforschung: Die „Reichskristallnacht“ orientierte sich, dort wo die Ausschreitungen nicht verordnet, sondern spontan auftraten, noch an vormodernen Pogromen. Die Ausführung des Holocaust war, zumindest was die Tätigkeit der „Einsatzgruppen“ in Osteuropa anbelangt, kein rein bürokratischer Vorgang, vielmehr waren antisemitische Überzeugungstäter am Werk. Zudem verweist die hohe Anzahl an Österreichern und „Volksdeutschen“ unter dem Führungspersonal der SS auf die Verwurzelung von Rassismus und Antisemitismus in den ethnischen Konflikten Ostmitteleuropas.
Shulamit Volkov, Germans, Jews and Antisemites. Trials in Emancipation, Cambridge 2006.
Helmut Walser Smith, The Continuities of German History. Nation, Religion, and Race across the long nineteenth century, Cambridge 2008. (deutscher Titel: “Fluchtpunkt 1941. Kontinuitäten der deutschen Geschichte”)
